Das HIV-Stigma in Deutschland: Was kann die Aufklärung über Schutz durch Therapie bewirken?

Insbesondere das instrumentelle Stigma könnte durch Aufklärung über den Präventionsansatz Schutz durch Therapie positiv beeinflussbar sein. Um dies zu überprüfen, befragte Drewes (2013) in einer Onlinestudie 800 heterosexuelle Probandinnen und Probanden (kommerzielles Panel). Erforscht werden sollte, wie stark sich Personen von HIV-positiven Menschen distanzieren und sie stigmatisieren. Dabei wurden die Teilnehmenden zufällig einer von vier Varianten der präsentierten Informationen zugewiesen: Informationen über die ART wurden gegeben oder nicht und anschließend wurde eine (gegengeschlechtliche) Person beschrieben, die entweder eine hohe oder eine geringe Viruslast hatte. Somit ergaben sich vier unterschiedliche Gruppen: (1.) Informationen über die ART und eine hohe Viruslast, (2.) Informationen über die ART und eine geringe Viruslast, (3.) keine Informationen über die ART und eine hohe Viruslast sowie (4.) keine Informationen über die ART und eine geringe Viruslast. Die Teilnehmenden beantworteten dann Fragen in Bezug auf die beschriebene Person, die das Ausmaß an instrumenteller Stigmatisierung (z. B. sollte nicht als Krankenpflegekraft oder mit Kindern arbeiten), an symbolischer Stigmatisierung (z. B. sollte sich für Infektion schämen) sowie die gewünschte soziale (z. B. Tür an Tür wohnen) und intime Distanz zu der Person (z. B. sich küssen) abbilden sollten.

Ergebnisse der Studie von Drewes (2013) in eigener Darstellung.Ergebnisse der Studie von Drewes (2013) in eigener Darstellung.
Insgesamt zeigte sich in der Studie von Drewes (2013) über alle Gruppen hinweg, dass soziale Distanz und das symbolische Stigma kaum bis gar nicht berichtet wurden (siehe Grafik). Dem gegenüber gab es mittelgroße Ausprägungen (im Verhältnis zur genutzten Skala) beim instrumentellen Stigma und bei der intimen Distanz, die somit potentiell durch Aufklärung über die ART reduziert werden könnten. Die Ergebnisse zeigten jedoch, dass das Wissen über Schutz durch Therapie lediglich Auswirkungen auf die intime Distanz hatte (siehe Grafik). Proband/inn/en, die Informationen über die ART erhielten sowie eine HIV-positive Person mit einer geringen Viruslast bewerten sollten, berichteten von geringerer gewünschter intimer Distanz. Die Unterschiede zu den anderen Gruppen waren jedoch eher gering. Kondomloser Geschlechtsverkehr wurde in allen Gruppen gleichermaßen sehr stark abgelehnt. Die Angst vor einer Ansteckung scheint also durch Aufklärung kaum reduziert zu werden, selbst wenn diese ausgeschlossen werden kann. Dies kann einerseits als eine Form der Diskriminierung interpretiert werden, andererseits kann die Ablehnung von unverbindlichem sexuellem Kontakt unabhängig vom HIV-Status z. B. als Safer Sex-Strategie zur Vermeidung anderer sexuell übertragbarer Infektionen gewertet werden oder als Verhütung von ungewollten Schwangerschaften.

Fazit und Ansätze zur Entstigmatisierung

Insgesamt zeichnet sich ein ambivalentes Bild in Deutschland: HIV-positive Menschen werden kaum noch (offen) moralisch verurteilt (symbolisches Stigma), die instrumentelle Stigmatisierung ist jedoch in der intimen Distanz relativ hoch ausgeprägt. Diesbezüglich werden HIV-positive Menschen nach wie vor im intimen und sexuellen Kontakt gemieden und man ist ihnen gegenüber skeptischer, wenn sie mit Kindern oder kranken Menschen arbeiten. Das Wissen über Schutz durch Therapie, also das Wissen darüber, dass HIV bei erfolgreicher Therapie nicht übertragen werden kann, hat nur geringen Einfluss auf die Stigmatisierung. HIV-Prävention und Antidiskriminierungsarbeit müssen deswegen verschiedene Zugänge nutzen. Die empirische Befundlage zur HIV- Stigmatisierung in Deutschland ist allerdings nach wie vor rar.

Erwiesen ist jedoch, dass Menschen, die mit HIV leben, Diskriminierungen wahrnehmen. Teilweise sind diese multipler Art, da die Zugehörigkeit der eigenen Person zu mehreren diskriminierten Gruppen eher die Regel als die Ausnahme darstellt. Dabei spielt es für die psychischen und sozialen Konsequenzen keine Rolle, wie stark die Betroffenen tatsächlich diskriminiert werden, sondern inwieweit sie negatives Verhalten anderer auf ihre Infektion beziehen. So können Prozesse der Selbststigmatisierung zu einer verzerrten Interpretation des Verhaltens anderer Menschen führen.

Es gibt eine Reihe von Maßnahmen zur Reduzierung von Stigmatisierung und Diskriminierung durch HIV-negative Menschen, die sich als wirksam herausgestellt haben (vgl. Stangl, Lloyd, Brady, Holland & Baral, 2013). Am häufigsten sind informationsbasierte Ansätze, die über unterschiedliche Kanäle (z. B. Vorträge, Flyer, Videos) aufklären, und Trainings. In den Trainings werden z. B. in Rollenspielen der Umgang mit HIV-positiven Menschen geübt und Strategien (im Sinne von Awareness und bewusster Reflexion der eigenen Informationsverarbeitungsprozesse) gegen das Aufkommen negativer Emotionen aufgebaut. Als ebenfalls wirkungsvoll hat sich der persönliche Kontakt zu betroffenen Personen herausgestellt – hier können über eine persönliche Ebene Ängste ab- und positive Erfahrungen aufgebaut werden.

Beispielhaft soll hier noch die Kampagne #wissenverdoppeln der Deutschen Aidshilfe Erwähnung finden (Deutsche Aidshilfe, 2020b). Seit 2018 ist es das Ziel der Kampagne, dass alle Menschen in Deutschland über Schutz durch Therapie informiert sind. Dafür sollen diejenigen, die das Wissen haben, als Botschafter/innen das Wissen weitergeben. Bisher haben diese Information jedoch weniger als 20 % der Bevölkerung erreicht (Deutsche Aidshilfe, 2020b).Das Kondom ist nicht mehr der einzige Weg: Schutz durch Therapie, die Prä- (PrEP) und die Postexpositionsprophylaxe (PEP) erweitern die Möglichkeiten im Kampf gegen den HI-Virus.Das Kondom ist nicht mehr der einzige Weg: Schutz durch Therapie, die Prä- (PrEP) und die Postexpositionsprophylaxe (PEP) erweitern die Möglichkeiten im Kampf gegen den HI-Virus.

Neben Kondomen und Schutz durch Therapie gibt es weitere Methoden, sich vor einer HIV-Infektion zu schützen: die Prä- (PrEP) und die Postexpositionsprophylaxe (PEP). Bei der PrEP nehmen HIV-negative Menschen regelmäßig vor bzw. bei der PEP nach einem Risikokontakt HIV-Medikamente ein, wodurch eine HIV-Infektion mit hoher bis sehr hoher Wahrscheinlichkeit vermieden werden kann (Hoffmann & Rockstroh, 2018). Die PEP wird jedoch ausschließlich nach einem Risikokontakt als Notfallmaßnahme und nicht als regelmäßige HIV-Präventionsmethode empfohlen. Insgesamt gibt es also eine Reihe von Mut machenden Entwicklungen (Stichwort Safer Sex 3.0: Kondom, PrEP und Schutz durch Therapie) die aktuell in der Bevölkerung noch wenig Beachtung finden, aber insgesamt zu einer Reduktion von Angst und Diskriminierung führen könnten.

Literaturverzeichnis

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Drewes, J. (2013). HIV-Stigma, Viruslast und Infektiosität. Eine experimentelle Untersuchung des Beitrags der antiretroviralen Therapie zur Entstigmatisierung von HIV/AIDS (Dissertation). Abrufbar vom Repositorium der Freien Universität Berlin (Refubium) unter https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/13744

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