Keine Ahnung? Hast du schon gegoogelt?“ – Werden Internet-Suchmaschinen zu unserem zweiten Gedächtnis?

Mit unserem Smartphone tragen wir einen riesigen Wissensschatz täglich mit uns herum. Wir müssen uns nur selten über Unwissenheit sorgen, denn Google weiß Bescheid. Internet-Suchmaschinen dienen quasi als mobile externe Gedächtnisse. Vernachlässigen wir unsere Fähigkeit, Informationen aktiv in Erinnerung zu rufen? Eine Gedächtnisstudie zu diesem Thema zeigt, welchen Effekt Suchmaschinen wie Google auf unser Denken haben.

mmibasel_blog4.pngBild von Universität BaselEs liegt uns auf der Zunge, aber die Hauptstadt von Ecuador kommt uns einfach nicht in den Sinn. Kein Problem, denn das Internet findet die Antwort in Sekundenschnelle und erspart unserem Gehirn die Anstrengung. Denken wir heute eher an Google oder Wikipedia, bevor wir erst unser Gedächtnis beanspruchen? Welche Folgen hat dies für unsere Erinnerungsfähigkeit?

Eine Forschungsgruppe der Columbia Universität in New York hat sich mit diesen Fragen beschäftigt. Mittels Gedächtnisexperimenten untersuchte sie, ob wir intuitiv an Suchmaschinen denken, sobald wir mit  Wissensfragen  konfrontiert  werden.  Dazu stellte  die  Forschungsgruppe  ebendiese  Fragen  und beobachtete, wie stark sich die Versuchspersonen ablenken ließen, wenn sie direkt danach Wörter wie Google oder  Yahoo  im  Vergleich  zu  neutralen  Wörtern  wie  Nike  oder  Canon  sahen.  Die Versuchspersonen  ließen  sich stärker  von  „Suchmaschinen-Wörtern“ ablenken,  vor  allem  wenn  sie mehrere  Fragen  in  Folge  nicht  beantworten  konnten. Dies  überzeugte  die Forschenden,  dass  bei Unwissenheit das Bedürfnis nach einer Suchmaschine entsteht.

Aber wie gut erinnern wir uns an Informationen, wenn wir diese selbst in einem Computerprogramm speichern  und  wieder  aufrufen  können?  Dazu  ließen  die Forschenden  ihre VersuchspersonenAussagen  wie  „Das  Auge  eines  Straußes  ist  größer  als  sein  Hirn.“  auswendig  lernen  und  in  ein Computerprogramm eingeben. Dieses sagte manchmal, dass die Information direkt gespeichert wurde, dass  sie  in  einem  bestimmten  Ordner  abgelegt  wurde,  oder  dass  sie  nicht  gespeichert  wurde.  Im Anschluss, als die Versuchspersonen die Aussagen ohne Computerhilfe wiedererkennen mussten, war ihre Wiedererkennungsleistung schlechter, wenn die Aussagen zuvor direkt gespeichert wurden. Bei den Aussagen, bei denen das Programm vorgab, sie in einem bestimmten Ordner abzulegen, konnten sich die Teilnehmenden zumindest an den Ort, also den Ordner, erinnern. Personen merken sich also eher den Ort, wo sie eine bestimmte Information finden können, aber weniger deren genauen Inhalt. Die Forschenden interpretieren dies als Anpassung des Gedächtnisses an die gegenwärtige technische Umwelt.   Der   heute   vorherrschende   Informationsüberfluss   verleitet   uns   dazu,   unsere Gedächtnisressourcen optimal einzuteilen und uns nur das jeweils Notwendigste zu merken.

Das Internet entwickelt sich zum zweiten, externen Gedächtnis. Weil dieses neue Nachschlagewerk aber gigantisch  ist,  müssen  wir wissen, wo  genau  wir die relevanten Informationen finden  können. Unsere  Erinnerungsfähigkeit  nimmt  dadurch  nicht  ab,  wir  tendieren  aber  dazu,  uns  eher  den Speicherort der Information und weniger die Information an sich zu merken.

Quelle:

Sparrow, B., Liu, J. & Wegner, D. M. (2011). Google effects on memory: Cognitive consequences of having information at our fingertips. Science, 333, 776-778.