Dein Leid ist mein Leid? Wie wir die Emotionen anderer Personen nachempfinden.

Auch bei der Autismus-Spektrum-Störung die u. a. Probleme mit wechselseitigen sozialen Interaktionen wie Blickkontakt oder Körpersprache umfasst, spielt das Thema Empathie eine große Rolle. So wurde in der Vergangenheit oft berichtet, autistische Menschen hätten gar keine Empathie. Heute differenzieren WissenschaftlerInnen zwischen spezifischen Teilaspekten sozialer Kognition, und fokussieren auf konkrete Teilbeeinträchtigungen bei Empathie und verwandten Konzepten (Dziobek & Bölte, 2011). Mittlerweile gibt es viele Studien, die intakte empathische Reaktionen bei Personen mit ASS belegen, während kognitive Aspekte wie Perspektivenübernahme und Theory of Mind diesen Personen schwerer fallen. Frühere Berichte über mangelnde Empathie können dadurch erklärt werden, dass affektive und kognitive Aspekte von Empathie voneinander abhängen, also die korrekte Identifikation der Emotion einer anderen Person nötig ist, um diese nachzuempfinden.

Eine mit der Autismus-Spektrum-Störung oft gleichzeitig auftretende Beeinträchtigung ist Alexithymie. Davon Betroffene haben Probleme damit, eigene Gefühle zu erkennen und zu beschreiben, sowie diese Gefühle von körperlichen Zuständen wie Aufregung oder Erregung zu trennen (Bird & Viding, 2014). So zeigte eine Studie, dass empathische Reaktionen auf den Schmerz Anderer durch den Grad an Alexithymie beeinflusst ist, und nicht davon, ob die Person die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung hatte (Bird et al., 2010). In der Praxis sind Alexithymie und Autismus sowie deren Effekte aber oft schwer zu trennen, da sie meist komorbid, also gleichzeitig, auftreten.

Implikationen

Aus diesen Befunden ergeben sich wichtige Implikationen für die empathischen Fähigkeiten der vielen Menschen, die regelmäßig Schmerzmedikamente einnehmen. Dabei sollte genauer untersucht werden, inwiefern sich deren Empathie durch die Einnahme solcher Substanzen (langfristig) verändert. Hier muss in Bezug auf die mögliche Allgemeingültigkeit der beschriebenen Ergebnisse angemerkt werden, dass die meisten Befunde sich auf Schmerzempathie beziehen, wogegen Forschung in Bezug auf Empathie für andere negative oder positive Emotionen noch ausgeweitet werden sollte.

Gleichzeitig ist diese Forschung relevant für Erkrankungen des körpereigenen Schmerzsystems, wie chronischem Schmerz oder angeborener Schmerzunempfindlichkeit. Was bedeutet das konstante Fühlen von Schmerz oder die ständige Abwesenheit von Schmerz für Empathie? Wie können ÄrztInnen, TherapeutInnen oder Pflegepersonal, die täglich mit dem Leid Anderer konfrontiert sind, ihre Emotionen adäquat regulieren, um nicht überlastet zu werden? Forschungserkenntnisse könnten hier in die klinische Ausbildung einfließen, um Burnout bei medizinischem Personal vorzubeugen.

Zudem ist es bedeutsam genauer zu betrachten inwiefern unsere individuelle Tendenz, mehr oder weniger empathisch zu sein, von situationsbedingten Faktoren oder psychischen Erkrankungen beeinflusst werden kann. Hier sollte zukünftige Forschung noch mehr Fokus auf den Einfluss eingenommener Medikation legen. Interessant ist auch, wie diese beobachteten Mechanismen das pro- aber auch antisoziale Verhalten von Menschen beeinflussen. So untersuchen wir in einer aktuellen Studie, ob der Einfluss von Scheinmedikamenten sogar so weit reicht, dass er unser prosoziales Verhalten verändert. Im konkreten Fall wird das über die Bereitschaft gemessen, den Schmerz einer anderen Person durch eigene physische Anstrengung zu reduzieren.

Ausblick

Zusammenfassend bleibt, dass die Wahrnehmung des Schmerzes Anderer unmittelbar und direkt mit unserem eigenen Schmerzerleben verknüpft ist. Wir verstehen andere Personen besser, indem wir uns in sie hineinversetzen und unser eigenes Emotionssystem zu Hilfe nehmen. Wenn Sie also das nächste Mal jemanden sehen, der sich den Ellbogen am Türrahmen anschlägt, dann wissen Sie nun besser, warum Sie so reagieren, wie Sie es tun.

Bildquellen

Die drei AutorInnenbilder wurden von Lukas Lengersdorff aufgenommen.

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Bild 2:  Eigentum der Autorin Helena Hartmann.

BIld 3: Eigentum der Autorin Helena Hartmann.

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Literaturverzeichnis

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