Michael Tomasello „Warum wir kooperieren.“

Dies ist nicht das aktuellste Werk von Michael Tomasello. Es beantwortet die im Titel aufgeworfene Frage auch nicht vollständig. Dennoch ist dieses Buch durchaus empfehlenswert.

„Warum wir kooperieren.“ ist ursprünglich 2009 im Verlag MIT Press unter dem Titel “Why we cooperate” in englischer Sprache erschienen. Seit 2010 ist es nun auch in deutscher Übersetzung im Suhrkamp Verlag, Edition Unseld erhältlich. Sein Autor, Michael Tomasello, ist Ko-Direktor des Max Planck Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, Verhaltensforscher und eine der führenden Stimmen in der Kooperationsforschung.

Auf der Rückseite des Klappentextes wird das Buch unter anderem mit den folgenden Worten von Carol S. Dweck zusammengefasst „Wir Menschen verfügen nicht nur über eine unglaubliche Intelligenz, sondern wir sind auch noch unglaublich nett”. Dies ist eine sehr schöne, wenn auch vielleicht nicht ganz zutreffende Zusammenfassung dessen, worum es in diesem Buch geht. Tatsächlich beschäftigt es sich mit unserer Sozialität und damit mit einer unserer Kerneigenschaften als Menschen.

Die Frage, die sich Tomasello dabei stellt, lautet: Was macht uns Menschen so kooperativ? Damit ist nicht nur gemeint, dass wir mit anderen zusammen ein Projekt erfolgreich verfolgen können. Kooperation ist hier weiter gefasst und schließt auch soziale Institutionen, soziale Normen, Gesetze oder Gerechtigkeit mit ein. Die Frage könnte also auch lauten: „Was macht uns zu den sozialen Lebewesen, die wir sind?“ 

Dieser Frage geht Tomasello in zwei Teilen auf den Grund. Im ersten Teil widmet er sich verschiedenen Formen des Altruismus – nämlich Helfen, Informieren und Teilen. Im zweiten Teil des Buches diskutiert er Kooperation in Gruppen, soziale Normen und Institutionen.

Seine Antwort ist: Geteilte Intentionalität, also die Fähigkeit, gemeinsam mit einem Interaktionspartner Aufmerksamkeit auf ein Objekt zu lenken, gemeinsame Ziele zu verfolgen und die jeweiligen Handlungen zu koordinieren.

In seinem Forschungsansatz greift er dabei auf vergleichende Verhaltensstudien mit Babys, Kleinkindern und Primaten zurück. Diese Studien machen tatsächlich einen wesentlichen Teil dieses Buches aus und geben so einen tiefen Einblick in die Arbeit von Tomasello und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Genau in den Beschreibungen dieser spannenden und zum Teil überraschenden Verhaltensstudien liegt die große Stärke des Buches. Ganz nebenbei zeigen sie zum Beispiel auf, wie schnell auch Wissenschaftler dazu neigen, menschliche Verhaltenskategorien auf Tiere zu übertragen. Dann kann es tatsächlich so aussehen, als sei die Jagd nach roten Stummelaffen ein kooperativer Akt unter Schimpansen mit verschiedenen sozialen Zielen und einem gemeinsam repräsentierten Ziel. Und sie geben einen Einblick, wie Verhaltensstudien mit Primaten konzipiert sind und dass wir aus ihnen einiges lernen können. Auch wenn es kein direktes Anliegen dieses Buches ist, ist dies gerade in einer Zeit, in der Studien mit Primaten hoch umstritten sind, ein wichtiger Beitrag.

Auf die von ihm aufgeworfene Frage danach, warum wir kooperieren, kann natürlich auch Tomasello keine abschließenden Antworten liefern. Diesen Anspruch erhebt er im Buch auch gar nicht. Mit seinem Konzept zur geteilten Intentionalität liefert er aber einen entscheidenden Erklärungsansatz.

Leider bleibt Tomasello hinsichtlich seiner theoretischen Konzepte und Begriffe in diesem Buch recht oberflächlich. Dadurch wird das Verständnis mitunter erschwert. So wird nicht recht deutlich, in welcher Beziehung etwa die Altruismusformen Teilen, Informieren und Helfen zum Begriff Kooperation stehen. Es ist anzunehmen, dass Kooperation eine Art übergeordneter Begriff darstellt. Auch bleibt unklar, in welcher Beziehung der erste und der zweite Teil des Buches zueinander stehen. Sind Teilen, Informieren und Helfen Aspekte, auf denen die Entstehung von sozialen Normen und Institutionen aufbaut oder stehen sie als verschiedene Formen der Kooperativität nebeneinander? In dieser begrifflichen Ungenauigkeit liegt aus meiner Sicht die größte Schwäche dieses Buches. Es enthält viele interessante Ideen, diese lassen sich aber nur schwer fassen. Auch ist es von Vorteil, wenn die Leserin bzw. der Leser bereits einiges Vorwissen im Bereich der evolutionären Kooperationsforschung mitbringt, denn viele Debatten aus diesem Bereich werden in diesem Buch zwar kurz angesprochen, aber nicht ausgeführt.

Dennoch handelt es sich um einen kurzweiligen Exkurs durch die Arbeit Tomasellos und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Spannend ist auch das anschließende Forum, in dem einige der zentralen Autorinnen und Autoren, auf die sich Tomasello in seinem Buch bezieht, selbst zu Wort kommen.

Das Fazit: „Warum wir kooperieren“ ist unterhaltsam, kurzweilig, bleibt aber in seinen theoretischen Ausführungen zum Teil undeutlich. Daher ist es vielleicht nicht das ideale Einstiegsbuch für wenig informierte Leserinnen und Leser. Personen, die sich bereits etwas in der Kooperationsforschung und ihren evolutionären Erklärungsversuchen auskennen, sei dieses Buch trotzdem empfohlen.

Artikelautor(en)

Buchbewertung

overall
4 of 5
novelty
4 of 5
readability
4 of 5

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