Senken Kampfdrohnen die Hemmschwelle zu töten?

 Seit einigen Jahren rüsten die USA ihre Armee mit Kampfdrohnen auf. Auch Deutschland scheint dem Einsatz dieser „sauberen“ Superwaffe mittlerweile nicht mehr abgeneigt zu sein. Die Befürchtung, dass dadurch die Hemmschwelle zu töten gesenkt werden könnte, wird dabei nicht nur von Kriegsgegnerinnen und -gegnern geäußert, sondern wurde bereits vor 50 Jahren in psychologischen Untersuchungen begründet.

Militärs propagieren sie gerne als die ultimative Waffe im „sauberen“ Krieg: Äußerst präzise und gleichzeitig ungefährlich für die eigenen Soldatinnen und Soldaten soll sie sein. Die Rede General Atomics RQ-1A Predator USAF via wikipedia.org (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:General_Atomics_RQ-1A_Predator_USAF.jpg), cc (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)ist von der unbemannten Kampfdrohne, mit deren Einsatz ein Krieg aus der sicher entfernten Kommandozentrale geführt werden kann. Gemäß eines Pentagon-Berichts (2012) betrieb die amerikanische Armee im Jahr 2012 bereits mehr als 6300 solcher Drohnen. Dass sie durchaus kriegstauglich sind, haben unzählige gezielte Angriffe in verschiednen Ländern mittlerweile mehrfach unter Beweis gestellt. Seit Mitte Mai dieses Jahres öffentlich wurde, dass Deutschland, Frankreich und Italien die sogenannte „Declaration of Intent“ (DOI) zur Entwicklung einer gemeinsamen Kampfdrohne unterzeichnen wollen, wird klar, dass auch die Bundeswehr den Einsatz von Kampfdrohnen zumindest nicht mehr ausschließen möchte (Gebauer, 2015).

Seit Kampfdrohnen mehr und mehr den modernen Krieg bestimmen, stellt sich die Frage, wie diese neuartige Waffe die Bereitschaft zu töten verändern wird. Die Befürchtung, dass das Töten aus der sicher entfernten Kommandozentrale dabei zunehmend einfacher und hemmungsloser ausfallen könnte, wird dabei insbesondere durch die berühmt gewordenen Experimente von Stanley Milgram (1965) bestätigt.

In einer seiner Studien ließ Stanley Milgram Versuchspersonen die Rolle einer Lehrperson einnehmen. Dabei sollten sie einem Schüler jeweils einen Elektroschock versetzten, sobald ihm ein Fehler bei der Zusammensetzung von Wortpaaren unterlief. Die Intensität der Schocks wurde dabei von Fehler zu Fehler sukzessive erhöht, bis die Höhe erreicht wurde, bei der ein Mensch sterben würde. Während sich die Versuchspersonen über die Konsequenzen ihrer Elektroschocks durchaus im Klaren waren, wussten sie nicht, dass der Schüler von einem Schauspieler verkörpert wurde und in Tat und Wahrheit gar keine Elektroschocks erhielt.

 In seiner Studie untersuchte Milgram auch die Auswirkungen der räumlichen Nähe zwischen Schüler und Versuchsperson, indem er vier verschiedene Gruppen von Versuchspersonen miteinander verglich. Eine Gruppe von Versuchspersonen saß dabei dem Schüler in direkter Berührungsnähe gegenüber, eine andere Gruppe saß mit etwas mehr Abstand zumindest im selben Raum wie der Schüler, eine weitere Gruppe saß in einem anderen Raum und hörte die schmerzhaften Reaktionen des Schülers nur über Lautsprecher und eine letzte Gruppe saß in einem anderen Raum, ohne den Schüler zu hören oder zu sehen.

Die Resultate sind auch 50 Jahre nach Veröffentlichung der Studie schockierend: Wenn die Versuchspersonen in absoluter Nähe zum Schüler saßen, verteilten 30 % aller Versuchspersonen die höchste Intensität der Schocks, womit sie den Schüler getötet hätten. Diese Zahl erhöhte sich dabei mit ansteigender Distanz zum Opfer dramatisch. So verteilten unglaubliche 65 % der Versuchspersonen den tödlichen Stromstoß, wenn sie in einem anderen Raum saßen und den Schüler weder sehen, noch hören konnten.Prozentualer Anteil der höchstmöglichen Stromstöße in Abhängigkeit der Distanz zum Opfer

Diese Ergebnisse bestätigen eindrücklich die Befürchtung, dass das Töten aus der Ferne die Hemmschwelle zu töten senkt. Dass die Resultate unabhängig von Geschlecht, Alter, Bildung oder kulturellem Hintergrund gleichermaßen auftreten, ist dabei nicht unbedingt hoffnungsfördernd. Grundsätzlich gilt dementsprechend: Je weiter man sich vom potenziellen Opfer entfernt, desto eher ist man bereit, den tödlichen Knopf zu drücken. Das war vor 50 Jahren bei Milgrams Elektroschocks leider so und wird vermutlich auch heutzutage bei abgefeuerten Schüssen aus der Kampfdrohne nicht anders sein.

Quellen:

Department of Defense (2012). Report to congress on future unmanned aircraft systems training, operations, and sustainability.

http://info.publicintelligence.net/DoD-FutureUAS.pdf

Gebauer, M. (2015). Neue Waffe der Bundeswehr: Von der Leyen startet Kampfdrohnen-Entwicklung.

Spiegel Online. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/drohne-ursula-von-der-leyen-unterzeichnet-vorvertrag-fuer-bundeswehr-a-1033511.html

Milgram, S. (1965). Some conditions of obedience and disobedience to authority. Human Relations, 18, 57-76.

 
 

 

 

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