Buchrezensionen
Die deutsche Version von In-Mind bietet ab sofort in unregelmäßigen Abständen auch Rezensionen an. Diese Besprechungen beziehen sich auf (populär-)wissenschaftliche Bücher, welche sich mit psychologischen Themen beschäftigen.
Eine solche Rezension spiegelt natürlich nur die (temporäre) Meinung des Rezensenten wider und ist auf In-Mind selbstredend von den jeweiligen Verlagen weder gekauft noch angefordert worden. Sollte sich eine Rezension auf ein vom jeweiligen Verlag zur Verfügung gestelltes Rezensionsexemplar beziehen, wird sich eine entsprechende Notiz am Ende der Rezension finden. Fragen, Kritik und Buchvorschläge sind jederzeit willkommen und können gerne mit dem Betreff "Rezension In-Mind" an Jens Hellmann geschickt werden.
Malcolm Gladwell. Blink! Die Macht des Moments.
Piper Verlag / Preis: 9,95 Euro
Malcolm Gladwell ist Journalist. Er kann sehr gut schreiben. Ich habe das Buch im englischen Original und in der deutschen Übersetzung gelesen und ich möchte dem Übersetzer Jürgen Neubauer zu seinem Beitrag gratulieren. Denn auch im Deutschen liest sich „Blink! Die Macht des Moments“ einfach und locker und ist sprachlich leicht verdaulich. „Aber was genau bedeutet ‚Blink‘ eigentlich?“, mag man sich fragen und denkt vielleicht zunächst daran, dass gemeint sein könnte, einen Blinker zu setzen, abzubiegen und – auf das Denken bezogen – die Richtung des Denkens zu ändern. Gerade darum geht es in diesem Buch (Tusch!) aber nicht. Der Begriff „Blink“ steht im Englischen u.a. für ein „Augenblinzeln“, das im Deutschen mit dem Terminus Wimpernschlag einen metaphorischen Widerpart findet und einen sehr kurzen Augenblick (sic!) abbildet.
Sehr anekdotisch geht Malcolm Gladwell vor und vergisst dabei mitunter, die Quintessenz aus seinen Geschichten zu präsentieren. Der Begriff Intuition wird ein wenig sparsam verwendet, obwohl man doch eigentlich denken möchte, dass insbesondere das, was man für Intuition hält, wichtig wäre für die guten Entscheidungen, die unüberlegt erscheinen mögen. Prinzipiell stellt das Buch ein Plädoyer dafür dar, dass wir unseren ersten Intuitionen öfter und stärker vertrauen sollten, solange wir uns unserer Vorurteile bewusst sind, die ein schnell gefälltes Urteil eventuell vorbelasten. Das ist auch schon das Hauptproblem der Argumentation des Buches, denn auch die richtigen Entscheidungen, die auf der Basis des schnellen Denkens getroffen werden, werden durch Vorerfahrungen mit determiniert. Wie allerdings das Kapitel zu „Kennas Dilemma“ aufzeigt, bleibt ein hochgradig talentierter Musiker, hier als Beispiel genannt: Kenna, weitestgehend erfolglos, obwohl er von Ikonen der Fachwelt nach wenigen Eindrücken als ein nächster Superstar gehandelt wird. Eine Schlussfolgerung könnte nun sein, dass die ersten Eindrücke von Experten auf einem Gebiet zu sehr von ihrem Vorwissen geprägt sind und daher nicht verallgemeinerbar. Malcolm Gladwell geht allerdings nicht weiter der Frage nach, warum eine Diskrepanz hinsichtlich ersten Eindrücken und den Entscheidungen, die auf der Basis schnellen Denkens getroffen werden, zwischen Experten und Laien zu bestehen scheint. Auch der Abschluss des Buches, der als Fazit gedacht sein mochte, denn er steht unter dem Motto, was man aus „Blink!“ lernen könne, weiß meiner Einschätzung nach nicht wirklich konkrete Maßnahmen zu vermitteln oder auch nur sinnvolle Hinweise zu geben, mit denen wir unsere Wahrnehmung der Umwelt schärfen könnten.
Sehr positiv hervorzuheben ist der Anhang in Form von Anmerkungen zu jedem einzelnen Kapitel. Hier erhalten Leserinnen und Leser zusätzliche Literaturhinweise zu Originalstudien oder anderen Büchern, aus denen Malcolm Gladwell für die einzelnen Kapitel hatte schöpfen können.
Das Buch bei Amazon/ bol/ Piper
Dieter Frey & Martin Irle (Hrsg.). Theorien der Sozialpsychologie, Band 1: Kognitive Theorien.
Verlag Hans Huber / Preis: 32,95 Euro
Die Überschrift dieser Rezension zeigt bereits an, dass es sich bei den Theorien der Sozialpsychologie des Herausgeberduos Frey und Irle um mehrere Bände handelt. Insgesamt handelt es sich hierbei um drei Bände, von denen hier allerdings nur der erste besprochen werden soll. Dieser Band 1 entspricht der zweiten Auflage von 1993, auch wenn der dritte Nachdruck wesentlich später, nämlich 2009 entstanden ist. Leider wurde anscheinend wenig berücksichtigt, wie viele Änderungen sich in den letzten zwei Dekaden hinsichtlich der Weiterentwicklung mancher Theorie aufgrund neuer spannender Forschungsergebnisse ergeben haben.
Meine Meinung zu dem hier vorliegenden Band lautet wie folgt: Bei den Theorien der Sozialpsychologie (Band 1) handelt es sich um ein Fachbuch, das sehr detailliert und manchmal etwas sperrig die wichtigsten und einflussreichsten kognitiven Theorien im Bereich der Sozialpsychologie darstellt. Der Forschungsstand entspricht dabei zumeist zumindest demjenigen der ersten Hälfte der 1990er Jahre. Wer sich für die Entstehung der behandelten Theorien interessiert und einen tieferen Einblick in die entsprechenden Theoriebildungen wünscht, begeht mit dem Kauf dieses Buches definitiv keinen Fehler. Wer allerdings Wert darauf legt, sich selber auch auf die Höhe des aktuellen Forschungsstandes zu den einzelnen Theorien zu bringen, für den kann dieser Band von Frey und Irle ein Einstieg sein, dessen Kauf wohlüberlegt sein sollte. Denn nicht immer keimt das pure Lesevergnügen auf, wenn an der einen oder anderen Stelle Überlegungen zu recht praxisfernen Grundlagen allzu detailliert dargelegt werden.
Hinweis: Diese Rezension basiert auf einem Exemplar, das der Verlag mir zum Zwecke der Rezension zugeschickt hat.
Das Buch bei Amazon/ bol/ Huber
Hans Jürgen Eysenck. Intelligenz-Test
Rowohlt Verlag / Preis: 14,95 Euro
Dieses Buch ist ein Bestseller, weltweit und seit Jahrzehnten. Erstmalig in englischer Sprache 1962 veröffentlicht, gehört es zu den Büchern, die ein (gebürtiger) Deutscher in englischer Sprache geschrieben hat und die dann von einem anderen Deutschen zurückübersetzt wurden.
Inhaltlich: Das Buch besteht vor allem aus acht Tests, bei den meisten davon handelt es sich um unterschiedliche Knobelaufgaben. Dafür, dass eine Zeitbegrenzung eingehalten wird, soll die sich testende Person selbst sorgen, was aber nun spätestens in diesen Zeiten von Handyweckern und –timern kein Problem mehr darstellen sollte.
Was aus meiner Sicht fehlt, ist ein ausführlicher und erweiterter Kommentar zur Einleitung. Leserinnen und Leser, die sich vorher noch nie mit Intelligenzforschung beschäftigt haben, werden nicht per se wissen, dass es in den letzten Jahrzehnten nun beileibe nicht an neuen Erkenntnissen auf Gebiet der Intelligenzforschung gemangelt hat.
Die Aussage in dieser Einleitung, dass „Kinder, die aufs Gymnasium gehen wollen, einen IQ von mindestens 115 aufweisen [sollten], bei Studenten sollte er mindestens 125 betragen.“ (Seite 11) dürfte sich so mittlerweile auch nicht unbedingt aufrechterhalten lassen. Dies dürfte zumindest nicht auf alle Studierenden zutreffen, wie das fast schon bittere Urteil von an einer Universität lehrenden Person ausfallen könnte.
Zu den Tests: Sie machen zwischendurch wirklich Spaß. Als erfreulich können sich auch die Auswertungen erweisen. Dass die präsentierten Tests nicht mehr unbedingt hochaktuell sind und ob die Auswertungsprozeduren immer noch den mittlerweile wissenschaftlich akzeptierten Standards entsprechen, müssten theoretisch KollegInnen aus der Differentiellen Psychologie entscheiden. Für einen Einstieg in die Welt der Intelligenz kann ich – unter Berücksichtigung der eingangs erwähnten Einschränkungen – dieses Buch empfehlen. Die Ergebnisse aus den Tests sollte man sich allerdings nicht allzu sehr zu Herzen nehmen oder auch in den Kopf steigen lassen.
Jens Förster. Kleine Einführung in das Schubladendenken: Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils.
Goldmann / Preis: 8,95 Euro
Der Besprechung liegt die Taschenbuchausgabe von 2008 zugrunde.

Die „Kleine Einführung in das Schubladendenken“ von Jens Förster ist ein populärwissenschaftliches Buch. Dass ein Psychologieprofessor ein solches Buch so schreibt, ist durchaus legitim, da er dadurch dem möglichen Wunsch, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen nahe kommt und diese durch einen solchen Einstieg in die Materie für ein eigenes Forschungsfeld begeistern kann.
Jens Förster beginnt mit Anekdoten aus seiner Kindheit, berichtet, wie er das erste Mal bewusst die Konfrontation mit Vorurteilen wahrgenommen hat und beschreibt mit einigem Stolz, der zwischen so manchen Zeilen hindurch scheint, wie er es als Junge aus einfachen Verhältnissen, der obendrein immer schon ganz anders war als die anderen, geschafft hat. Nach einigen Definitionen zu Schlüsselbegriffen (z.B. „Was ist ein Stereotyp?“ oder „Was ist ein Vorurteil?“) ziehen sich die Anekdoten, die von eigenen Begegnungen mit Vorurteilen handeln, durch das ganze Buch. Dabei verschweigt Jens Förster auch nicht, dass er zum Beispiel selber gegenüber einer Sekretärin in Würzburg sexistisches Verhalten an den Tag gelegt hat. Eine solche Herangehensweise an die Thematik mögen gewisse Leserinnen und Leser des Buches als störend empfinden, andererseits bietet diese Art der Themenaufbereitung auch Haltestellen für die eigene Biographie, anhand derer man sich selber hinterfragen kann, wo, wann und wie im eigenen Leben Vorurteile vorkommen.
Am Ende eines jeden Kapitels erfolgt eine kurze Zusammenfassung unter dem Begriff „Kurz gefasst“. Diese Abschnitte sind mitunter nützliche Wiederholungen zentraler Konzepte des jeweils vorangestellten Kapitels und sind auch für ein schnelles Nachschlagen solcher Aspekte hilfreich.
Hinsichtlich wichtiger Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Vorurteilsforschung findet in den insgesamt sieben Kapiteln eine gute Zusammenstellung vieler bereits bekannter Arbeiten statt, am Ende des Buches ist ein Literaturverzeichnis angehängt, das nach Kapiteln geordnet ist. Über die veröffentlichten Studien hinaus werden auch einige bislang unveröffentlichte Ergebnisse anschaulich präsentiert und in den jeweiligen Kontext eingeordnet. Viele dieser bislang nicht in Fachzeitschriften zu findenden Forschungsbefunde stammen aus Studien, an deren Durchführung Jens Förster selber beteiligt war.
Allerdings tappt Jens Förster – eventuell an mancher Stelle gar nicht mal unbedingt ungewollt – selber in die eine oder andere Vorurteilsfalle. So spricht er zum Beispiel auf Seite 224 diejenigen Personen an, die er offensichtlich als Leserinnen oder Leser beim Schreiben seines Buches antizipiert hat: „Soll sich Ihre Tochter doch ruhig Shows mit Verona Pooth oder Paris Hilton anschauen; […] “Die Vorstellung einer Person mit Tochter im Pubertätsalter und Interesse für populärwissenschaftlich aufgearbeitete Vorurteilsforschung kann durchaus einen recht eingeschränkten Kreis an Menschen repräsentieren.
Insgesamt liest sich das Buch einfach und schnell. Für ein erstes (Speed-) Date mit der Welt der Vorurteilsforschung ist es aus meiner Sicht also durchaus geeignet.
Das Buch bei Amazon/ bol/ Goldmann
Kevin Dutton. Gehirnflüsterer. Die Fähigkeit, andere zu beeinflussen.
dtv Verlag / Preis: 14,95 Euro
Der Besprechung liegt ein Rezensionsexemplar zugrunde, welches der Verlag zum Zwecke der Rezension verschickt hatte.
Der Titel der deutschen Ausgabe dieses Buches könnte zu der Annahme führen, dass der Autor Kevin Dutton seinen Leserinnen und Lesern beibringen möchte, wie sie andere Menschen beeinflussen können. Dies ist allerdings anscheinend weniger der Fall. Vielmehr berichtet er über Ausnahmetalente, denen die Beeinflussung anderer besonders gut gelingt. Die Frage, ob jede Person ein Gehirnflüsterer werden könne, beantwortet Kevin Dutton am Ende des Buches quasi als Fazit selber mit der Aussage, dass es Unterschiede in der Perfektion gebe.
Während das Buch also keine Anleitung zum Gehirnflüstern darstellt, versucht es Mechanismen aufzuzeigen, wie wir beeinflusst werden könnten. Somit ist es vielleicht eher eine Anleitung zum Widerstehen von Beeinflussungsversuchen.
Dutton erzählt viel. Er berichtet von Treffen mit einzelnen Personen, die auf ihre besondere Art sehr gut darin sind, andere Menschen zu beeinflussen. Die Anekdoten sind teilweise richtig lustig. Vor allem bei der Schilderung des Einbruchs und bei den letzten beiden scherzhaften Geschichten ganz am Ende des Buches habe ich herzhaft lachen können. (Ich möchte potentiellen Käuferinnen und Käufern des Buches hier nicht zu viel im Vornherein erzählen und beschreibe deshalb die entsprechenden Stories an dieser Stelle nicht ausführlicher.)
Leider hat Kevin Dutton im Vergleich zur detaillierten anekdotischen Recherche die wissenschaftliche Informationssuche unter Umständen ein wenig vernachlässigt. So ist zum Beispiel die Darstellung des Experimentes von Snyder, Tanke und Berscheid (1977) auf Seite 56 schlichtweg falsch! Die Dyaden bestanden aus tatsächlichen Versuchspersonen und der weibliche Part war nicht lediglich eine Vertraute des Versuchsleiters, wie Dutton es beschreibt. Gerade dadurch, dass es sich ja um eine tatsächlich in Bezug auf den Versuch naive weibliche Versuchsperson handelte, waren die Ergebnisse aus dem Bericht so unglaublich spannend.
Kleine Ungenauigkeiten, die durch das Lektorat durchgehüpft sind, stören ein wenig den Lesefluss, wenn es zum Beispiel auf Seite 106 „Text“ heißt, obwohl es „Test“ heißen müsste. Ebenso bezieht sich auf Seite 66 ein Hinweis auf eine „Abbildung unten“ auf Fotos, die sich bereits auf Seite 65 finden.
Zur Übersetzung: Ich könnte mir vorstellen, dass die Psychologie nicht unbedingt das ausgewiesene Spezialgebiet der beiden Übersetzer ist: Die Repräsentativitätsheuristik ist nicht die „repräsentative Heuristik“ und die Ankerheuristik ist im Deutschen nicht die „Anbindung“ (S. 139). Obendrein stört es mich immer wieder, wenn der Begriff „race“ mit „Rasse“ übersetzt wird.
Alles in allem bietet der „Gehirnflüsterer“ einen leicht zu lesenden Einblick in die Psychologie der Überzeugung und Beeinflussung und ist dabei gespickt mit heiteren Anekdoten. Wer sich weitergehende Einsicht in dieses Feld verschaffen möchte, findet im Literaturverzeichnis Hinweise auf weitere Lektüre. Dass dort aufgeführte Bücher teilweise auch in deutscher Übersetzung erschienen sind, hätte eventuell in einer Fußnote erwähnt werden können.
Manfred Hassebrauck. Alles über die Liebe.
mvg Verlag / Preis: 14,90 Euro
Manfred Hassebrauck stellt in seinem Buch „Alles über die Liebe“ viele Erkenntnisse der sozialpsychologischen Forschung zu Liebe und Beziehungen zwischen Mann und Frau vor. Er beginnt bei der Partnerwahl und schlägt dann den Bogen über den Beginn von Beziehungen zur eigentlichen Zweisamkeit, um am Ende auch die „Schattenseiten“ einer Beziehung zu beleuchten.
Das Buch ist teilweise gut, wenn nicht gar sehr gut. Allerdings besteht leider ein gewisser Spalt zwischen Titel und Inhalt. Der Titel könnte lauten „Vieles über sozialpsychologische Forschung zu heterosexuellen Paarbeziehungen, vor allem deren Entstehung und Aufrechterhaltung“ und wäre eventuell zutreffender hinsichtlich des Inhaltes. Ein solcher Titel wäre natürlich weniger griffig und weniger dem Verkauf dienlich, und etwas zu vermarkten, darum scheint es bei diesem Buch nicht zuletzt zu gehen, aber der Reihe nach:
Mir gefällt an dem Buch, dass es der Autor versteht, simpel und quasi im Vorbeigehen komplexere Strukturen wie entscheidungstheoretische Grundlagen auf Basis der Signalentdeckung zu vermitteln, ohne sperrige Begriffe wie zum Beispiel Signalentdeckungstheorie selber verwenden zu müssen. Ebenfalls hat mich beim Lesen des Buches gefreut, dass und wie die Dreieckstheorie (trianguläre Theorie) der Liebe nach Robert Sternberg vorgestellt wird. Die Darstellung der Balancetheorie nach Fritz Heider und deren mögliche Anwendung auf romantische Dreiecksbeziehungen sind ebenfalls gut gelungen und richtig erfrischend. Wer auf der Suche nach sich selbst ist, mag die vielen Tests zur Selbsteinschätzung wie auch Selbsteinstufung als ersten Schritt der Auswahl einer potentiellen Partnerin / eines potentiellen Partners als sinnvoll erachten oder gar für nützlich halten.
Nun komme ich aber auch bereits zu den aus meiner Sicht negativen Seiten des Buches: Wissenschaftliche Notwendigkeit und Sinn ergibt aus meiner Sicht in keinem Fall die permanente und fast penetrant anmutende Erwähnung der Internetpräsenz eines Dienstleisters im Bereich „Dating“. Die Interessen, die hinter einer solchen Kooperation stehen, lassen sich nur erahnen.
Es folgen ein paar kleinliche Anmerkungen, die aber eher keinen Einfluss auf die Entscheidung zum Kauf oder Nichtkauf dieses Buches haben sollten:
- Dem Konzept Sorgfalt wurde beim Zusammentragen der Informationen aus meiner Sicht nicht die oberste Priorität zugeschrieben. Bereits im Vorwort konnte ich mich eines Schmunzelns nicht erwehren, wenn Personen gedankt wird mit dem Satz: „Ohne ihre Hilfe hätte ich das Buch in der vorgesehen [sic!] Zeit nicht beenden können.“
- Das Literaturverzeichnis ist unvollständig: So fehlen zum Beispiel die Literaturangaben zu DeBruine (2004) oder auch Zajonc (1968), die im Fließtext noch erwähnt wurden. Es ist aber auch fehlerhaft: Im Fließtext wird zum Beispiel noch eine Arbeit von Stack und Eshlam (1998) zitiert (S. 151), im Literaturverzeichnis findet sich dann auf Seite 232 zur selben Arbeit eine Angabe zu Stack und Eshleman (1998). Ein ähnlicher Fehler findet sich hinsichtlich „Penton-Voak, Perrett & Price“ auf Seite 139 vs. „Penton-Voak, Perrett & Peirce“ (S. 230). Groß- und Kleinschreibung entsprechen im Literaturverzeichnis ebenfalls nicht internationalen Standards.
- Tortendiagramme (zum Beispiel auf den Seiten 71 oder 157) sollten keine Stücke enthalten, in denen schwarze Schrift auf schwarzem Grund die Lesbarkeit – nunja – ins Suboptimale hineintreibt.
Als Fazit möchte ich ziehen, dass ich viele Stellen des Buches interessant fand, ohne zu einem übermäßigen Neugewinn an Erkenntnissen zu kommen. Für Laien bietet das Buch vielleicht einen spannenden Einstieg in einen Bereich, der durch neue und aufregende Forschungsergebnisse sicher auch in Zukunft viel zu bieten haben wird. Es steht allen Käuferinnen und jedem Käufer glücklicherweise frei, ob sie den im Buch präsentierten Gutschein für eine einmonatige Premiummitgliedschaft in bereits angesprochenem Datingportal vielleicht kurzzeitig noch als Lesezeichen verwenden oder doch lieber direkt entsorgen.
Hinweis: Der Besprechung liegt ein Rezensionsexemplar zugrunde, welches der Verlag zum Zwecke der Rezension verschickt hatte.
Das Buch bei Amazon / Bol / mvg Verlag
Stanley Milgram. Das Milgram-Experiment: Zur Gehorsamkeitsbereitschaft gegenüber Autorität.
Rowohlt Taschenbuch Verlag. Der Besprechung liegt die deutschsprachige Taschenbuchausgabe zugrunde, die Roland Fleissner übersetzt hatte. Sie erschien erstmals 1982. Das englischsprachige Original „Obedience to authority“ erschien erstmalig 1974. / Preis: 8,99 Euro
Das Milgram-Experiment ist wie die ihm zugrunde liegenden Untersuchungen ein Klassiker, daran besteht wohl kein Zweifel. Wann immer ungefähr die Begriffe „Hierarchie“, „sozialer Status“ und „Gehorsam“ in nur entfernt psychologischem Kontext genannt werden, ist es fast unerlässlich, dass dieses Buch (im entsprechenden Literaturverzeichnis) auftaucht. Allerdings hat es immer den Anschein, als gehöre die Beschreibung der Milgram-Experimente zu den Büchern, die im Original kaum jemand wirklich gelesen hat. Wobei ging es also beim Milgram-Experiment tatsächlich? Im ersten Kapitel stellt Milgram die relevanten Fragen selber und beantwortet sie dann: Das Ziel war vor allem zu eruieren, wie weit Personen der normalen US – amerikanischen Öffentlichkeit gehen würden, wenn sie von einer Autoritätsperson angewiesen werden, einem anderen Menschen Schaden zuzufügen. Die Versuchsanordnung war relativ simpel: Zwei Personen nahmen an dem Experiment teil und betreten gemeinsam mit dem Versuchsleiter ein Versuchslabor. Vorgeblich geht es um die Untersuchung des Einflusses von Bestrafung auf Lernleistung. Eine der Personen ist ein „Schüler“, dessen Arme festgebunden werden, der Wortpaare lernen soll und mitgeteilt kriegt, dass er bei Fehlern einem Elektroschock ausgesetzt wird. Die andere Person ist der „Lehrer“, der bei Fehlern aufsteigend schwere Elektroschocks verteilen soll. Die Apparatur wies an den Extrempunkten die Beschriftungen „15 Volt“ und „leichter Schock“ sowie „450 Volt“ und „bedrohlicher Schock“ bzw. gar „XXX“ auf. Die Zuteilung zu den Gruppen „Schüler“ und „Lehrer“ geschieht vermeintlich zufällig, in Wirklichkeit ist aber nur eine wahre Versuchsperson anwesend, die immer die Rolle des Lehrers übernimmt. Die andere vermeintliche Versuchsperson ist ein Schauspieler, dem stets die Rolle des Schülers zugelost wird. Die wahre Versuchsperson müsste also theoretisch denken, dass auch sie die nun folgende Schülerrolle hätte erhalten können. Nach Anweisung der ebenfalls anwesenden Autoritätsperson, dem Versuchsleiter im weißen Kittel, der die Aufsicht über das Experiment führt, muss der Lehrer nach falschen Antworten den Schüler mit sukzessiv steigenden Elektroschocks bestrafen, was überraschend viele der Studienteilnehmer bis zum Ende hin taten, obwohl der Schauspieler vor Schmerzen schrie, um Entlassung aus dem Versuch flehte und sich gegen Ende einer Versuchssitzung – zusammengesunken auf seinem Stuhl – gar nicht mehr äußerte.
Milgram beschreibt unterschiedliche Studien mit zum Beispiel geringer werdender physischer Distanz zwischen Schüler und Lehrer, die Milgram zwar als „Experimente“ bezeichnet. Eigentlich handelt es sich allerdings gar nicht um Experimente, da es nicht wirkliche experimentalpsychologische Bedingungen mit zufälliger Zuweisung auf unterschiedliche experimentelle Gruppen gibt. Allerdings werden durch die Darstellung diverse Faktoren offensichtlich, die in Milgrams Studien dazu führten, dass vergleichsweise weniger Versuchspersonen das äußerste Schockniveau auslösten. Räumliche Nähe und Körperkontakt (der sicher auch teilweise untrennbar mit räumlicher Nähe zusammenhängt) scheinen hier ganz entscheidende Punkte auszumachen. Vor allem aber bewirkte die Abwesenheit der Autoritätsperson (sie teilte in diesen Fällen Anweisungen telefonisch mit) ein Absinken des Gehorsams.
Hoch anzurechnen ist Milgram, dass er selber Kapitel zu ethischen und methodologischen Problemen eingefügt hat. Eine etwas andere und mitunter auch ausführlichere Ausgestaltung dieser Kapitel hätte ich mir dennoch gewünscht. Insgesamt handelt es sich um einen Klassiker der neueren psychologischen Forschung, der sich aus meiner Sicht trotz aller aufgeführten Kritikpunkte leicht liest und durchaus interessant geschrieben ist.
Nach einem Telefonat mit dem Verlag der deutschen Ausgabe hoffe ich, dass sich in künftigen Auflagen eventuell eine kommentierte Einführung findet und zumindest diese Punkte sobald wie möglich korrigiert werden:
Stanley Milgram ist 1984 verstorben. Das von mir gekaufte Buch stammt aus der 16. Auflage 2009. Bis heute hat sich keine Person des Verlags gefunden, die die Information „… und ist heute Professor für Psychologie am Graduate Center der City University of New York“ auf Seite 4 entfernt bzw. korrigiert hat.
Diverse Passagen könnten in der Übersetzung neu formuliert werden, insbesondere solche, die die Darstellung einzelner Versuchspersonen betreffen (z.B. auf S. 66).
Das Buch bei Amazon / Bol / Rowohlt
Richard Wiseman – Wie Sie in 60 Sekunden Ihr Leben verändern
Fischer Verlag / Preis: 9,95 Euro
Die Entscheidung zum Kauf des Buches „Wie Sie in 60 Sekunden Ihr Leben verändern“ von Richard Wiseman mag durch den Titel der deutschen Ausgabe erschwert werden.¹ Aber hiervon sollten sich interessierte Leserinnen und Leser nicht abschrecken lassen, sondern lieber nach der Maxime „einfach mal das Buch öffnen und anfangen zu lesen“ vorgehen. In seinem Buch stellt Wiseman, selbst Professor für Psychologie, populäre Anleitungen für ein besseres Leben von Motivationstrainern oder Lebenshilfegurus vor. Da diese weit verbreiteten Annahmen allerdings selten auf einem wissenschaftlichen Fundament basieren, stellt er vielen dieser Alltagsvorstellungen weniger bekannte wissenschaftliche Überprüfungen und Erkenntnisse gegenüber. Durch die Sammlung verschiedenster Artikel aus Fachzeitschriften umfasst diese Darstellung eine große und großartige Bandbreite sozialpsychologischer Forschungsergebnisse, die Wiseman in zehn nach Themenfeldern sortierten Kapiteln vorstellt. Hierbei konzentriert er sich auf die wesentlichen Aspekte und zeigt seinen Leserinnen und Lesern einige Implikationen der Forschung für das tägliche Leben auf. Als besonders praktisch können sich die Zusammenfassungen der Vorschläge für eine Verbesserung einzelner Lebensbereiche am Ende der jeweiligen Kapitel erweisen, wenn man sie in die Tat umsetzt.
Eine kleine, vielleicht gar kleinliche Kritik, die sich auch nur auf die deutsche Ausgabe bezieht, betrifft das erschwerte Verständnis einiger Bespiele zur Kreativität, das sich aus der fast kommentarlosen Übernahme der englischen Originalbeispiele ins Deutsche ergibt. Im Buch steht zum Beispiel SALE SALE SALE SALE; es findet lediglich eine Übersetzung der Lösung „for sale“ mit „zu verkaufen“ statt. Ein kurzer Hinweis, dass es sich hierbei um ein Wortspiel handelt und die Ziffer 4 – auf englisch four – genauso ausgesprochen wird wie „for“ fehlt leider.
Dennoch gelingt es Wiseman vorzüglich, wissenschaftliche Erkenntnisse allgemeinverständlich zu vermitteln. So mahnt er zwischendurch auch mal zur Bescheidenheit, wenn er am Ende des Kapitels über Motivation folgenden Vorschlag macht: Man solle sich vorstellen, wie beim eigenen Begräbnis eine Rede über das eigene Leben von einem Freund gehalten werde; nun möchte man sich die Zeit nehmen und die perfekte Rede über sich selber für diesen Freund schreiben. Wenn man fertig sei, müsse ein Abgleich zwischen idealer Rede und tatsächlichem Verhalten im Diesseits geschehen. Vermutlich weist jeder Abgleich die Tendenz auf, dass da noch Luft nach oben ist.
Relativ zu Beginn des Buches erläutert Wiseman, warum es sinnvoller ist, sein Geld für Erlebnisgüter auszugeben als für Konsumgüter: Unter anderem, weil sie (teilweise gemeinschaftliche) Erinnerungen schaffen, über die man sich mit anderen austauschen kann. Mit bestem Gewissen kann ich anderen Menschen dazu raten, ebenfalls in dieses Buch als Erlebnisgut zu investieren: Wisemans Buch macht Lust auf Wissen über wissenschaftliche Psychologie und Stoff für Gespräche mit Freundinnen und Freunden findet sich reichlich darin.
Das Buch bei Amazon / Bol / Fischer
¹ Hätte der deutsche Verlag den englischen Originaltitel übersetzt, würde der deutsche Titel etwa lauten: „59 Sekunden: Denke nur ein bisschen und verändere dadurch eine Menge“.
