Bug or Feature? Langeweile ist unangenehm und gerade deswegen wichtig

Auch wenn die Kontroll-Wert-Theorie für Emotionen im akademischen Kontext entwickelt wurde, so formulieren neuere Modelle zur Entstehung von Langeweile mittlerweile ganz ähnliche Annahmen (z. B. Westgate & Wilson, 2018). Das legt nahe, dass Langeweile auch außerhalb von Schule und Universität durch ein Zusammenspiel aus Kontroll- und Wertbeurteilungen entsteht. Das gilt insbesondere auch für andere Lern- und Leistungskontexte wie den Sport: Auch dort können Situationen auftreten, in denen man überfordert (z. B. durch ein zu hoch gestecktes Trainingsziel) oder unterfordert ist (z. B. durch ein Training bei geringer Belastung). Und gerade im Breitensport kann es sein, dass dem Sport an sich ein geringer Wert zugeschrieben wird und er nur widerwillig ausgeübt wird (z. B. als Mittel um das Gewicht zu regulieren). So können zu hoch gesteckte Trainingsziele in Verbindung mit einem geringen Wert des Sports das Entstehen von Langeweile begünstigen und dazu führen, dass man erst gar keinen Sport macht oder schnell wieder damit aufhört. Interessanterweise finden sich in den Medien zahlreiche Tipps gegen Langeweile im Sport, die auf deren weite Verbreitung im Sportkontext hinweisen. In der sportpsychologischen Forschung allerdings wurde das Thema Langeweile bis vor Kurzem weitgehend vernachlässigt (Wolff, Bieleke, Martarelli & Danckert, 2021).Bild 3: Die wohl prototypischste Situation für das Empfinden von Langeweile ist die Schule. SchülerInnen wird langweilig, wenn sie nicht optimal beansprucht sind (z. B. Überforderung in Mathe) und dem Unterricht einen geringen Wert beimessen (z. B. kein Interesse an Mathe).Bild 3: Die wohl prototypischste Situation für das Empfinden von Langeweile ist die Schule. SchülerInnen wird langweilig, wenn sie nicht optimal beansprucht sind (z. B. Überforderung in Mathe) und dem Unterricht einen geringen Wert beimessen (z. B. kein Interesse an Mathe).

Zu Tode gelangweilt? Die weitreichenden Konsequenzen der Langeweile

Dem Volksmund nach haben so manche sich schon “zu Tode gelangweilt”. Hinter dieser Redensart steckt ein Körnchen Wahrheit, wie eine epidemiologische Studie nahelegt (Britton & Shipley, 2010). Darin zeigten die AutorInnen, dass das Risiko an einer Herz-Kreislauferkrankung zu sterben bei Menschen mit starkem Langeweileerleben etwa 2,5 mal größer ist als bei Menschen mit geringem Langeweileerleben. Dieser Effekt hatte allerdings nur solange bestand, bis die AutorInnen für andere Faktoren wie das Ausmaß an körperlicher Aktivität kontrollierten. Das legt nahe, dass Langeweile nicht per se krank macht, sondern vielmehr mit negativen Verhaltensweisen einhergeht, die das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen maßgeblich bestimmen. Und tatsächlich konnte gezeigt werden, dass Menschen mit stark ausgeprägtem Langeweileerleben körperlich weniger aktiv sind und sich in ihrem Alltag seltener bewegen als Menschen mit einem schwach ausgeprägten Langeweileerleben (Wolff, Bieleke, Stähler & Schüler, 2021).

Wichtig hierbei ist, dass Langeweile gleich auf mehrere Arten mit einer gesunden Lebensführung in Konflikt geraten kann. So kann sie einerseits dazu führen, dass langweilige aber gesundheitsförderliche Verhaltensweisen gemieden werden. Ein Beispiel für diese Langeweilevermeidung ist es, dass man Sport langweilig findet und daher erst gar keinen Sport macht. Andererseits kann Langeweile auch dazu führen, dass ungesunde Verhaltensweisen gezielt aufgesucht werden um Langeweile zu reduzieren. Diese Langeweileflucht kann sich zum Beispiel dadurch ausdrücken, dass aus Langeweile Drogen wie Alkohol oder Zigaretten konsumiert werden. Eine noch drastischere Illustration der Wirkmächtigkeit von Langeweile lieferte eine Studie, die im Jahr 2014 in der Fachzeitschrift Science erschienen ist: Um der Langeweile zu entkommen gaben sich (manche) Menschen freiwillig selbst Stromstöße, die sie vorab als äußerst unangenehm bewertet hatten (Wilson et al., 2014). Aktuelle Arbeiten betonen eine weitere beunruhigende Folge von Langeweileflucht: In einer Serie von neun Studien zeigte sich, dass Langeweile sadistisch aggressives Verhalten gegenüber anderen Menschen befördern kann (Pfattheicher et al., 2020). Darüber hinaus können Langeweilevermeidung und Langeweileflucht auch gemeinsam auftreten. So kann es sein, dass man lieber abends auf dem Sofa Serien anschaut als Sport zu machen, weil man Sporttreiben langweilig findet, und dann beim Anschauen der Serien aus Langeweile zu ungesunden Snacks und Getränken greift.

Allerdings spielt Langeweile nicht nur für das Gesundheitsverhalten eine Rolle. Studien zur Prävalenz von Langeweile zeigen, dass sie an Schulen und Universitäten besonders häufig auftritt (Chin et al., 2017). Und genau dort hat Langeweile auch zahlreiche unerwünschte Konsequenzen. So konnte eine Meta-Analyse beispielsweise einen negativen Zusammenhang zwischen Langeweile und Leistung im akademischen Kontext zeigen (r = −.24; Tze et al., 2016). Eine Ursache dafür ist, dass Langeweile es erschwert, aufmerksam bei der Sache zu bleiben und dem Unterricht zu folgen. Stattdessen sind die SchülerInnen mit den Gedanken woanders, bekommen die Inhalte nicht richtig mit und erhalten langfristig schlechtere Noten. In akademischen Kontexten scheint es also angeraten, Langeweile zum Beispiel in Veranstaltungsevaluationen zu erfassen und wirksame Strategien zum Umgang damit zu entwickeln. Das kann beispielsweise durch die Gestaltung ansprechender und aktivierender Unterrichtsformate geschehen.

Langeweile hat eine wichtige Funktion: Sie signalisiert die Notwendigkeit einer Veränderung

Schaut man auf all die negativen Konsequenzen von Langeweile, dann stellt sich die Frage nach ihrer Funktion. Die Wissenschaftler James Danckert und John Eastwood illustrieren die Funktion von Langeweile anhand einer Parallele zum Schmerz (Danckert & Eastwood, 2020). Die Funktion von Schmerz besteht danach nicht darin Menschen zu verletzen, sondern die potenzielle Gefährlichkeit einer Situation zu signalisieren. So kann Schmerz deutlich machen, dass man die Hand besser von einer heißen Herdplatte wegziehen sollte. Analog besteht die Funktion von Langeweile nicht darin zu quälen, sondern die Notwendigkeit der Veränderung einer Situation zu signalisieren. Langeweile ist also ein Signal, dass man das aktuelle Handeln überdenken und Alternativen in Erwägung ziehen sollte. Bild 4: Schmerz ist unangenehm und signalisiert, das körperlicher Schaden droht – wenn man beispielsweise brennende Streichhölzer zu lange festhält. Analog ist auch Langeweile eine unangenehme Empfindung, die signalisiert, dass man etwas an der aktuellen Situation ändern sollte.Bild 4: Schmerz ist unangenehm und signalisiert, das körperlicher Schaden droht – wenn man beispielsweise brennende Streichhölzer zu lange festhält. Analog ist auch Langeweile eine unangenehme Empfindung, die signalisiert, dass man etwas an der aktuellen Situation ändern sollte.

Allerdings gibt Langeweile nicht vor, in welche Richtung die Situation geändert werden sollte. Besonders eindrucksvoll wird dieser Umstand in einer Reihe von Experimenten illustriert, in denen ProbandInnen zunächst eine Serie von entweder angenehmen, unangenehmen oder neutralen Bildern gezeigt wurde (Bench & Lench, 2019). Egal um welche Bilder es sich dabei handelte, die ProbandInnen empfanden diese Aufgabe nach einiger Zeit als langweilig. Im Anschluss daran sollten sie sich eine weitere Serie von Bildern ansehen und durften wählen, ob es sich dabei um ähnliche oder aber um neue Bilder handeln sollte. In Übereinstimmung mit der Hypothese, dass Langeweile die Notwendigkeit einer Änderung der Situation signalisiert, entschieden sich viele ProbandInnen für die neuen Bilder. Interessanterweise wurde hierbei oft das hedonisch gegenläufige Bilder gewählt: ProbandInnen, die vorher angenehme Bilder gesehen hatten, wählten im Anschluss eher unangenehme Bilder und umgekehrt. Langeweile scheint also einen neutralen Impuls zu geben, die Situation dahingehend zu ändern, dass möglichst etwas Neues erlebt werden kann (Bieleke & Wolff, 2021).

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