Andere begreifen lernen: Wie unsere Hände uns helfen, andere zu verstehen

Theory of Mind - die Theorie über den Geist anderer

Andere zu verstehen heißt mehr als nur einfache Handlungsziele und Absichten zu kennen. Wir wollen auch wissen, was sie denken, wissen, sich wünschen und fühlen. Wir stellen also Vermutungen und Theorien darüber auf, wie es im Geist unserer Mitmenschen aussieht. Wann genau Kinder diese Theory of Mind („Theorie des Geistes“) entwickeln, wird in der entwicklungspsychologischen Forschung diskutiert. Bisher wird vermutet, dass Kinder zwischen dem 4. und 5. Lebensjahr verstehen, dass ihre Mitmenschen andere Gedanken und Gefühle haben können als sie selbst (Wellman & Liu, 2004). Auch dabei scheint der Handlungswahrnehmung eine grundlegende Funktion zuzukommen und einige Forscher vermuten, dass die frühe Handlungswahrnehmung die spätere Fähigkeit zur Theory of Mind voraussagen kann (Aschersleben et al., 2008). Wie beim Verständnis von Absichten, hilft Kindern die eigene Handlungserfahrung dabei, die Gefühle und Gedanken anderer zu Bild 2: Versteht das Mädchen, dass ihr Papa nicht weiß, was im Geschenk ist?Bild 2: Versteht das Mädchen, dass ihr Papa nicht weiß, was im Geschenk ist?verstehen. Wenn ich weiß, wie ich mich fühle, wenn ich dies oder jenes mache, dann kann ich das auf andere übertragen. So zeigt eine Studie, dass die Handlungswahrnehmung im Säuglingsalter mit der Theory of Mind mit 3 Jahren zusammenhängt (Filippi et al., 2020).

Ähnlich wie beim Verständnis von Absichten, stimmen die Gedanken und Gefühle anderer jedoch nicht immer mit den eigenen momentanen Gedanken und Gefühlen überein, sodass eine eins-zu-eins Übertragung selten möglich ist. Stattdessen müssen Kinder ihre eigenen Gefühle und Gedanken zur Seite schieben, um diejenigen der anderen Person erfassen zu können. Dies scheint ihnen bei den Wünschen anderer leichter zu fallen als bei ihren Überzeugungen, Gedanken und Emotionen (Wellman & Liu, 2004). Kinder verstehen also schon früh, dass ihr Gegenüber gerne Brokkoli essen kann, auch wenn sie selbst lieber Kekse haben. Hingegen vermögen sie erst später ihr eigenes Wissen und ihre eigenen Überzeugungen von denjenigen ihrer Mitmenschen zu trennen. Kinder verstehen also noch nicht, dass ihre Eltern nicht immer das Gleiche denken oder fühlen wie sie selbst (z. B., dass Pauls Mutter wütend sein kann, während er traurig ist). Eine Vermutung ist, dass für das erfolgreiche Beiseiteschieben der eigenen Gedanken und Gefühle eine gewisse Hemmungsleistung nötig ist. Unsere eigene, stark vorherrschende Perspektive muss also weit genug zur Seite geschoben werden, damit wir die Perspektive anderer einnehmen können. Diese Annahme hilft zu erklären, warum sich die Theory of Mind im Vorschulalter noch deutlich weiterentwickelt, auch wenn die Handlungswahrnehmung bereits recht gut ausgeprägt ist.

Es ist also ganz schön kompliziert das Verhalten anderer in vollem Umfang zu verstehen. Kein Wunder, dass Paul irritiert ist. Zwar hat er verstanden, dass seine Mutter die Wasserflasche greifen wollte. Sein eigenes Handlungsrepertoire – also die Handlungen, die er selbst ausführen kann – hat ihm geholfen dies zu begreifen. Jedoch hat er noch nicht verstanden, dass seine Mutter die Limonade nicht sehen konnte und sie unabsichtlich umgestoßen hat. Dazu fehlt ihm bislang die Fähigkeit zur Perspektivübernahme. Je mehr Erfahrungen er selbst macht und so sein Handlungsrepertoire entwickelt, desto eher wird er verstehen, welche Ziele andere verfolgen und welche Absichten sie haben. Auch wird er in Interaktion mit anderen immer besser darin, deren Perspektive einzunehmen und zu verstehen, was sie denken und fühlen.

Auch wenn also noch nicht alles klappt, so können dennoch schon kleine Kinder verstehen, welche Absichten und Ziele andere Menschen verfolgen. Ihre eigene Handlungserfahrung, also das, was sie mit ihren Händen und Füßen schon machen können,Bild 3: Gespräche über unsere Gedanken und Gefühle helfen Kindern diese zu verstehen.Bild 3: Gespräche über unsere Gedanken und Gefühle helfen Kindern diese zu verstehen. hilft ihnen dabei. Wir können sie unterstützen, indem wir ihnen die Möglichkeit geben und sie ermutigen, möglichst viele Handlungen auszuprobieren. Beispielsweise können wir ihnen Handlungen vormachen oder ihnen Objekte zur Verfügung stellen, die die Schwierigkeit einer bekannten Handlung erhöhen (z. B. einen kleineren Ball entgegenstrecken, der das Greifen schwieriger macht). Außerdem bieten ihnen soziale Interaktionen ein Übungsfeld, ihre neuen Fähigkeiten anzuwenden und ihre Theorien über die Gedanken, Gefühle, Überzeugungen und Wünsche anderer zu überprüfen.

Bildquellen

Bild 1: Evgeny Atamanenko, https://www.shutterstock.com/it/image-photo/childrens-creativity-happy-f...

Bild 2: Evgeny Atamanenko, https://www.shutterstock.com/it/image-photo/fathers-day-happy-family-dau...

Bild 3: Monkey Business Images, https://www.shutterstock.com/it/image-photo/young-black-father-daughter-...

Literaturverzeichnis

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