Kinder als Zeugen – Können wir ihnen glauben?

Kinder sind als Augenzeugen weniger zuverlässig als Erwachsene. Das liegt daran, dass ihre Erinnerungen häufiger fehlerhaft sind und sie leichter durch Suggestionen beeinflusst werden können. Diese Meinung ist weit verbreitet und wurde auch in Gerichtsprozessen eindrucksvoll bestätigt. Aber stimmt das wirklich uneingeschränkt? Oder können Kinder manchmal sogar bessere Zeugen und Zeuginnen sein als Erwachsene? Dieser Frage widmet sich der folgende Blog.

Ende der 1990er Jahre fanden in Deutschland zwei aufsehenerregende Strafprozesse wegen massenhaften sexuellen Kindesmissbrauchs statt: der Montessori-Prozess und die Wormser The Whisper von Brian Smithson via Flickr (https://www.flickr.com/photos/smithser/3735204251), cc (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Prozesse. In beiden Prozessen waren kindliche Zeugenaussagen die einzigen Beweismittel. Allerdings zeigte sich, dass diese falsch und unter suggestivem Druck entstanden waren: Die wohlmeinenden Erwachsenen, die die Kinder zu den Vorwürfen befragten, waren so überzeugt davon, dass die Kinder missbraucht worden waren, dass sie dies in den Aussagen der Kinder unbedingt bestätigt sehen wollten. Das erreichten sie durch extrem suggestive Befragungsmethoden: Sie wiederholten ihre Fragen oder gaben irreführende „Erinnerungshilfen“, bis die Kinder schließlich die erwarteten Beschuldigungen machten. Zahlreiche Gedächtnisexperimente haben den negativen Einfluss von fehlerhaften Informationen und suggestiven Fragen auf unsere Erinnerungsleistung, vor allem auf die von Kindern, bestätigt. So gelingt es beispielsweise bei jüngeren Kindern leichter als bei älteren, sie durch einen fingierten Zeitungsartikel davon zu überzeugen, dass sie von Aliens entführt wurden. Aber sprechen diese Befunde dafür, dass man Kindern generell nicht glauben sollte, dass sie also schlechte Zeugen und Zeuginnen sind?

 Nein! Denn wenn Kinder eine Aussage spontan und mit eigenen Worten machen und ihnen lediglich offene Fragen wie „Weißt du, warum du hier bist?“ – „Erzähle mir mehr davon“ gestellt werden, können kindliche Zeugenaussagen sehr zuverlässig sein. So zeigen neuere Gedächtnisexperimente, dass Kinder im Vergleich zu Erwachsenen sogar manchmal eine bessere Erinnerungsleistung abgeben. Erwachsene neigen nämlich eher dazu, Erinnerungslücken durch Erfahrungswissen aufzufüllen. Kinder hingegen verfügen noch nicht über so viel sogenanntes Skriptwissen.

Skepsis gegenüber kindlichen Zeugenaussagen ist also angebracht, wenn man davon ausgehen muss, dass ein kindlicher Zeuge bzw. eine kindliche Zeugin Suggestionen ausgesetzt war. Um die Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen zu beurteilen, ist es deswegen unabdingbar, die Entstehungsgeschichte (Wurde das Kind durch fehlerhafte Informationen beeinflusst?) und die Befragungsumstände (Wurden suggestive, irreführende Fragen gestellt?) genau zu beleuchten. Kinder sowie Erwachsene sind nicht immer zuverlässige Augenzeugen, können es aber durchaus sein.

Literatur

Brackmann, N., Otgaar, H., Sauerland, M. & Merckelbach, H. (2015). Children are poor witnesses. Or are they? In Mind, 24, 1-6.

Brainerd, C. J., Reyna, V. F. & Ceci, S. J. (2008). Developmental reversals in false memory: A review of data and theory. Psychological Bulletin, 134, 343-382.

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