Gar nicht so negativ: Die funktionale Rolle von Ärger in sozialer Interaktion

Grundvoraussetzung: Informationsverarbeitung

Dem EASI-Modell zufolge sind Menschen grundsätzlich in der Lage, Emotionen anderer als Informationsquelle zu nutzen. Allerdings sieht das Modell hierbei zum einen Bereitschaft und zum anderen gewisse Kapazitäten vor, wie beispielsweise ausreichend Aufmerksamkeit und Zeit. Ist dies nicht gegeben – besteht beispielsweise Zeitmangel – sind Schlussfolgerungen und eine mögliche Verhaltensanpassung erschwert. Es ist in diesem Fall wahrscheinlicher, dass sich die ausgedrückte Emotion vom einen auf den anderen Interaktionspartner überträgt (Van Kleef, 2009). Nach Neumann und Strack (2000) handelt es sich dabei nicht um Übertragung der spezifischen Emotion, aber um automatische Nachahmung des emotionalen Verhaltens (so wie ein verärgerter Blick oder Stimmlage), was wiederum eine entsprechende Stimmung im Gegenüber auslöst. Deswegen bezeichnen sie diesen Prozess als Stimmungsansteckung. In Bezug auf Ärger können Streitereien, die während morgendlicher Hektik eskalieren, ein triviales Beispiel sein. Wenig Zeit und Konzentration auf andere Aufgaben lassen keine Überlegungen über den Ursprung des Ärgers zu. Verärgerung über nicht erledigte Hausarbeiten oder vergessene Einkäufe kann durchaus berechtigt sein, überträgt sich in solchen Situationen aber meistens lediglich auf andere Familienangehörige, statt zu Verständnis und Einsicht zu führen.

Worauf bezieht sich der Ärger?

Es kommt vor, dass wir Ärger nicht über das Verhalten einer anderen Person äußern, sondern über die Person selbst. Auch wenn Handlung und Handelnder eng miteinander verbunden sind, so ist es wichtig beides getrennt zu betrachten. Ärger über das Verhalten stellt direkte Information darüber dar, wie der andere die aktuelle Konfliktsituation bewertet, während personenbezogener Ärger nicht unmittelbar mit dem Konfliktgegenstand in Verbindung steht. Steinel, Van Kleef und Harnick (2008) baten Versuchspersonen als Verkäufer/-in mit einem/r (fiktiven) Kunden/-in über ein Handyangebot zu verhandeln. Wie in der bereits beschriebenen Studie variierte die Forschergruppe, ob sich das Gegenüber   zufrieden oder verärgert über das Angebot äußerte. Außerdem bezogen sich die Emotionen auf das Angebot oder aber den/die Verkäufer/-in (die Versuchsperson). Emotionen wirkten sehr unterschiedlich in Abhängigkeit davon, worüber sie zum Ausdruck gebracht wurden: Bezog sich die Verärgerung auf das Angebot, so unterbreiteten Versuchspersonen anschließend ein besseres Angebot als wenn der/die Kunde/-in zufrieden war. Richtete sich der Ärger allerdings gegen die Versuchsperson (in der Rolle der Verkäuferperson) selbst, so unterbreiteten sie im Anschluss ein schlechteres Angebot als wenn Zufriedenheit mit der Verkäuferperson gezeigt wurde. Die Forscher fanden heraus, dass Versuchspersonen nur den Ärger bezüglich des Angebots, nicht aber bezüglich ihrer eigenen Person, so interpretierten, dass der Verhandlungsspielraum ausgeschöpft und die Grenzen des/r Kunden/-in erreicht seien. Somit wurde der Ärger über das Angebot als soziale Information genutzt, im Gegensatz zum personenbezogenen Ärger.

Angemessenheit – ein entscheidender Faktor

Ein entscheidendes Kriterium für die Wirkung von Ärger ist, ob er als angemessen angesehen wird. In einer Befragung von Weber (2004) machten Personen die Angemessenheit ihres eigenen Ärgers maßgeblich davon abhängig, ob der Verursacher für sein Verhalten verantwortlich gemacht werden konnte und wie schwerwiegend der Ärger verursachende Vorfall eingeschätzt wurde.

Außerdem muss die emotionale Reaktion auch als der Situation angemessen erscheinen: In einem Experiment reagierten Personen, die Geld spendeten, negativ auf eine/n Spendensammler/-in, der/die sie verärgert aufforderte, noch mehr zu spenden. Sie hielten dies für die Situation unangemessen und waren dadurch nicht bereit, mehr zu spenden. Zeigte der/die Spendensammler/-in sich jedoch enttäuscht, bewerteten Personen dies als angemessener und waren eher bereit, eine zusätzliche Spende zu leisten (Van Doorn, Van Kleef & Van der Pligt, 2014).

Ärger und Verachtung: Verwandte Emotionen mit verschiedenen Botschaften

Ärger ist eng verwandt mit anderen Emotionen wie beispielsweise Hass oder Verachtung. Häufig treten Emotionen nicht in Reinform auf, sondern als Mischung mehrerer Emotionen. Dies kann entscheidend beeinflussen, wie Ärger sich auswirkt: Während jemand, der Ärger zum Ausdruck bringt, in der Regel daran interessiert ist, das unerwünschte Verhalten eines anderen zu verändern, weil die Beziehung wertgeschätzt wird, ist Verachtung eher mit Zurückweisung und sozialer Ausgrenzung einer Person assoziiert (Fischer & Roseman, 2007). In ihrer Studie, in der De Vos und Kollegen (2013) zeigten, dass Ärger durch die Auslösung von Empathie konstruktive Lösungsansätze bewirken kann, verwendeten die Forscher eine zusätzliche Bedingung, in der Ärger gemeinsam mit Verachtung zum Ausdruck gebracht wurde. Dies verhinderte die positiven Signale, die Ärger sendet, sodass Versuchspersonen weniger Empathie empfanden und bevorzugt destruktive Maßnahmen ergreifen wollten.

Zusammenfassung

Ärger wird traditionell als negative Emotion klassifiziert. Die Effekte, die Ärger in sozialer Interaktion erzielen kann, können aber durchaus positive sein – es kommt ganz auf die Umstände an. Grundlegend für das Verständnis der Bedeutung von Ärger aber auch anderen Emotionen in sozialer Interaktion ist, dass Emotionen als Informationsquelle dienen können (Van Kleef, 2009). So sind wir in der Lage, vom Ärger anderer auf seine Ursache zu schließen und unser Verhalten, beispielweise in Verhandlungen, anzupassen. Forschung konnte zeigen, dass wir verärgerte Personen als entschlossen (Van Kleef & De Dreu, 2010) und kompetent wahrnehmen (Tiedens, 2001) und dass Ärger in Konflikten signalisiert, dass die Beziehung grundsätzlich wertgeschätzt wird, aber als eine Verletzung des Verhältnisses wahrgenommen wurde (De Vos et al.,2013).

Was beeinflusst, ob Ärger in sozialer Interaktion positiv oder negativ wirkt? Grundlegend ist, dass ausreichend Ressourcen wie Zeit und Bereitschaft vorhanden sind, um Ärger als Information zu verarbeiten. Ist dies nicht gegeben, so kann es eher dazu kommen, dass sich Ärger auf den Interaktionspartner überträgt (Van Kleef, 2009). Darüber hinaus beeinflusst es die Emotionsverarbeitung und -interpretation, ob der Ärger auf das Verhalten oder die Person selbst gerichtet ist (Steinel et al., 2008), ob Ärger in einer Situation als angemessen erscheint (Van Doorn et al., 2014), und ob andere Emotionen wie Verachtung mitschwingen (De Vos et al., 2013). Abbildung 1 illustriert nochmals wie diese Faktoren Rückschlüsse auf die Ursachen von Ärger beeinflussen können.

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