Ulrich Kühnen „Tierisch kultiviert“

Positiv hervorheben möchte ich ganz zu Anfang meiner Rezension von Tierisch kultiviert von Ulrich Kühnen, dass sich am Ende eines jeden der elf Kapitel Hinweise zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema finden. Dies können zum Beispiel Links zu Multimedia-Inhalten im Internet wie kurze oder längere Videoclips sein oder auch einfach Hinweise zu Büchern anderer Autorinnen oder Autoren. Dieses Material und bisweilen auch weitere Links stellt Ulrich Kühnen unter http://tierisch-kultiviert.de ebenfalls zur Verfügung. Dieses zusätzliche Angebot bietet interessierten Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, sich vertiefend mit der Thematik zu beschäftigen.

Thematisch finde ich das vorliegende Buch sehr interessant. Es behandelt vor allem, wie sich kulturelle Errungenschaften der Menschheit und ihre Entstehung über Evolution erklären und gegebenenfalls miteinander in Verbindung bringen lassen können.

Normalerweise erklären Bücher aus dem Bereich der Evolutionspsychologie allgemein bekannte Phänomene, dass Männer sexuelle Untreue bei Frauen schlimmer finden als emotionale Untreue und es für Frauen umgekehrt ist, einfach damit, dass es für Männer die beste Möglichkeit sei, ihre Gene zu verbreiten, indem sie so viele Nachkommen wie möglich zeugen. Frauen suchten eben die bestmöglichen Bedingungen für das Aufwachsen ihrer Kinder. Diese Erklärungen finden auch in Tierisch kultiviert Eingang. Allerdings geht Ulrich Kühnen einen Schritt weiter, was dieses Buch von einigen vergleichbaren Veröffentlichungen abhebt, indem hier die Wichtigkeit betont wird, „sich stets daran zu erinnern, dass evolutionäre Erklärungen für soziale Phänomene sich allenfalls auf einen Ist-, aber keinesfalls auf einen Sollzustand beziehen!“ (S. 180).

Für interessierte Laiinnen und Laien werden auch komplexe Phänomene und Paradigmen ausführlich erklärt. Wenn man in der jeweiligen Materie bereits ein wenig bewandert ist, fallen diese Erklärungen zwischendurch natürlich auch einmal etwas zu ausführlich aus. Bei mir war dies zum Beispiel beim Gefangenendilemma der Fall. Dann lassen sich solche Abschnitte auch gut überspringen. Gerade bei der Besprechung des Gefangenendilemmas fiel mir auf, dass die Befunde von Axelrod auch für Laiinnen und Laien hervorragend aufbereitet wurden und sich durchaus Implikationen für den Alltag ergeben. Im Alltag ist demnach ein Beginn mit kooperativem Verhalten sinnvoll und danach sollte sich die Strategie tit for tat anschließen. Sollten Sie beim Lesen dieser Rezension nicht verstanden haben, was ich mit dem letzten Satz aussagen wollte, liegt der Fehler nicht bei Ihnen. Vielleicht konnte ich ja ein wenig Ihr Interesse wecken, denn Ulrich Kühnen erklärt diese Befunde und wie sie sich auf Kooperationssituationen in unserem Alltag auswirken können sehr ausführlich und anschaulich.

Im Buch findet sich durchgehend ein lockerer Schreibstil, der mir im Großen und Ganzen gut gefällt und zur Verständlichkeit der zwischendurch komplexen Sachverhalte beiträgt. An manchen, wenigen Stellen driftete dieser Stil allerdings ein wenig sehr ins Joviale ab (z.B. „Also, ab geht’s: Eine Rakete für die Empathie!“, S. 213).

Ein etwas aufmerksameres Lektorat wäre in bestimmten Abschnitten wünschenswert gewesen. Beizeiten hatte ich den Eindruck, dass die verschiedenen Kapitel unterschiedlich sorgfältig auf Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung überprüft wurden. So steht zum Beispiel auf Seite 207 „Ich werden Ihnen [...]“ und im Anschluss findet sich auf Seite 208 folgende Ungenauigkeit „Dieses Glück widerfährt eben nur dem Äffchen in der einer Käfighälfte [...]“

Allerdings können diese kleinen Fehler das positive Gesamtbild, das ich von dem Buch gewonnen habe, nicht sehr trüben. Wie eingangs dieser Besprechung erwähnt: Wer zu einzelnen Themenbereichen der Kulturgeschichte der Menschheit aus evolutionspsychologischer Perspektive weitere Informationen erhalten möchte, kann dafür gut das Zusatzangebot im Internet unter http://tierisch-kultiviert.de nutzen.

Abschließende Hinweise:

Gelesen habe ich das Buch als E-Book. Die Seitenzahlen, die ich bei Hinweisen auf konkrete Stellen bzw. Zitate im Buch nenne, können daher unter Umständen von den Seitenzahlen im gedruckten Buch abweichen.

Ulrich Kühnen ist Professor für Sozialpsychologie an der Jacobs University Bremen. Er war Ende 2011 zweiter Prüfer meiner Dissertation, ich habe ihn seinerzeit auch mal in seiner Vorlesung vertreten. Wir haben darüber hinaus ein sehr gutes, kollegiales Verhältnis, wenn wir miteinander telefonieren oder uns sehen, was selten vorkommt. Hinsichtlich unserer jeweiligen Forschung haben wir (bislang) nicht kooperiert. Bei der Besprechung dieses Buches habe ich versucht, mich nicht davon leiten zu lassen, dass der Autor und ich uns kennen.

 

 

Artikelautor(en)

Buchbewertung

overall
4 of 5
novelty
4 of 5
readability
4 of 5

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