Nicht unbedingt fair, aber auch schwer zu ersetzen: Die Abiturnote als Hürde zum Hochschulstudium

In begehrten Studienfächern wie der Psychologie wird in der Regel die Abiturnote verwendet, um Studierende auszuwählen. Diese Praxis ist umstritten, weil Abschlussnoten im föderalen deutschen Bildungssystem nur bedingt vergleichbar sind. Aber ist die Abiturnote wirklich so schlecht wie ihr Ruf?

chalkboardIn begehrten Studienfächern wie der Psychologie sind Auswahlverfahren notwendig, da die Anzahl an Studienplätzen begrenzt ist. Dabei kommt der Note der Hochschulzugangsberechtigung (in der Regel die Abiturnote) eine besondere Bedeutung zu, was nicht immer fair ist. So bemängelte das Bundesverfassungsgericht in einem im Dezember 2017 gefassten Urteil zur Zulassung in das Medizinstudium, dass die Abiturnote in den unterschiedlichen Bundesländern auf unterschiedliche Art zu Stande kommt. Schülerinnen und Schülern aus Bundesländern mit laxeren Standards hätten also bei einer Auswahl auf Basis der Abiturnote einen Vorteil.

Kritiker der aktuellen Zulassungspraxis führen gelegentlich auch an, dass die Abiturnote nur unzureichend spezifische Begabung für einzelne Studienfächer ausdrücke. Aus diesem Grund sind viele Universitäten dazu übergangen, auch passende Einzelnoten für die Studierendenauswahl heranzuziehen. Aktuelle psychologische Forschung zeigt allerdings, dass ein solcher Schritt keinesfalls zu einer Verbesserung der Studierendenauswahl führt (Janke & Dickhäuser, 2018). So lässt sich nachweisen, dass die Abiturnote Studienerfolg deutlich besser vorhersagt als Einzelnoten. Sogar die Leistung in universitären Statistikprüfungen hängt stärker mit der Abiturnote zusammen als mit Mathematiknoten aus der Oberstufe. Letztlich erweist es sich hier als Vorteil, dass in die Abiturnote das Urteil vieler verschiedener Lehrkräfte eingeht, während Einzelnoten deutlich anfälliger für Beurteilungsfehler einzelner Lehrkräfte sind. Auch sogenannte praxisnahe Kriterien (u.a. fachnahe Praktika) standen nicht in Zusammenhang mit Studienerfolg.

Warum nun aber nicht auf fachspezifische Studierfähigkeitstests zurückgreifen? Schließlich zeigt psychologische Forschung deutlich, dass solche Tests den Studienerfolg sogar etwas besser vorhersagen als die Abiturnote (Formazin, Schroeders, Köller, Wilhelm & Westmeyer, 2011). Hier stellen sich aber ganz neue Fragen, wie beispielhaft wer die Testung bezahlt. Müssen die Kosten für Anreise und Testung von den Bewerbenden getragen werden, könnte es passieren, dass insbesondere Schülerinnen und Schüler aus finanziell schwächer gestellten Elternhäusern von einem Studium abgehalten werden.

Letztlich lässt sich die Abiturnote wohl nur schwer als Auswahlkriterium ersetzen. Sie ist wahrscheinlich nicht vollkommen fair, aber wahrscheinlich fairer als die Alternativen.

Quellen:

Formazin, M., Schroeders, U., Köller, O., Wilhelm, O. & Westmeyer, H. (2011). Studierendenauswahl im Fach Psychologie. Psychologische Rundschau, 62, 221-236.

Janke, S. & Dickhäuser, O. (2018). Zur prognostischen Güte von Zulassungskriterien im Psychologiestudium für Studienerfolgsindikatoren. Psychologische Rundschau, 69, 160-168.

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