Alt und ausgepowert?- Wie ältere Berufstätige ihre Arbeit erleben

Wie lassen sich diese unterschiedlichen Befundmuster erklären? Als erstes kann man festhalten, dass sich verschiedene Ergebnisse eventuell auf Unterschiede in der Methode zurückführen lassen. So unterscheiden sich die meisten Studien hinsichtlich der Messung des Stresserlebens: In den verschiedenen Studien werden unterschiedliche Aspekte des Stresserlebens wie beispielsweise Burnout oder Irritation erfasst. Es ist also nicht auszuschließen, dass der Alterseffekt abhängig von der Art der Erfassung von Stress ist. Des Weiteren unterscheiden sich Studien in diesem Kontext in der Alterszusammensetzung: In der einen Studie besteht die Stichprobe aus Berufstätigen im Alter von 20 bis 55 Jahren, in einer anderen hingegen aus Berufstätigen von 30 bis 65 Jahren. Somit könnten Veränderungen in bestimmten Altersbereichen unentdeckt bleiben, sodass z.B. ein umgekehrt u-förmiger als linearer Zusammenhang interpretiert werden würde, bei dem das Stresserleben mit dem Alter kontinuierlich ansteigt oder absinkt.

Bei den meisten Studien zum Zusammenhang zwischen Alter und Stresserleben lassen sich Selektionseffekte wie der „Healthy worker“ - Effekt nicht ausschließen. Der „Healthy worker“ - Effekt beschreibt, dass insbesondere ältere Arbeitnehmer gesünder als ihre nicht arbeitenden Altersgenossen sind, da diese zumeist vorzeitig aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Um diesen Effekt zu überprüfen, bräuchte man längsschnittliche Studien, die die gleichen Personen über mehrere Jahrzehnte hinweg befragen. Durch diese längsschnittlichen Studien könnte man auch Kohorteneffekte von tatsächlichen Alterseffekten trennen.

Neben unterschiedlichen Meßmethoden helfen auch inhaltliche Überlegungen dabei, die Ergebnisse zu verstehen. So gibt es gegenläufige Alterungsprozesse, die einen Einfluss auf das Stresserleben haben könnten. Einerseits gehen mit dem Alter gewisse Verbesserungen einher, die das Stresserleben verringern. Beispielsweise gehen entwicklungspsychologische Theorien (z.B. Labouvie-Vief, Hakim-Larson, DeVoe, & Schoeberlein, 1989) davon aus, dass ältere Menschen ihre Gefühle besser regulieren können. Das bedeutet, dass sie mehr Wissen über Gefühle haben, diese besser einschätzen und auch besser unter Kontrolle haben. So haben Studien gezeigt, dass positive Gefühle bei älteren Erwachsenen länger anhalten und dass sie ihre Gefühle besser beeinflussen können. Dementsprechend könnten ältere Beschäftigte einen besonneneren Umgang mit Kolleg/innen oder Kund/innen haben, sodass es zu weniger negativen, stressreichen Erlebnissen kommt. Des Weiteren sollte es älteren Beschäftigten leichter fallen, negative Gefühle direkt bei ihrem Auftreten zu regulieren, so dass diese überhaupt nicht zum Stresserleben führen.

Andererseits gibt es Einbußen im Alter, die das Stresserleben mit dem Alter ansteigen lassen. So nimmt z.B. die physiologische Leistungskapazität ab. Wenn die körperlichen Ressourcen dadurch nicht mehr den Anforderungen der Tätigkeit genügen, könnte dies zu einem vermehrten Stresserleben führen und sich insbesondere in Berufen mit hohen körperlichen Belastungen negativ auswirken. In ähnlicher Weise könnte sich ein nachlassendes Gedächtnis negativ auf das Stresserleben auswirken. Müssen sich ältere Arbeitnehmer/innen sehr anstrengen, um sich Dinge zu merken, wird eine komplexe Aufgabe als stressreicher empfunden als von jüngeren Kolleg/innen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es sowohl altersbezogene Verbesserungen als auch Verluste gibt – und dass möglicherweise bestimmte berufliche Rahmenbedingungen die Verbesserungen oder Verluste stärker hervortreten lassen. Potenziale ältere Arbeitnehmer/innen liegen beispielsweise in der Regulation von Gefühlen und dem selteneren Erleben von Burnout. Verluste, die mit dem Alter einhergehen, sind beispielsweise eine nachlassende körperliche Belastbarkeit und Einschränkungen in bestimmten kognitiven Fähigkeiten. Die genauen Wirkmechanismen, die den Alterseffekten auf das Stresserleben zugrunde liegen, sind bislang noch nicht untersucht worden. So fehlen Studien, die die verschiedenen altersbezogene Prozesse erfassen, die das Stresserleben beeinflussen (z. B. Wahrnehmung und Umgang mit Stressoren).

Fazit

Wie erleben ältere Arbeitnehmer/innen nun ihre Arbeit? Die Ergebnisse verschiedener Studien haben gezeigt, dass ältere Berufstätige zufriedener sind als ihre jüngeren Kolleg/innen. Allerdings nicht, weil sie resigniert oder sich angepasst haben, sondern weil Ihnen andere Aspekte ihres Berufs wichtiger geworden sind. Erleben ältere Berufstätige genauso viel Stress wie ihre jüngeren Kolleg/innen? Dem generellen Vorurteil, dass ältere Berufstätige ausgepowert sind, kann aus Sicht der Forschung nicht zugestimmt werden. So leiden ältere Arbeitnehmer/innen weniger an Burnout und können ihre Gefühle besser regulieren.

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