Dein Leid ist mein Leid? Wie wir die Emotionen anderer Personen nachempfinden.

Jetzt wird es spannend: Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben mittels neurowissenschaftlicher Methoden herausgefunden, dass im Gehirn überlappende, d. h. ähnliche Bereiche aktiv sind, wenn wir selber Schmerz empfinden und wenn wir beobachten, wie jemand anders Schmerz empfindet (Timmers et al., 2018). Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie oder Elektroenzephalographie wird dabei die Gehirnaktivität gemessen, entweder während Versuchspersonen selber Schmerz spüren, z. B. indem sie schmerzhafte elektrische Reize verabreicht bekommen, oder aber beobachten, wie eine andere Person solche Reize erhält. Empathie für Schmerz wird also teilweise in jenem Gehirn-Netzwerk verarbeitet, das auch in die körpereigene Schmerzwahrnehmung eingebunden ist (Lamm et al., 2011). Solche Ergebnisse sind im Einklang mit dem Ansatz der geteilten Repräsentationen sowie mit simulationstheoretischen Ansätzen. Diese besagen, dass das Nachempfinden von Emotionen anderer Personen neuronale Prozesse im Gehirn aktiviert, die teilweise auch beim eigenen Fühlen dieser Emotionen rekrutiert werden (Lamm et al., 2019). In anderen Worten reaktivieren und nutzen wir unser eigenes Emotionsverarbeitungssystem, um die Emotionen Anderer nachzubilden (zu „simulieren“). Dadurch können wir diese Emotionen unmittelbar körperlich und qualitativ nachempfinden – eben weil wir die Repräsentation der Emotionen teilen und dadurch erfahrungsgeleiteter verstehen, wie sich die andere Person fühlt. Bild 3: Die Beobachtung oder Vorstellung von anderen Personen in schmerzhaften Situationen löst in uns eine empathische Reaktion aus, die ein Verstehen und Teilen dieses Schmerzes umfasst.Bild 3: Die Beobachtung oder Vorstellung von anderen Personen in schmerzhaften Situationen löst in uns eine empathische Reaktion aus, die ein Verstehen und Teilen dieses Schmerzes umfasst.

Verringert sich durch die Gabe von Schmerzmedikamente unsere Empathie?

Diese oben erwähnten Studien erklären jedoch lediglich Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von Empathie und den begleitenden neuronalen Aktivitäten. Sie zeigen noch nicht, ob in beiden Situationen tatsächlich dieselben mentalen Prozesse greifen und damit auch exakt die gleichen Nervenzellen aktiv sind. Dafür benötigt es präzisere Experimente, die Aussagen über Ursache-Wirkungs-Beziehungen machen können.

Wir haben daher in mehreren Studien untersucht, wie sehr unser eigenes Schmerzerleben tatsächlich beteiligt ist, wenn wir Empathie empfinden (Rütgen et al., 2015). Der Gedankengang dabei: Wenn eigener Schmerz und Empathie für Schmerz auf den gleichen grundlegenden Funktionen und Mechanismen im Gehirn beruhen, sollte die experimentelle Veränderung des eigenen Schmerzempfindens auch Einfluss darauf haben, wie empathisch wir auf den Schmerz einer anderen Person reagieren. Dafür wurde das Phänomen der Placebo Analgesie, eine Schmerzverringerung durch Gabe eines Scheinmedikaments, eingesetzt. Konkret bekam die Hälfte der Versuchspersonen eine Pille, die als wirkungsvolles Schmerzmedikament vorgestellt wurde, in Wahrheit aber keine aktiven Wirkstoffe enthielt (Placebogruppe). Allein durch die damit verbundene Erwartung und Überzeugung, ein echtes Schmerzmittel eingenommen zu haben, werden körpereigene Opiate, sogenannte Endorphine, ausgeschüttet, welche in Folge zu einer Schmerzverringerung führen (siehe auch Endogenes Opioidsystem). Die Kontrollgruppe erhielt dagegen keine Pille. Im eigentlichen Experiment bekamen zwei Versuchspersonen abwechselnd schmerzhafte elektrische Reize verabreicht. Wie erwartet zeigte die Placebogruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht nur eine Verringerung des eigenen Schmerzes, sondern auch weniger Empathie für den Schmerz der zweiten Versuchsperson. Dies war nicht nur in den subjektiven Bewertungen mittels einer Schmerz-Skala zu erkennen, sondern auch im Gehirn: Das Netzwerk, welches mit Schmerz und Schmerzempathie assoziiert wird, war bei Versuchspersonen der Placebogruppe sowohl bei selbst empfundenem als auch bei empathischem Schmerz weniger stark aktiviert als bei Versuchspersonen der Kontrollgruppe.

Interessanterweise konnten in einer Folgestudie (Rütgen et al., 2021) die beschriebenen Effekte der Schmerzverringerung nicht nur in Bezug auf Schmerzempathie beobachtet werden, sondern auch für andere negative Emotionen, wie etwa die Verarbeitung unangenehmer Berührungen bei anderen Personen (mit Maden, Schnecken oder Spinnen). Es ist also möglich, dass Schmerzmedikamente nicht nur Schmerz, sondern allgemein negative Gefühlszustände beeinflussen. Damit im Einklang zeigte eine weiterführende Untersuchung, dass das Teilen des Schmerzes Anderer hauptsächlich auf dem affektiven und weniger auf dem sensorischen Teil der Empathie beruht (Hartmann et al., 2021). In dieser Studie führte ein Placebo-Schmerzgel auf der Hand der Versuchspersonen, welches den Fokus auf den genauen Ort des Schmerzes und damit auf sensorische Aspekte von Empathie legte, nicht zu spezifisch verringerter Empathie für diesen Körperteil bei einer anderen Person. Wir konzentrieren uns beim Empfinden von Empathie also möglicherweise eher auf das generelle, unangenehme Gefühl des Schmerzes der anderen Person, anstatt auf den genauen Ort im Körper, wo dieser ausgelöst wird.

Mit anderen Worten legen die aufgeführten Befunde nahe, dass die eigene (körperliche oder emotionale) Ausgangslage einen starken Einfluss auf unsere Empathie hat. Dieser Umstand ist insbesondere bei psychiatrischen Erkrankungen sehr relevant, da sich diese oft durch verändertes emotionales Erleben auszeichnen.

Empathie bei psychischen Erkrankungen

Wie ist die Forschungslage bei psychischen Erkrankungen, in denen beeinträchtigte sozio-emotionale Fähigkeiten Teil der Symptome sind? Bisher wurde angenommen, dass bei Personen mit akuter Depression das empathische Einfühlungsvermögen eingeschränkt ist. Eine Studie legt jedoch nahe, dass nicht die Depression an sich, sondern eher eingenommene Antidepressiva zur Verringerung empathischer Reaktionen führen könnten (Rütgen et al., 2019). Hierbei wurden PatientInnen mit akuter Bild 4: Die Einnahme von Medikamenten kann unsere Fähigkeit zur Empathie beeinflussen. Dies wurde nicht nur im Falle von Antidepressiva und Schmerzmitteln gezeigt, sondern auch bei der Einnahme von Scheinmedikamenten, sogenannten Placebos.Bild 4: Die Einnahme von Medikamenten kann unsere Fähigkeit zur Empathie beeinflussen. Dies wurde nicht nur im Falle von Antidepressiva und Schmerzmitteln gezeigt, sondern auch bei der Einnahme von Scheinmedikamenten, sogenannten Placebos.Depression vor und nach einer psychopharmakologischen Behandlung mit Antidepressiva, mit einer Kontrollgruppe ohne Vorerkrankungen verglichen. Zu beiden Messzeitpunkten schauten sich die Versuchspersonen Videos von Menschen an, die sich schmerzhaften medizinischen Eingriffen unterzogen. Vor der Behandlung fanden sich keine Unterschiede bezüglich der empathischen Reaktionen auf die Videos zwischen PatientInnen und KontrollprobandInnen. Interessanterweise gaben PatientInnen jedoch nach der Behandlung an, weniger Empathie zu empfinden, und ihre Gehirnaktivität im Netzwerk für Schmerzempathie war im Vergleich zur Kontrollgruppe reduziert. Diese Befunde reihen sich ein in die Ergebnisse der obig beschriebenen Placebo-Studien ein und verdeutlichen den Einfluss von Schmerzmedikamenten und Psychopharmaka auf unsere emotionale Wahrnehmung.

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