Das Potential unbewusster Wahrnehmung – Wer entscheidet, was wir (unbewusst) tun?

Dieses hierarchische Modell vernachlässigt allerdings die inzwischen bekannte Komplexität der Nervenverbindungen und die zeitliche Dimension der Verarbeitung. Die sensorischen Informationen durchlaufen zwar die visuellen Abb. 3: Illustration der "Doppel-Dissoziation". Der Priming-Effekt nimmt mit dem SOA zu, obwohl die Sichtbarkeit des Zielreizes mit dem SOA abnimmt. Es kann folglich davon ausgegangen werden, dass der Priming-Effekt unabhängig von der Sichtbarkeit des Zielreizes auftritt.Areale in der von der Hierarchie vorgegebenen Reihenfolge. Die höheren Areale projizieren ihre Analyseergebnisse allerdings auch zurück in niedrigere Areale, wo die (integrierten) Informationen erneut analysiert werden. Entsprechend können schnelle Vorwärtsprojektionen (Feedforward-Verbindungen) und langsame rekurrente Signalwege (Feedback-Verbindungen) unterschieden werden. In einer frühen Phase der Verarbeitung basieren Reizrepräsentationen ausschließlich auf den Analysen der Feedforward-Verbindungen, in späteren Phasen zusätzlich auf denen der Feedback-Verbindungen. Statt die Verarbeitung eines visuellen Reizes nur dadurch zu charakterisieren, in welchen Arealen sie stattfindet, ist es ebenso wichtig, zeitlich frühe und späte Phasen der Reizverarbeitung zu unterscheiden.Das hierarchische Modell des Gehirns vernachlässigt die bekannte Komplexität der Nervenverbindungen und die zeitliche Dimension der Verarbeitung. Bild: ColiN00B via pixabay (https://pixabay.com/de/nervenzelle-neuron-gehirn-neuronen-2213009/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Das hierarchische Modell des Gehirns vernachlässigt die bekannte Komplexität der Nervenverbindungen und die zeitliche Dimension der Verarbeitung. Bild: ColiN00B via pixabay (https://pixabay.com/de/nervenzelle-neuron-gehirn-neuronen-2213009/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

Angewandt auf die Response-Priming-Methode bedeutet dies: Die Prime-Information durchläuft mittels Feedforward-Verbindungen die visuelle Verarbeitungshierarchie bis hin zu den motorischen Arealen, wo sie das Antwortverhalten (die Reaktion des entsprechenden Fingers) initiiert. Der später präsentierte Zielreiz „läuft” dem Prime-Signal verzögert hinterher und übernimmt oder korrigiert die Antwortreaktion erst bei seinem Eintreffen in den motorischen Arealen. Dieser Prozess wird beschrieben durch die „Rapid-Chase-Theorie“ (Abbildung 4; z. B. Schmidt et al., 2011). Sie erklärt auch, warum die Priming-Effekte typischerweise mit dem SOA zunehmen und warum sie nicht von der Sichtbarkeit des Primes abhängig sind: Die Priming-Effekte sind umso größer, je mehr Zeit der Prime zur Verhaltenssteuerung hat, bevor der Zielreiz eintrifft. Auch der Maskierungsreiz wird erst wirksam, nachdem der Prime die motorische Reaktion bereits aktiviert hat.

Es gilt als sicher, dass bewusste Wahrnehmung Feedback-Verbindungen erfordert. Umgekehrt bedeutet dies, dass Analysen, die ausschließlich auf Feedforward-Verbindungen basieren, unbewusst bleiben. Da die Response-Priming-Methode potentiell geeignet ist, Feedforward-Prozesse zu isolieren, ist sie somit auch geeignet, unbewusste Prozesse zu untersuchen.

Abb. 4: Schematische Darstellung der "Rapid-Chase-Theorie". Das Prime-Signal (roter Kreis) durchläuft die visuelle Verarbeitungshierarchie bis hin zu den motorischen Arealen, wo es das Antwortverhalten initiiert: Der Finger bewegt sich nach links. Der später präsentierte Zielreiz (grüner Ring) „läuft” dem Prime-Signal verzögert hinterher und übernimmt oder korrigiert die Antwortreaktion erst bei seinem Eintreffen in den motorischen Arealen.

Das Potential unbewusster neuronaler Prozesse

Ein pragmatischer Ansatz zur Untersuchung unbewusster Verarbeitung ist folglich, sich auf die Vorwärtsprojektionen zu konzentrieren – genauer gesagt auf die erste Vorwärtsprojektion nach der Reizpräsentation (den „feedforward sweep“). Was ist das Potential unbewusster Wahrnehmung und wo liegen ihre Grenzen? Präziser: Welche Komplexität erreicht eine Reizrepräsentation am Ende eines einmaligen Durchlaufs durch die visuelle Verarbeitungshierarchie?

Einige Untersuchungen haben gezeigt, dass sowohl Helligkeitskontrast, als auch Farb- und Forminformationen innerhalb noch nicht bewusster Stufen der visuellen Verarbeitung analysiert werden (vgl. Schmidt et al., 2011). Überraschender ist, dass auch einfache Objektkategorisierungen möglich sind. Schmidt und Schmidt (2009) präsentierten gleichzeitig zwei Zielreize an gegenüberliegenden Positionen eines Bildschirms, einer aus der Kategorie „Tier”, einer aus der Kategorie „Objekt”. Die ProbandInnen sollten ausgehend von der Mitte des Bildschirms schnellstmöglich auf den Tier-Zielreiz zeigen. Vor den Zielreizen erschienen an denselben Positionen zwei konsistente oder inkonsistente Primes. Die Auswertung der Zeigebewegungen ergab: (1) Die Reaktion beginnt etwa 300 ms nach der Prime-Präsentation. (2) Die Zeigebewegung verläuft zunächst in Richtung des Tier-Primes (unabhängig von der Position des Tier-Zielreizes). (3) Nach weiteren 100 bis 200 ms (abhängig vom SOA) erfolgt die Bewegung in Richtung des Tier-Zielreizes (Bewegungskorrektur in inkonsistenten, Bewegungsweiterführung in konsistenten Durchgängen). Bereits der Prime löst also das Verhalten aus, dass erst nachträglich vom Zielreiz beeinflusst wird. Dies entspricht den Vorhersagen der Rapid-Chase-Theorie und spricht dafür, dass die verwendeten Primes innerhalb der ersten Feedforward-Projektion verarbeitet werden. Die Kategorisierung von Tieren und Objekten kann also ohne Feedback-Verarbeitung, und damit unbewusst, erfolgen.Einige Untersuchungen haben gezeigt, dass sowohl Helligkeitskontrast, als auch Farb- und Forminformationen innerhalb noch nicht bewusster Stufen der visuellen Verarbeitung analysiert werden. Bild: silasvj via pixabay (https://pixabay.com/de/licht-bokeh-fantasy-farben-746261/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

Andere Untersuchungen liefern ergänzende Befunde, zeigen aber auch die Grenzen auf: Das Beschriebene gilt für die semantische (Bedeutungs-)Analyse von Wörtern (mit gewissen Einschränkungen: Klauer et al., 2007) ebenso wie für die Kategorisierung natürlicher Szenen (VanRullen & Koch, 2003). In beiden Fällen wird auf Vorwissen zurückgegriffen. Für unbewusste Wahrnehmung muss dieses Vorwissen hoch automatisiert sein. Diese Automatisierung kann durch intensives Training erfolgen. Eine unbewusste Kategorisierung einfacher Schachfiguren-Konstellationen hinsichtlich der Frage, ob in ihnen der König bedroht ist oder nicht, ist nur möglich für ExpertInnen, nicht aber für unerfahrene SchachspielerInnen (Kiesel et al., 2009). Ebenso müssen komplexe Reize räumlich getrennt (nicht überlappend) präsentiert werden. Visuelle Reize können also durchaus, aber nur bis zu einer gewissen kategorialen und semantischen Komplexität, und bei ausreichender räumlicher Trennung, von unbewussten Prozessen analysiert werden. Dabei wird (nur) auf automatisiertes Vorwissen zurückgegriffen.

Wer entscheidet, was wir (unbewusst) tun?

Welche Tragweite haben diese Befunde? Entscheiden unsichtbare ( Prime-)Reize darüber, wie wir uns verhalten? Ist der Mensch unbewusster Manipulation ausgesetzt? Droht ihm gar, wie eingangs formuliert, der Verlust seines Status' als rationales und autonomes Wesen?

Wie erwähnt, wurde das „Kinoexperiment” entzaubert – unterschwellig eingeblendete Anweisungen wurden nicht befolgt. Dies ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich konnte nachgewiesen werden, dass durstige ProbandInnen häufiger zu einer unterschwellig eingeblendeten Getränkemarke griffen als zu einem nicht präsentierten Konkurrenzprodukt (Karremans, Stroebe & Claus, 2006). Unbewusste Werbung beeinflusst also die Entscheidung für ein spezifisches Produkt – ruft aber nicht das für eine Handlung notwendige Bedürfnis hervor. Im Gegensatz dazu ist bewusst dargebotene Werbung durchaus in der Lage, unser Konsumverhalten (Entscheidung und Bedürfnis) zu manipulieren!

Wenn das Erinnern einzelner, unter Narkose gehörter Wörter möglich ist, ist es dann auch das Lernen im Schlaf? Leider konnten bisher keine überzeugenden Effekte nachgewiesen werden (Greenwald et al., 1991). Es gibt lediglich erste Hinweise darauf, dass einfache Reiz-Reaktions-Verbindungen, zum Beispiel zwischen Gerüchen und Tönen, erlernt werden können (Arzi et al., 2012). Eindeutig belegt ist dagegen die Bedeutung des Schlafes, um Lerninhalte zu konsolidieren und abzuspeichern – also wach und fleißig lernen und dann beruhigt einschlafen!

Welchen Zweck erfüllt unbewusste Verarbeitung trotz dieser scheinbar eingeschränkten Wirksamkeit? Sicher ist, dass sie visuelle „Vorarbeit” leistet. Einzelne Reize werden vorab identifiziert und grob kategorisiert. Diese begrenzte unbewusste Verarbeitung ist insofern funktional, als sie das System schützt vor einer unendlichen Flut neuer Informationen.

Hier ist anzumerken, dass unbewusste Reize auch vergleichsweise komplexe Verhaltensfolgen haben können. Zum Beispiel können sie – nach vorheriger Instruktion – beeinflussen, welche von mehreren möglichen Aufgaben ProbandInnen ausführen (z. B. Tonhöhe oder Klangfarbe eines Tones beurteilen) oder ob ProbandInnen eine begonnene Reaktion zu Ende führen oder nicht (vgl. Kunde, Reuss & Kiesel, 2012).

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