Geschlechterfair geschriebene Texte lesen: wozu und wie mühsam ist das?

Mit dem Ziel, solche unbeabsichtigten Betonungen zu vermeiden, wurde vorgeschlagen, neue, geschlechtsneutrale Begriffe zu generieren. Im Schwedischen wurde dazu beispielsweise ein geschlechtsunspezifisches Fürwort kreiert und in das offizielle Wörterbuch aufgenommen. Damit wurde erstmals eine sprachliche Wendung erschaffen, die es ermöglicht, auch Personen mit neutraler oder unbestimmter Geschlechtsidentität zu beschreiben. Im Deutschen wird dafür das GenderX diskutiert. Dabei wird an Stelle der männlichen oder weiblichen Endung ein X an den Wortstamm angefügt (z. B. Professorx; gesprochen: Professoricks). Diese Variante bietet alle Vorteile der Beidnennung und ist kürzer. Allerdings wirken Formulierungen im GenderX zunächst besonders befremdlich, da sie mehr als alle anderen Schreibweisen die gewohnte orthographische, phonologische und syntaktische Struktur verletzen. Hier bedarf es längerfristiger Untersuchungen, die aufzeigen, wie schnell wir unser Sprech- und Leseverhalten an neue und ungewöhnliche Formulierungen anpassen.  Wir haben die Wirkung der sprachlichen Form GenderX auf ungeübte Leser*innen in einer Studie untersucht (Huckauf et al., 2018). Unsere Daten sprechen dafür, dass sich die geringe Vertrautheit mit dieser Form der Schreibung besonders auch in den Blickbewegungen beim Lesen abbildet. Im Vergleich zum generischen Maskulinum oder den geschlechterbetonenden Varianten verursacht das GenderX besonders lange Betrachtungszeiten und vermehrte Blicksprünge. Wie bereits zuvor angeführt, war das Leseverständnis, trotz der erhöhten Verarbeitungsschwierigkeit, dabei nicht betroffen (Huckauf et al., 2018). Eine ähnliche Idee liegt dem Vorschlag zugrunde, statt des X die lateinische Endung für das Neutrum (-us, -um) anzuwenden, was gegenüber dem X den Vorteil einer besseren Sprechbarkeit und einer vertrauteren Rechtschreibung bieten würde.

Eine weitere psychologisch relevante Frage lautet, weshalb die Änderung der sprachlichen Form zu solch emotionalen Diskussionen führt. Negative Bewertungen von sprachlichen Änderungen betreffen nicht nur die geschlechterfaire Schreibung. Ähnlich heftige ablehnende Bewertungen gab es beispielsweise auch bei der letzten Rechtschreibreform 1996. Bemühungen um die Beibehaltung gewohnter Sprachformen kommen dabei neben populistischen Bewegungen häufig von Literat*innen und Journalist*innen; Personengruppen also, die sich besonders über die Sprache identifizieren. Auch finden sich geschlechtsspezifische Unterschiede in der Bewertung der sprachlichen Form. So bewerteten weibliche Personen unterschiedliche Formen der geschlechterfairen Schreibung als gleichermaßen verständlich, während männliche das generische Maskulinum bevorzugten (Braun, Oelkers, Rogalski, Boask & Sczesny, 2007). All diese Beobachtungen legen nahe, dass Sprache ein so wesensbestimmendes menschliches Merkmal ist, dass Änderungen zu emotionalen Reaktionen führen.

Mit sprachlichen Äußerungen können wir sehr schnell reagieren. Dies kann deshalb geschehen, weil unsere Sprache sehr hoch geübt ist. Änderungen der Sprache erfordern deshalb, diesen hohen Automationsgrad zu durchbrechen. Dies erfordert mentalen Aufwand und ist also tatsächlich sehr mühevoll, ähnlich wie das Erlernen neuer Bewegungsmuster oder eben einer Fremdsprache.

Das Unangenehme an allen sprachlichen Neuerungen geht einher mit der angenehmen Bewertung des Bekannten. Dies kann auch ein Grund dafür sein, dass das generische Maskulinum als besonders vorteilhaft eingestuft wird (Huckauf et al., 2018). Diese Art der Bevorzugung mag auf einen sehr grundlegenden psychologischen Mechanismus zurückgehen: Vertrautheit führt zu Bevorzugung (Mere Exposure). In unserer stammesgeschichtlichen Vergangenheit war es vermutlich biologisch adaptiv, die Umgebung zu kennen und genau zu wissen, welche ihrer Bestandteile eine potentielle Gefahr darstellen. Wir mögen daher auch heute noch Dinge lieber, die wir bereits häufig gesehen haben und die sich dabei als ungefährlich erwiesen haben (Moreland & Zajonc, 1982). Dieser Mechanismus liegt vielleicht auch den ablehnenden Reaktionen auf sprachliche Neuerungen, darunter auch die geschlechtergerechte Schreibung, zugrunde. Er stellt darüber hinaus auch ein wichtiges Argument dafür dar, dass möglichst rasch eine einheitliche Form geschlechtergerechter Sprache gefunden werden sollte. Mit zunehmender Gewöhnung an die neue Formulierung sollten Unsicherheiten im Lese- und Blickverhalten verschwinden und die Benachteiligung gegenüber dem generischen Maskulinum ausgeglichen werden.

Fazit

Die linguistische Relativitätshypothese besagt, dass Sprache und Denken sich gegenseitig bedingen. Damit berührt die Frage, wie gesprochen werden soll, immer auch die Frage, wie gedacht werden soll. Eine derartige Kontrolle innerpsychischer Vorgänge, befördert den Widerstand dagegen. Festzuhalten bleibt, dass Sprache unser Denken beeinflusst. Geschlechterfaire Schreibung führt nachweislich zu mehr und stärkeren Assoziationen auch mit weiblichen Personen und zu entsprechenden Aufmerksamkeitsverschiebungen

In neueren wissenschaftlichen Studien wird untersucht, welche Formulierungsformen beim Lesen Aufmerksamkeit auf sich ziehen und wie besonders geeignete Varianten von weniger guten unterschieden werden (Huckauf et al., 2018). Die dabei beobachteten Daten zeigen Präferenzen und Blickzuwendungen, die vor allem auch auf die Häufigkeit der Verwendung bestimmter Formen zurückgehen. Dies spricht dafür eine Einigung zu verwendeten Formen herbeizuführen, um so die Geläufigkeit zu erhöhen und damit auch die Widerstände zu reduzieren.

Literaturverzeichnis

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