Die Impfbereitschaft verstehen und verbessern: Wenn persönliche Impfentscheidungen im Konflikt mit dem Gemeinwohl stehen und wie man dieses Dilemma auflösen kann

Normen kommunizieren. Auch soziale Normen spielen eine große Rolle, wenn es um die Impfentscheidung geht (Allen et al., 2009). Unter sozialen Normen versteht man geteilte Regeln innerhalb einer Gruppe, die das Handeln in bestimmten Situationen vorschreiben (Cialdini et al., 2006). Dabei werden zwei Arten unterschieden. Der Satz „80 % der Menschen sind geimpft“ bringt eine deskriptive Norm zum Ausdruck, die beschreibt, wie sich Personen im Normalfall verhalten. Die Formulierung „Jeder sollte sich impfen lassen“ vermittelt eine injunktive Norm, die ausdrückt, welches Verhalten von der Gruppe akzeptiert bzw. abgelehnt wird. Forschung hat gezeigt, dass injunktive Normen stärker wirken, weil sie Verhalten bewerten. Oraby, Thampi und Bauch (2014) haben zum Beispiel mithilfe eines mathematischen Entscheidungsmodells Impfverhalten simuliert und mit echten Immunisierungsdaten verglichen. Die Forscher fanden heraus, dass injunktive Normen insbesondere dann gut funktionieren, wenn sich viele andere Personen gegen eine Impfung entscheiden. Die Forscher sind deshalb überzeugt, dass injunktive Normen Schwankungen von Impfraten erklären und soziale Normen dadurch als Kommunikationsstrategie zu deren Steigerung genutzt werden können.

Erklären lässt sich der Einfluss sozialer Normen damit, dass das Nichtbefolgen der Norm gesellschaftlich sanktioniert wird und damit der Nutzen der Nicht-Impfung sinkt. Eine Entscheidung für eine Impfung wird damit wahrscheinlicher.

Erinnern und Impfaufwand reduzieren. Einen simplen Terminvorschlag für die Impfung zu versenden, ist eine weitere erfolgreiche Strategie, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. In einem amerikanischen Feldexperiment (Chapman,Li, Colby & Yoon, 2010) wurden TeilnehmerInnen per E-Mail zur Grippeimpfung aufgefordert. Dabei wurden per Zufall 50 % der TeilnehmerInnen einer Widerspruchsbedingung und 50 % der TeilnehmerInnen einer Zustimmungsbedingung zugeteilt. In der Widerspruchsbedingung wurde den TeilnehmerInnen direkt ein konkreter Termin zur Impfung vorgegeben, den sie auf Verlangen absagen konnten. In der Zustimmungsbedingung erhielten Personen eine Nachricht, dass eine Grippeimpfungen für sie bereitstünde und sie einen Termin vereinbaren könnten. Die Resultate sind beeindruckend: Während sich 45 % der Personen in der Widerspruchsbedingung impfen ließen, machten nur 33 % der TeilnehmerInnen in der Zustimmungsbedingung von der Impfung Gebrauch.

Warum impfen sich Personen in der Widerspruchsbedingung eher als in der Zustimmungsbedingung, wenn doch in beiden Bedingungen die jeweiligen objektiven Impf- und Krankheitskosten gleich hoch sind? Dies lässt sich ebenfalls am Modell von Betsch et al. (2013) erklären. Hier fließt in die wahrgenommenen Kosten für und gegen das Impfen der Aufwand ein, den es zur Umsetzung der Entscheidung braucht. Der Aufwand, der für die Impfung betrieben werden muss, ist dabei in der Widerspruchsbedingung geringer als in der Zustimmungsbedingung, da bei letzterer der Arzt bzw. die Ärztin für eine Terminvereinbarung zuerst angerufen werden musste. So sind die wahrgenommenen Impfkosten im Fall der Widerspruchsbedingung geringer als in der Zustimmungsbedingung.

Von der Impfabsicht zum Impfverhalten – Exakte Pläne helfen. Auch wenn man sich grundsätzlich für eine Impfung entscheidet, bedeutet das nicht, dass man danach handelt. Manchmal hapert es einfach an der Umsetzung. Eine Möglichkeit, dieses Problem anzugehen, sind Implementation Intentions. Diese Methode erfordert die Formulierung exakter Pläne, die sowohl den Ort und die Zeit als auch das Zielverhalten genau präzisieren (Lau, 2014). Ein Beleg für den Erfolg dieses Nudges liefern Milkman, Beshears, Choi, Laibson & Madrian (2011). Sie teilten die MitarbeiterInnen eines großen Unternehmens in drei Gruppen auf. In einer Kontrollbedingung erinnerte eine E-Mail an die Möglichkeit des Impfens und bot gleichzeitig verfügbare Termine an. In den beiden Implementation Intentions-Bedingungen bat man die TeilnehmerInnen entweder, nur das Datum des gewünschten Impftermins mitzuteilen oder zusätzlich die gewünschte Uhrzeit des Impftermins anzugeben. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Gruppe, die auch eine Uhrzeit angeben sollte, die höchste Impfrate im Vergleich zu den beiden anderen Gruppen aufweist.

Erklären lässt sich der Erfolg damit, dass Personen durch präzise formulierte Implementation Intentions unterstützt werden, eine Verbindung zwischen einer Situation und einem Verhalten aufzubauen. Dadurch wird Vergessen unwahrscheinlicher. Je genauer, desto effektiver!

Fazit – Viele Wege, ein Ziel

Impfen gilt als Dilemmasituation: Durch hohe Impfquoten wird Herdenimmunität gewährleistet. Dadurch sind aber weniger Menschen bereit, sich zu impfen. Damit steht die individuell optimale Entscheidung im Konflikt mit der kollektiv optimalen Entscheidung. Da es keine Impfpflicht gibt, sind deshalb kommunikative oder strukturelle Interventionen notwendig, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Nur so kann Herdenimmunität erreicht werden. Eine interessante Frage ist nun, welche der oben beschriebenen Maßnahmen sich am besten eignet, um die Impfquoten zu verbessern.

Die Kommunikation des sozialen Nutzens ist leicht zu implementieren und erfreut sich gerade während der jetzigen Masernwelle großer Beliebtheit. So kommuniziert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung anhand einer anschaulichen Animation den Herdenimmunitätseffekt in Kombination mit dem sozialen Nutzen (siehe: http://www.impfen-info.de/wissenswertes/herdenimmunitaet/). Diese Strategie kann allerdings nur bei übertragbaren Krankheiten genutzt werden. Durch eine Tetanus-Impfung, zum Beispiel, kann man sich selbst schützen, nicht aber andere Menschen.

Auch die Kommunikation sozialer Normen hat seine Nachteile. Diese kann nämlich unter Umständen sogar das Gegenteil bewirken. So beschreibt zum Beispiel die deskriptive Norm „80 % der Menschen lassen sich impfen“ im Grunde nichts anderes als die Impfquote in der Gesellschaft. Wenn Menschen jedoch ihre Impfentscheidung strategisch-rational treffen, dann kann die Impfbereitschaft sogar sinken, da die Wahrscheinlichkeit zum Trittbrettfahren steigt.

Eine allgemeine Einführung einer Widerspruchsregelung für Impfungen oder die oben beschriebene Implementation Intention-Strategie haben auch gewisse Nachteile, da sie mit erheblichem organisatorischem Aufwand verbunden sind. Jedoch können diese Strategien vielversprechende Maßnahmen für Krankenhäuser darstellen. So könnte die geringe Impfrate gegen Influenza unter Krankenhausmitarbeitern (Wicker & Marckmann, 2014) verbessert und damit die Bedrohung von PatientInnen durch Grippe reduziert werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Nudges einen wichtigen Beitrag leisten können, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. So kann ein kleiner Stups den Unterschied machen, ob eine Krankheit ausgerottet wird oder sie eine Bedrohung bleibt. Dabei gibt es nicht den einen richtigen Stups. Vielmehr haben alle Interventionsmöglichkeiten ihre Vor- und Nachteile. Der größte Nutzen kann daher erzielt werden, wenn Nudges situationsspezifisch ausgewählt werden.

 

Quellen

Allen, J. D., Mohllajee, A. P., Shelton, R. C., Othus, M. K., Fontenot, H. B. & Hanna, R. (2009). Stage of adoption of the human papillomavirus vaccine among college women. Preventive Medicine, 48, 420-425.

Betsch, C., Böhm, R. & Korn, L. (2013). Inviting free-riders or appealing to prosocial behavior? Game-theoretical reflections on communicating herd immunity in vaccine advocacy. Health Psychology: Official Journal of the Division of Health Psychology, American Psychological Association, 32, 978-985.

Betsch, C. & Schmid, P. (2013). Angst essen Impfbereitschaft auf? Der Einfluss kognitiver und affektiver Faktoren auf die Risikowahrnehmung im Ausbruchsgeschehen. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, 56, 124-1–30.

Chapman, G. B., Li, M., Colby, H. & Yoon, H. (2010). Opting in vs opting out of influenza vaccination. JAMA, 304, 43-44.

Cialdini, R. B., Demaine, L. J., Sagarin, B. J., Barrett, D. W., Rhoads, K. & Winter, P. L. (2006). Managing social norms for persuasive impact. Social Influence, 1, 3-15.

Ibuka, Y., Li, M., Vietri, J., Chapman, G. B. & Galvani, A. P. (2014). Free-riding behavior in vaccination decisions: An experimental study. PLoS ONE, 9, e87164.

Lau, S. (2014). „Ich will was erreichen!“ Die Psychologie erfolgreicher Handlungen. Das In-Mind Magazin, 2.

Meyer, C. & Reiter, S. (2004). Impfgegner und Impfskeptiker. Geschichte, Hintergründe, Thesen, Umgang. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, 47, 1182-1188.

Milkman, K., Beshears, J., Choi, J., Laibson,D. & Madrian, B. (2011). Using implementation intentions prompts to enhance influenza vaccination rates. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 108, 10415-10420.

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