COVID-19: Schlimmer als gedacht? Wie und warum sich das wahrgenommene Risiko von Infektionskrankheiten im Laufe der Zeit verändert

2) Die objektive Gefahrenlage

Die Anzahl der infizierten Personen und Todesfälle sind Indikatoren, die das objektive Risiko durch eine Infektionskrankheit zum jeweiligen Zeitpunkt widerspiegeln. Obwohl oft unklar ist, wie präzise offizielle Zahlen mit der Anzahl tatsächlicher Infektionen übereinstimmen (z. B. aufgrund einer Dunkelziffer) oder wie viele Menschen die veröffentlichten Zahlen überhaupt kennen, zeigen sich in Studien Zusammenhänge zwischen offiziell berichteten Zahlen und der Risikowahrnehmung der Bild 3: Ein Einflussfaktor darauf, wie hoch wir unser Infektionsrisiko zu einem bestimmten Zeitpunkt einschätzen, ist die objektive Gefahrenlage. Bild 3: Ein Einflussfaktor darauf, wie hoch wir unser Infektionsrisiko zu einem bestimmten Zeitpunkt einschätzen, ist die objektive Gefahrenlage. Bevölkerung (Loewenstein & Mather, 1990). Beispielsweise wurde die Risikowahrnehmung in einer Studie zur Schweinegrippe (H1N1) durch die Anzahl der Infektionsfälle im US-Bundesstaat der Teilnehmenden beeinflusst (Ibuka et al., 2010). Und auch in einer Studie in Hong Kong während der SARS- Pandemie 2003 folgte der Verlauf des wahrgenommenen Infektionsrisikos an verschiedenen Orten wie etwa in Restaurants oder an belebten Plätzen ebenfalls der Anzahl an täglich gemeldeten Infektionen (Lau et al., 2003). Ebenso konnte eine Studie mit vier Befragungen in unterschiedlichen Jahren in Deutschland zeigen, dass die Wahrnehmung des Risikos sich mit der saisonalen Grippe oder einer normalen Erkältung anzustecken akkurat widerspiegelte, ob gerade Grippe- und Erkältungssaison war und entsprechend tatsächlich ein höheres Risiko bestand. Bei der Vogelgrippe jedoch blieb die Risikowahrnehmung relativ niedrig und zeitlich stabil, was durch niedrige menschliche Infektionsraten in Deutschland und die geografische Distanz zu den aufgetretenen Fällen in China erklärt werden kann (Lages et al., 2021a). Unsere Risikowahrnehmung spiegelt also zu einem gewissen Grad das Infektionsgeschehen zum jeweiligen Zeitpunkt wider, ist dabei aber auch von Faktoren wie unserer räumlichen Nähe zu den Infektionsfällen abhängig.

3) Die mediale Berichterstattung

In einer repräsentativen Befragung der deutschen Bevölkerung im April 2020 gaben etwa zwei Drittel der Befragten an, klassische Medien wie das Fernsehen oder Zeitschriften häufig oder sehr häufig zu nutzen, um sich über die Corona- Pandemie zu informieren. Ebenso waren soziale Medien wie Facebook und Twitter für ca. 40 % der Befragten und insbesondere für jüngere Personen wichtige Informationsquellen (Wissenschaft im Dialog, 2020). Medien können unsere Risikowahrnehmung durch die dargestellten Inhalte, die Menge an Berichterstattung in einem bestimmten Zeitraum und durch Emotionalisierung beeinflussen (Klemm et al., 2016; Reintjes et al., 2016). Bild 4: Unsere Risikowahrnehmung im Verlauf einer Pandemie wird auch von den Medien und der Berichterstattung beeinflusst.Bild 4: Unsere Risikowahrnehmung im Verlauf einer Pandemie wird auch von den Medien und der Berichterstattung beeinflusst.

Inhaltlich berichteten Medien während der Schweinegrippe- Pandemie (H1N1) beispielsweise am häufigsten über die aktuelle Gefahrenlage, gefolgt von Informationen zu Schutzmaßnahmen. Risikoinformationen können unsere Risikowahrnehmung zum Beispiel beeinflussen, indem sie Angst hervorrufen (Klemm et al., 2016). Durch mediale Aufmerksamkeit, d.h. die Menge an Berichterstattung in einem Zeitraum, können Medien die öffentliche Aufmerksamkeit außerdem auf bestimmte Themen lenken, wie zum Beispiel die aktuelle Lage der Corona- Pandemie. Die mediale Aufmerksamkeit passt jedoch nicht immer zur Gefahrenlage. Sie ist vor allem zu Beginn einer Pandemie oft hoch und nimmt anschließend ab, teilweise aber schon bevor die Infektionszahlen zurückgehen. Das liegt auch daran, dass mediale Aufmerksamkeit eher durch zentrale Einzelereignisse und weniger durch die allgemeine Gefahrenlage bestimmt wird. Der erste Todesfall hat einen höheren Nachrichtenwert als nachfolgende Todesfälle, genauso wie Infektions- und Krankheitsfälle vor Ort einen höheren Nachrichtenwert haben als weit entfernte Fälle. Entsprechend konnte in Bezug auf die Schweinegrippe- Pandemie (H1N1) gezeigt werden, dass die mediale Aufmerksamkeit und auch die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung bereits sanken, bevor der Höhepunkt der Pandemie erreicht war (Reintjes et al., 2016).

Neben der medialen Aufmerksamkeit verändert sich auch die Emotionalisierung in der medialen Berichterstattung mit der jeweiligen Gefahrenlage im Verlauf einer Pandemie. Wenn die Lage sich zuspitzt, berichten Medien eher in einem alarmierenden Ton, zum Beispiel durch die Verwendung von Wörtern wie “tödlich”. Entspannt sich die Lage, wird eher beruhigend berichtet und beispielsweise betont, dass baldige medizinische Fortschritte die Gefahr mindern werden (Liao et al., 2019). Insgesamt berichten Medien jedoch überwiegend faktenbasiert und in neutralem Ton. Die Studienlage zur Emotionalisierung ist allerdings weniger eindeutig als die Erkenntnisse zum Einfluss der medialen Aufmerksamkeit. Dies könnte an Unterschieden zwischen den dazu untersuchten Ländern liegen, zum Beispiel an unterschiedlich hohen Fallzahlen oder auch verschiedenen Mediensystemen und lokalen Nachrichtenkulturen (Klemm et al., 2016).

Vermutlich beeinflussen sich die Risikowahrnehmung der Öffentlichkeit und die mediale Berichterstattung zu einem gewissen Grad gegenseitig (Loewenstein & Mather, 1990). Das gilt möglicherweise umso mehr, seit soziale Medien es uns ermöglichen, uns stärker am öffentlichen Diskurs zu beteiligen. Durch die Nutzung sozialer Medien können wir selbst Inhalte (z. B. Posts, Tweets) erstellen oder Inhalte anderer aktiv weiterverbreiten und so die öffentliche Aufmerksamkeit für bestimmte Inhalte vergrößern (Debbeler et al., 2020).

4) Das soziale Umfeld

Der Einfluss unseres sozialen Umfeldes auf die Risikowahrnehmung wurde bisher wenig untersucht. Weil Infektionskrankheiten sich aber von Person zu Person ausbreiten, ist die Berücksichtigung der sozialen Komponente einer solchen “kollektiven Bedrohung” besonders wichtig. Wir sind nicht nur selbst dem Risiko einer Infektion ausgesetzt, sondern können auch andere Menschen anstecken (Leppin & Aro, 2009). Außerdem kann unser soziales Umfeld unsere Risikowahrnehmung beeinflussen. Beobachten wir, dass viele Personen in unserem sozialen Umfeld sich und andere vor einer Infektion schützen (z. B. einen Mund-Nasen-Schutz tragen), kann das dazu führen, dass wir selbst besorgter werden und ebenfalls mit einer größeren Wahrscheinlichkeit ein entsprechendes Schutzverhalten zeigen. Wir nehmen das Verhalten der anderen als Hinweis auf die gesellschaftliche Erwartung bzw. die soziale Norm wahr, die weitere Ausbreitung einer Infektionskrankheit einzuschränken. Daran passen wir unsere Wahrnehmung und unser Verhalten an (Liao et al., 2019). Soziale Normen wie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes müssen sich jedoch erst entwickeln und etablieren. Daher kann es eine gewisse Zeit dauern, bis sie ihren Einfluss während einer Pandemie entfalten. Dann jedoch können sie dafür sorgen, dass sogar Personen, die ihr eigenes Risiko gering wahrnehmen, Schutzverhalten zeigen, um sich entsprechend der sozialen Normen zu verhalten (Leppin & Aro, 2009).

Risikowahrnehmung im Blick behalten

Unsere Risikowahrnehmung verändert sich im Verlauf einer Pandemie. Es gibt viele Einflussfaktoren, die dazu führen, dass wir unser Risiko zu bestimmten Zeiten unterschiedlich hoch wahrnehmen. Gerade zu Beginn trägt die Neuartigkeit einer Infektionskrankheit, der Mangel an Erkenntnissen und die hiermit verbundene Unsicherheit zu einer hohen Risikowahrnehmung bei. Darüber hinaus können die mediale Berichterstattung und die objektive Gefahrenlage, aber auch sich erst entwickelnde soziale Normen beeinflussen, wie sich unsere Risikowahrnehmung im Verlauf einer Pandemie verändert. Unser Verständnis dieser Veränderungen ist wichtig, weil unsere Risikowahrnehmung entscheidend dafür ist, ob wir unser Verhalten zum Schutz vor einer Infektion ändern, und ob wir dieses Schutzverhalten langfristig aufrechterhalten.

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