Denkste, Puppe! Zur Rolle von Puppen beim (besseren) Verstehen anderer

Um welche weiteren Entwicklungsbereiche geht es in diesem Zusammenhang? Bezüglich der Entwicklung symbolischer Vorstellungen bei Kindern dokumentieren die Verhaltensprotokolle von Piaget (1969), wie sich im Als-ob-Spiel mit Puppen eine Vorstellungskraft der kindlichen Erfahrungswelt herausbildet, die nicht einfach nur Nachspielen und Imitation, sondern ein aktives Ausprobieren vorhandener Denk- und Handlungsschemata ist. Auch die Entwicklung des magischen Denkens im Zuge spielerisch-kreativer und fantasievoller Animation von leblosem Material stellt einen aktiven Zugang zum Verstehen komplexer, realer, sozialer Beziehungsverhältnisse dar. Gerade in der „Koexistenz beider Welten, im flexiblen Hin- und Herpendeln zwischen Realitäts- und Irrealitätsebene“ (Mähler, 2005, S. 39) zeigt sich das Potenzial der Fantasie im Umgang mit Widersprüchlichkeit und Ambivalenz. Puppen sind zudem ein wahrscheinlich unterschätzter Trigger, wenn es um die (Weiter-)Entwicklung von Theory of Mind (ToM) (Rakoczy, 2017) und Empathie (Schmetkamp, 2019) geht. ToM soll hier stehen für alltagspsychologisch erschlossene Erkenntnisse über mentale Zustände (Gedanken, Gefühle, Absichten, Beweggründe etc.) bei sich und anderen, die als entscheidende Grundlage für Handeln erkannt werden. Das Als-ob-Spiel mit Puppen oder ‚vorgestellten Anderen‘ ist dabei über die gesamte Lebenspanne ein wichtiger Impulsgeber für ‚mehr ToM‘. Ähnliches gilt auch für Empathie, definiert als das „Vermögen“, sich affektiv und emotional getönte „Situationen anderer Menschen zu vergegenwärtigen“ (Schmetkamp, 2019, S. 12). Allerdings: Damit sich Empathie entwickeln kann, muss zunächst eine (narrative) Verbindung zwischen Puppe und Mensch entstanden sein (Airenti, 2019), erst dann können Perspektivität, emotionale Einfühlung und Mitgefühl erprobt werden.

Puppen in Pädagogik, Psychotherapie, Erinnerungskulturen

In den verschiedenen Bildungseinrichtungen werden Puppen gerne als pädagogische Hilfsmittel eingesetzt (Fooken, 2012). Das gilt für die Förderung von Diversität und Antidiskriminierung genauso wie für Fremdsprachen- und Kunstunterricht. Bild 2: Kinder erfinden Gebärdensprache für gehörlose Puppe.Bild 2: Kinder erfinden Gebärdensprache für gehörlose Puppe.Puppen fördern hier sozioemotionale und interkulturelle Kompetenzen, zwischenmenschliches Verstehen, Perspektivenübernahme und Empathie. Zwei Schulprojekte sollen hierzu beispielhaft genannt werden: (1) Im inklusionspädagogischen Projekt einer brasilianischen Grundschule setzten sich die Kinder spielerisch-diskursiv mit Puppen auseinander, die ‚anders‘ waren als die meisten von ihnen – amputiert, gelähmt, im Rollstuhl, kleinwüchsig, blind, gehörlos, stark übergewichtig (Marques, 2013). Die Kinder wurden ermutigt, sich auf eine Beziehung mit diesen Puppen einzulassen und sie zu verstehen und erarbeiteten in Kleingruppendiskussionen Strategien, um schulische Teilhabe zu ermöglichen. So entwickelte eine Kindergruppe eine Gebärdensprache, um mit ihrer gehörlosen Puppe kommunizieren zu können.

(2) In einem anderen Projekt zur Förderung des schulischen Wohlbefindens beim Kita-Schule-Übergang wurde ein ‚Schulteddy-Narrativ‘ eingesetzt (Pfeifer, 2019). Jedes Kind erhielt von der Schule einen individualisierten Teddy, der Teil einer (Klassen-)Teddygemeinschaft war, die in der Schule ‚wohnte‘. Morgens stand Begrüßung an, mittags Verabschiedung, während des Unterrichts und der Pausen waren Teddy und Kind beisammen. In einer mit Kontrollgruppen durchgeführten Längsschnittstudie von ersten Schulklassen zeigte sich in den Teddy-Klassen ein deutlicher Anstieg des schulischen Wohlbefindens und eine Verbesserung des Selbstkonzepts der eigenen Schulfähigkeit, besonders bei anfänglich sehr unsicheren Kindern.

Geht es um Puppentherapie und Puppen als zentrales Medium in der Psychotherapie, sind Puppen zuallererst Projektionsfläche für Ungesagtes und Unbewusstes (Gauda, 2016). Mit der Möglichkeit, im therapeutischen Setting verschiedenste Rollen einzunehmen (Hilfs-Ich, Wunschideal, Liebes- oder Aggressionsobjekt, Kummerkasten, Freundin, Geschwister- oder Baby-Ersatz etc.), ‚spricht‘ die Puppe stellvertretend und öffnet so den Zugang zu sich und anderen. In der Reflexion szenischer Aufstellungen und Spiel-Dialoge, aber auch beim ‚Schöpfen‘ von Puppen werden unterschwellig ‚ToM‘ und ‚Empathie‘ ein- und ausgeübt. Dabei gibt es im Therapieverlauf zwei Äußerungsformen: Manche Kinder und Erwachsene agieren eher spielend mit vorhandenen Puppen-Typen (Prinzessin, Räuber etc.), andere hingegen ‚schöpfen‘ ihre eigene individuelle Puppe, sei es eine einzige oder – je nach psychischer Konfliktlage und Entwicklungsstand – immer wieder eine neue.

Schließlich fungieren Puppen auch als ‚Zeitzeugen‘ älterer Menschen und als Bestandteil von Erinnerungskulturen, die Zeit- und Lebensgeschichten verstehbar machen: Das fast ausgestorbene japanische Dorf Nagoro entpuppte sich als ein Tal derBild 3: Kakashi gathering, Nagoro, Japan.Bild 3: Kakashi gathering, Nagoro, Japan.Puppen, in dem eine der letzten Bewohnerinnen die verwaisten Begegnungsstätten verstorbener oder weggezogener Bewohner (Schule, Bushaltestelle) mit selbst genähten, lebensgroßen Puppenfiguren als Stellvertreter der Abwesenden (wieder)belebt hat (Schumann, 2014). 

Fazit – mit Puppen Menschsein spielen?

Puppen sind doppeldeutig. Aktuell gibt es ‚viel Puppe‘ in Literatur, Kunst und Theater. Speziell im Figurentheater werden manchmal – fast archaisch – mit Puppen gleichzeitig tiefe affektive Empathie und kognitives Erschließen der ‚Psycho-Logik‘ anderer getriggert. Im Stück F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig, einer Puppenspielfassung zum Thema Kinder-Euthanasie, gelingt dies dem Puppenspieler Nikolaus Habjan mit drei Puppenfiguren: Die als Flatterhemdchen symbolisierte Kinderpuppe verkörpert das völlige Ausgeliefertsein des fast ermordeten Kindes, die kantige Bild 4: F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig (Schubert Theater Wien).Bild 4: F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig (Schubert Theater Wien).Klappmaulpuppe des Überlebenden als alter Mann entspricht seiner psychischen Widerstandsfähigkeit und Selbst-Befreiung aus der Opferrolle und die Abwehrstrukturen von Schuld und Scham bei Täter und Gesellschaft prägen den stereotyp-erstarrten Ausdruck der dritten Puppenfigur. Großes (Puppen-)Theater. 

Welches Fazit kann man ziehen, wenn es um die Rolle von Puppen beim Verstehen von anderen geht? Puppen haben eine doppelte Funktion: (1) Angesichts ihrer Menschenähnlichkeit stehen sie für ‚andere‘, so dass in der Interaktion mit ihnen spielerisch das Erschließen von Gedanken und Gefühlen anderer erprobt werden kann. (2) Puppen sind zudem Medium und Werkzeug, mit dem und über das der Austausch zwischen Selbst und anderen über kontroverse und/oder gemeinsam geteilte Absichten und Vorstellungen angestoßen werden kann. „Sollen wir Menschsein spielen?“, fragt die große Puppe die anderen Spielzeuge im Märchen „Das Geldschwein“ von Hans Christian Andersen. Gute Frage. Fangen wir doch gleich mit Perspektivenwechsel und Rollenübernahme an. Was denkst Du, Puppe?

Bildquellen

Bild 1: ©Boris Becker 2020; Kölner Stadt Anzeiger vom 9./10. Januar, 2021, S. 24.

Bild 2: Circe Mara Marques (privates Bildarchiv).

Bild 3:  ©Terry Allen 2019 (unter: https://www.allenfotowild.com/Japan/Japan-2018/Nagoro-Iya-Valley/i-7HdBRBp sowie Fritz Schumann, 2014, unter: https://asienspiegel.ch/2014/04/im-tal-der-puppen/).

Bild 4: F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig (Schubert Theater Wien). (Regie: Simon Meusburger; Buch: Nikolaus Habjan/Simon Meusburger; Puppen und Spiel: Nikolaus Habjan; Fotografie: Barbara Pálffy) ©Barbara Pálffy.

Literaturverzeichnis

Airenti, G. (2019). The development of anthropomorphism in interaction: Intersubjectivity, imagination, and theory of mind. In G. Airenti, M. Cruciani, & A. Plebe (Eds.), The Cognitive Underpinnings of Anthropomorphism (p. 5-19). Frontiers Media.

Broadbent, E. (2017). Interactions with robots: The truths we reveal about ourselves. Annual Review of Psychology, 68, 627-652.

Burgmer, A. (2021, 9./10. Januar). Boris Becker über Querdenken. „Eine merkwürdige Melange“. Kölner Stadtanzeiger, S. 24.

Fooken, I. (2012). Puppen – Heimliche Menschenflüsterer. Ihre Wiederentdeckung als Spielzeug und Kulturgut (unter Mitarbeit von R. Lohmann). Vandenhoeck & Ruprecht.

Gauda, G. (2016). Königskinder und Drachen. Handbuch des Therapeutischen Puppenspiels. bod.

Hall, G. S., & A. C. Ellis, A. C. (1897). A Study of Dolls. E. L. Kellog & Co.

Mähler, C. (2005). Die Entwicklung des magischen Denkens. In T. Guldimann, & B. Hauser (Hrsg.), Bildung 4- bis 8-jähriger Kinder (S. 29-40). Waxmann.

Mara, M., & Appel, M. (2015). Roboter im Gruselgraben: Warum uns menschenähnliche Maschinen oft unheimlich sind. Das In-Mind Magazin, 5.

Marques, C. M. (2013). Puppen im pädagogischen Kontext der Früherziehung – lasst uns mit „anderen“ Puppen spielen. In I. Fooken, & R. Lohmann (Hg ./ Eds.), PUPPE – BONECA – DOLL. Spielzeug, Frühpädagogik und gesellschaftliche Diskurse in Brasilien. Toys, elementary education, and social discourses in Brazil (S. 59-86, 109-111). LIT Verlag.

Pfeifer, K. (2019). Das pädagogische Potential eines Übergangsobjektes in Transitionskontexten. Ein „Schulteddy“ als nachhaltige Interventionsmaßnahme beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Studien zur Schulpädagogik, Band 87. Verlag Dr. Kovač.

Piaget, J. (1969). Nachahmung, Spiel und Traum. Die Entwicklung der Symbolfunktion beim Kinde. Klett-Cotta.

Rakoczy, H. (2009). Die wollen doch nur spielen. So-tun-als-ob als Wiege von Darstellung und Perspektivität? In J. Klein (Hrsg.), per.SPICE! Wirklichkeit und Relativität des Ästhetischen (S. 74-87). Verlag Theater der Zeit.