#Nudging #Psychotricks #Defaults – Was ist das und tut das weh?

Ernähren sich Menschen gesünder, nur weil man ihnen Obst statt Schokopudding als Standarddessert anbietet? Und ist es nicht ethisch bedenklich, wenn die Regierung und Unternehmen mein Verhalten einfach so beeinflussen, ohne mich zu fragen? Zeit für eine Erklärung: Was ist Nudging, funktioniert das und muss ich mir jetzt Sorgen machen?

Fußballspiel für PissoirsFußballspiel für Pissoirs von Johannes Schuler (privates Foto des Autors)Viel war in letzter Zeit über das Modethema „Nudging“ zu lesen, also der bewussten Beeinflussung menschlichen Verhaltens, ohne dabei auf ökonomische Anreize oder Zwänge zurückgreifen zu müssen (Thaler & Sunstein, 2009). Unter Nudging versteht man ein Konglomerat an verschiedenen Techniken aus der Psychologie und der Verhaltensökonomie, die Personen dazu bewegen, ein gewünschtes Verhalten mit höherer Wahrscheinlichkeit zu zeigen.  

Um die Reinigungskräfte an öffentlichen Toiletten nicht unnötig zu strapazieren, kann es zum Beispiel äußerst hilfreich sein, den Spieltrieb des Mannes mithilfe eines kleinen Tors samt herunterhängendem Ball, das am Pissoir angebracht ist, zu wecken. Der Versuch, den Ball ins Tor zu „pinkeln“, gestaltet die Notdurft nicht nur unterhaltsamer, sondern auch deutlich treffsicherer. 

Bei dem oben genannten Beispiel gibt es sicher nicht viele Männer, die das als unzumutbaren Eingriff in ihre Freiheit interpretieren würden. Schon etwas fieser ist da die Veränderung eines Standards, dem sogenannten „default“. Stellen Sie sich vor, in der Kantine gibt es im Menü jeweils die Wahl zwischen einem Apfel und einem Schokopudding. Sagen Sie bei der Bestellung allerdings nichts, erhalten Sie automatisch den Apfel. Die Wahlfreiheit bleibt erhalten, lediglich der Standard wird bewusst ausgesucht und dann von vielen Menschen auch tatsächlich gewählt. Dieser kleine Trick funktioniert mit einer Vielzahl von Entscheidungen, zum Beispiel bei der Einwilligung zu Organspenden oder automatischen Rentensparplänen (siehe Thaler & Sunstein, 2009). Man möchte meinen, es sei ja nur zu unserem Besten, denn man will uns zu besserem Verhalten, also etwa besserer Ernährung, Rentenvorsorge oder ökologischerem Konsumbewegen. Was aber, wenn ich gar nicht weniger Auto fahren und noch weniger Fleisch essen möchte? Was, wenn ich unvernünftig viel Geld im Casino verprassen oder meinen Samstag mit Serien statt auf einem Trimm-Dich-Pfad verbringen will? Bevor man sich versieht, hat man per default auf einmal die low-carb-Rosenkohl-Risotto-Variante auf dem Tablett. Die berechtigte Frage ist also, ob der Staat oder andere mein Verhalten durch Nudging manipulieren dürfen oder nicht. Denn auch wenn ich weiterhin frei in meiner Entscheidung bleibe, werde ich doch beeinflusst. Viele Kritiker*innen halten solche bewusst gewählten defaults daher für Gängelei und einen unzulässigen Eingriff in das Verhalten der Bürger*innen (siehe Dams, Ettel, Greive & Zschäpitz, 2015). Erhitzen defaults also zu Recht landauf, landab die Gemüter des gemeinen Volkes? Für Verhaltensökonom*innen bieten sie großes Potenzial, denn sie können Verhalten effektiv manipulieren und das muss nicht immer in unserem Sinne sein. Auf welch dumme Ideen kommt bald die Bundesregierung, wenn selbst Flugportale es schaffen, uns unnötige Reiseversicherungen beim Kauf eines Flugeszu verkaufen, indem das Kaufhäkchen standardmäßig angeklickt ist?  

Warum aber funktionieren solche defaults eigentlich? McKenzie und Kolleg*innen (2006) gingen dieser Frage nach und fanden Erstaunliches heraus: Es ist nicht notwendigerweise mangelnde Anstrengung, die dazu führt, dass sich Personen für die vorausgewählte Option entscheiden. Durch die Vorauswahl einer Option kommuniziert der Entscheidungsträger bzw. die Entscheidungsträgerin dem/der Entscheider*in gleichzeitig, welche Option er bzw. sie für sinnvoll hält. Ein default wird damit auch als eine Empfehlung für Entscheider*innen wahrgenommen. Ob ich persönlich dieser Entscheidung folgen möchte, hängt davon ab, wie sehr ich dem/der Entscheidungsträger*in vertraue und wie unsicher ich bei der Entscheidung bin. Wichtig ist jedoch: Nehme ich einen default als Empfehlung wahr, bin ich mir des Einflusses bewusst und wäge ab, inwieweit der/die Entscheidungsträger*in meine Interessen im Sinn hat. Stehe ich den Empfehlungen von Staat und Regierung also ohnehin kritisch gegenüber, muss ich mir auch weniger Sorgen machen, dass eben diese mich mit gezielten defaults manipulieren können.  

Also Deutschland, erst einmal durchatmen, der Staat hat ganz andere Instrumentarien, über die wir uns ernsthafte Gedanken machen sollten: Oder haben Sie sich in letzter Zeit einmal gefragt, warum Ihre Steuererklärung so kompliziert, der Bezug von Sachleistungen für bedürftige Kinder so aufwendig oder ein Kindergeldantrag so lang ist? 

 

Quellen:  

Dams, J., Ettel, A., Greive, M. & Zschäpitz, H. (2015). Merkel will die Deutschen durch Nudging erziehen. Die Welt. http://www.welt.de/wirtschaft/article138326984/Merkel-will-die-Deutschen-durch-Nudging-erziehen.html 

McKenzie, C. R. M., Liersch, M. J. & Finkelstein, S. R. (2006). Recommendations implicit in policy defaults. Psychological Science, 17, 414-420.  

Thaler, R. H. & Sunstein, C. R. (2009). Nudge: Improving decisions about health, wealth, and happiness. Penguin.

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