Verlorene Vorhersagekraft?! – Warum Oma und Opa oft so große Schwierigkeiten haben, einem Gespräch zu folgen.

Schon Volksweisheiten sind sehr widersprüchlich, was die Entwicklung unseres Denkens im Alter angeht. „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ steht Floskeln wie „der weise Alte“ gegenüber. Neuropsychologische Forschung konnte zeigen, dass die obigen Weisheiten tatsächlich beide Wahres in sich tragen. Einerseits wird es im Alter immer schwieriger, Neues zu lernen, da sich viele Prozesse der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung verlangsamen. Andererseits haben Alte durch ihre Erfahrungen im Laufe des Lebens ein breites Weltwissen und Vokabular angelegt.

Durch die Gläser einer Brille lässt sich der Text eines Buches erkennen.955169 via Pixabay (https://pixabay.com/photo-1502729/, CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/legalcode)Eine besonders spannende Fähigkeit im Bereich der Altersforschung ist das Sprachverständnis. Denn es liegt am Kreuzungspunkt beider Aspekte. Sprachverständnis beinhaltet nicht nur das Aufnehmen vieler Informationen, ein Prozess der mit dem Alter anstrengender wird, sondern ist auch ein aktiver Prozess, der das vorhandene Weltwissen von RezipientInnen und die Nachricht miteinander in Beziehung setzt. Alte Menschen haben einen Vorteil durch ihr breites Weltwissen.

Laut der Modellvorstellung eines Forscherteams um Kara D. Federmeier verarbeiten junge Erwachsene nicht ein Wort nach dem anderen, um den Inhalt eines Satzes zu verstehen. Sie sind effizienter. Durch einen unbewussten Mechanismus, der die Informationen des Satzkontextes verarbeitet, können inhaltliche Merkmale von sehr wahrscheinlich folgenden Wörtern vorhergesagt werden. Dieser Mechanismus ist sinnvoll, um doppeldeutige Wörter wie „Bank“ einordnen zu können und erleichtert den Aufnahmeprozess, da vorhergesagte Wörter zum Beispiel beim Lesen von den Augen übersprungen werden können. Nehmen wir den Satz: „Sie ließen das dreckige Geschirr in der Spüle.“ Nachdem wir auf „dreckiges Geschirr“ gestoßen sind, werden Merkmale wie „Wasser“ oder „Abwaschen“ in unserem Gehirn voraktiviert, sodass es leichter für uns ist, das durch diese Merkmale charakterisierte Wort „Spüle“ abzurufen. Je umfangreicher der Satzkontext also die Merkmale möglicher Folgewörter beschreibt, desto leichter ist es, passende Wörter zu verarbeiten, da sie in unserem Gedächtnis bereits voraktiviert wurden.

Anhand von Hirnwellen können ForscherInnen diese Anstrengung unseres Gehirns messen. Das Forscherteam um Federmeier nutzte die Hirnwellensignale darüber hinaus, um aufzudecken, welcher Prozess dafür verantwortlich ist, dass das Sprachverständnis im Alter langsamer und fehleranfälliger wird. Ein paradoxer Effekt des oben beschriebenen Vorhersagemechanismus ist es nämlich, dass auch unplausible Wörter leichter verarbeitet werden können, wenn ihre Merkmale mit denen übereinstimmen, die durch den Kontext vorhergesagt wurden, und wenn sie mit dem vorhergesagten Wort inhaltlich verwandt sind. In unserem Beispiel von oben wäre etwa die Variante „Sie ließen das dreckige Geschirr im Wasserhahn.“ leicht zu verarbeiten, da die Merkmale „Wasser“ und „Abwaschen“ mit diesem Wort verbunden sind und der „Wasserhahn“ wiederum mit dem Wort „Spüle“ verbunden ist.

Diesen Nutzen aus dem Kontext kann man im Alter immer schlechter ziehen. Zwar haben ältere Erwachsene auch Vorteile bei der Verarbeitung eines plausiblen Endwortes wie „Spüle“ in unserem Beispiel. Wird aber stattdessen das Wort „Wasserhahn“ eingesetzt, verflüchtigt sich der Vorteil, obwohl der Informationsgehalt des Satzkontexts gleich bleibt und folglich die Verarbeitung unterstützen könnte. Natürlich ist es nicht hilfreich, im Alltag besonders unplausible Sätze leicht verarbeiten zu können. Aber das Beispiel erlaubt es, die Faktoren Plausibilität und Kontextinformation zu trennen, sodass die ForscherInnen herausfanden, dass ältere Menschen nur dann einen Verarbeitungsvorteil zeigten, wenn eine auch unerwartete Satzendung plausibel war. Daraus folgerte das Team, dass sich der Verarbeitungsmechanismus im Alter verändert. Das Gehirn scheint bei der Aufnahme von Sprache quasi nicht mehr vorherzusagen, sondern erst am Ende zu beurteilen, ob die Satzzusammenstellung sinnvoll erscheint. Allerdings konnten die ForscherInnen auch zeigen, dass das Sprachverständnis einiger SeniorInnen weiterhin auf dem Vorhersagemechanismus basiert. Es bleibt also zu identifizieren, welche Faktoren den Erhalt eines effizienten Sprachverständnismechanimus begünstigen, um mehr Menschen zu helfen, diesen auch im hohen Alter zu erhalten.

Quelle:

Federmeier, K. D., McLennan, B., De Ochoa, E. & Kutas, M. (2002). The impact of semantic memory organization and sentence context information on spoken language processing by younger and older adults: An ERP study. Psychophysiology, 39(2), 133-146.

 

 

 

 

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