360° Plastik in Sicht! Wie kann uns eine Kurskorrektur beim Plastikkonsum gelingen?

Wie können politische Maßnahmen, ProduzentInnen und Veränderungen im Handel helfen?

Neben Maßnahmen im Bereich der Bewusstseinsbildung können auch Maßnahmen von Seiten der Politik oder des Handels einen Einfluss auf das individuelle Verhalten haben. Im Bereich der politischen Maßnahmen zeigen sich Verbote und Abgaben als wirksame Mittel (Heidbreder et al., 2019). Bei Steuern oder Gebühren ist nicht nur das Geld ein entscheidender Faktor. Wichtig ist auch eine Veränderung der gesellschaftlichen Normen durch die Einführung von Regulationen. War es vor Einführung einer kostenpflichtigen Abgabe auf Plastiktüten noch völlig normal eine Tüte in jedem Laden mitzunehmen, wird man nach der Einführung vielleicht schräg angeschaut. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die Zahl der Plastiktüten nach Einführung einer kostenpflichtigen Abgabe in verschiedenen Ländern um bis zu 90 % reduziert hat (Heidbreder et al., 2019). Bei Verboten oder Abgaben muss allerdings sichergestellt werden, dass KonsumentInnen ökologischere Alternativen zur Verfügung haben. Beispielsweise zeigte eine Studie aus Bangladesch, dass das Verbot von bestimmten Plastiktüten zu einem Nutzungsanstieg von anderen Plastiktüten geführt hat, und dass diese fälschlicherweise als umweltfreundlicher wahrgenommen wurden (Synthia & Kabir, 2015). Das heißt, aufgrund des Mangels an Alternativen war die Wirksamkeit des Verbots stark eingeschränkt. Politische Maßnahmen sollten also gut geplant sein.

Wenn über alternative Materialien nachgedacht wird, muss berücksichtigt werden, dass diese ähnliche Eigenschaften wie Plastik haben und die eingepackten Produkte schützen sollten. Aus ökologischer Sicht ist das Wegwerfen von Lebensmitteln meist schlimmer als der durch die Verpackung verursachte Müll und Energieverbrauch (Heidbreder et al., 2019; Wikström, Williams, Verghese & Clune, 2014). Bestrebungen Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen und/oder biologisch abbaubar zu produzieren sind wünschenswert. Sogenanntes „Bioplastik“ könnte eine Lösung sein und es wird von KonsumentInnen konventionellem Plastik gegenüber bevorzugt (Heidbreder et al., 2019). Allerdings gibt es nicht nur auf technischer, sondern auch auf menschlicher Seite noch Hindernisse. Viele KonsumentInnen kennen weder die genauen Eigenschaften eines Materials noch deren ökologischen Einfluss. Bei Bioplastik wissen wir oft auch nicht, wo wir es eigentlich herbekommen, wie wir es erkennen und in welche Tonne wir es entsorgen sollen (Taufik, Reinders, Molenveld & Onwezen, 2019). Wichtig ist daher nicht nur, dass PolitikerInnen, ProduzentInnen und HändlerInnen alternative Handlungsoptionen und Materialien mit echtem ökologischen Mehrwert verfügbar machen, sondern deren Eigenschaften auch gut kommunizieren (Heidbreder et al., 2019).

Beim Einkaufen können Hinweise von VerkäuferInnen uns unterstützen, weniger Plastik zu benutzen. Wenn wir beim Kauf von beispielsweise Take-Away-Essen gefragt werden, ob wir eine Plastiktüte, -verpackung oder -besteck brauchen, anstatt uns einfach welche(s) zu geben, überdenken wir unseren Konsum möglicherweise. In einer japanischen Studie konnte mit diesem Vorgehen der Plastiktütenkonsum im Supermarkt um 5 % reduziert werden (Ohtomo & Ohnuma, 2014).

Nicht nur beim Konsum, sondern auch bei der Entsorgung können Maßnahmen von Politik, Kommunen oder Organisationen helfen. Beispielsweise ist die Verfügbarkeit entsprechender Infrastruktur, z. B. Stationen zur Mülltrennung, eine wichtige Voraussetzung, um recyceln zu können. Allerdings führt nicht allein die Menge von Abfallbehältern zu mehr Recycling: Während eine geringe Distanz zu Recyclingmöglichkeiten das entsprechende Verhalten fördert, bringt eine einfache Erhöhung der Anzahl von Abfallbehältern wenig. Am besten funktionieren Systeme, bei denen der Abfall direkt an der Haustür abgeholt wird oder wenn Bringsysteme mit Belohnungen kombiniert werden, z. B. in Form von Pfandsystemen. Kurze Botschaften und klare Symbole auf den Abfallbehältern können ebenfalls das Recyclingverhalten verbessern (Heidbreder et al., 2019).

ProduzentInnen, der Handel und die Politik haben einige Möglichkeiten uns mit alternativen Materialien und Handlungsoptionen zu versorgen, sowie uns nötige Anreize zu geben, auf Plastik zu verzichten. Entsprechende Maßnahmen müssen aber gut durchdacht sein, sodass wir zum Schluss nicht mehr Müll haben als vorher.

Fazit

Plastik begegnet uns fast überall: im Supermarkt, bei der Müllentsorgung oder beim Strandurlaub. Menschliches Erleben und Verhalten in Bezug auf Plastik ist also sehr komplex und vielschichtig. Daher bieten sich auch mehrere Ansatzpunkte für Lösungen an. Die verschiedensten gesellschaftlichen Akteure – VerbraucherInnen, Politik, Produktion, Handel und Medien – sind gefragt, bei dieser kollektiven Aufgabe zusammenzuarbeiten.

Das hohe Problembewusstsein in der Bevölkerung gilt es zu nutzen – als individuelle Motivation für jedeN selbst und für verschiedene Lösungen mit regulatorischem Charakter, wie zum Beispiel Verbote. JedeR Einzelne kann mit großen und kleinen Schritten einen Beitrag leisten: die eigenen Gewohnheiten durchbrechen, Parks von Plastikmüll befreien, Alternativen ausprobieren und anderen davon erzählen. Lasst uns gemeinsam Segel setzen und Kurs aufnehmen für eine Zukunft mit weniger Plastikmüll.

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Bildquellen

Bild 1: Marco Verch Professional Photographer and Speaker via flickr (https://www.flickr.com/photos/30478819@N08/43294513040, Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/).

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