Hat Nudging einen Platz in der Politik? Wie Entscheidungskontexte unvermeidbar Einfluss auf unser Verhalten nehmen

Nudging kann auch dazu genutzt werden, politische Ziele effektiver umzusetzen (Thaler & Sunstein, 2008). Politische Ziele werden häufig in Gesetzen formuliert, die eine konkrete Ausgestaltung offenlassen. Ob ein Gesetz allerdings sein Ziel erreicht, hängt von genau dieser Ausgestaltung ab, da diese den Einfluss des Entscheidungskontextes auf das Verhalten bestimmt. So reichte es beispielsweise nicht, den Diebstahl von versteinertem Holz in einem amerikanischen Nationalpark zu verbieten. Die Bild 4: Das Bewusstwerden über den Einfluss von Nudging kann die Effektivität von Politik erhöhen.Bild 4: Das Bewusstwerden über den Einfluss von Nudging kann die Effektivität von Politik erhöhen.Besucher stahlen das Holz weiterhin, trotz des Verbots. Wenn allerdings die soziale Norm kommuniziert wurde, dass die meisten vorherigen Besucher nichts stahlen und dieses Verhalten das richtige sei, half dies die Anzahl der Diebstähle zu reduzieren (Cialdini et al., 2006).

Nudging: Manipulation und daher tabu?

In den meisten Ländern geniest Nudging als Ergänzung zu traditionelleren Ansätzen der Verhaltensveränderung wie finanziellen Anreizen und Strafen großen Zuspruch aus der Bevölkerung und aus der Politik (Sunstein et al., 2019). Jedoch wird der Ansatz vor allem in Deutschland auch kritisiert. Zum Beispiel beanstanden KritikerInnen, dass die in Studien berichteten Verzerrungen von Risikowahrnehmung und Verhalten zu häufig damit begründet werden, dass sich Menschen irrational verhalten würden. Alternative Erklärungen wie künstliche Untersuchungssituationen insbesondere in der experimentellen psychologischen Forschung würden zu selten berücksichtigt. Im richtigen Leben könnte heuristisches Entscheiden also weniger häufig in nachteiligen Verzerrungen resultieren, was die Effektivität von Nudging schmälern könnte (Gigerenzer 2018). Außerdem wird kritisiert, dass politische EntscheidungsträgerInnen Nudging zur Lenkung des Verhaltens der Bevölkerung einsetzen könnten und so auf eine paternalistische Weise über den Kopf der Menschen hinweg entscheiden könnten, was gut für sie sei. Befürworter ergänzender Ansätze schlagen deswegen vor, gezielt individuelle Entscheidungskompetenzen zu stärken, die nachteiligen Verhaltensverzerrungen entgegenwirken können (Gigerenzer 2018; Herzog & Hertwig, 2019).

Fazit

Für das effektive Erreichen von politischen und gesellschaftlichen Zielen ist es essentiell, sich einerseits den Einflüssen der Entscheidungsarchitektur auf Verhalten bewusst zu werden und andererseits Nudging als einen Bestandteil bestehender und zukünftiger Politik zu berücksichtigen. Erste Bemühungen von Seiten der Politik machen sich beispielweise in der Thematisierung von Vorselektion in der Registrierung zur Organspende im Deutschen Bundestag und der Einrichtung eines verhaltenswissenschaftlichen Beratungsstabs der Bundesregierung bemerkbar. Was die breite Anerkennung und Integration von verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnissen betrifft, bleiben diese Bemühungen im Angesicht des allgegenwärtigen Einflusses von Entscheidungskontexten auf Verhalten bisher jedoch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, Politik effektiver zu gestalten.

Bildquellen

Bild 1: Comfreak via pixabay: https://pixabay.com/photos/elephant-young-watering-hole-2380009/, Lizenz:https://pixabay.com/de/service/license/

Bild 2:  geralt via pixabay: https://pixabay.com/photos/away-feet-shoes-road-surface-4610699/, Lizenz:https://pixabay.com/de/service/license/

Bild 3: Capri23auto via pixabay: https://pixabay.com/photos/housebuilding-site-construction-work-3370969/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/.

Bild 4: geralt via pixabay: https://pixabay.com/photos/courts-right-clause-road-law-2962346/

Literaturverzeichnis

Brehm, S. S., & Brehm, J. W. (2013). Psychological reactance: A theory of freedom and control. Academic Press.

Cialdini, R. B., Demaine, L. J., Sagarin, B. J., Barrett, D. W., Rhoads, K., & Winter, P. L. (2006). Managing social norms for persuasive impact. Social Influence, 1(1), 3–15. https://doi.org/10.1080/15534510500181459 

Fishbane, A., Ouss, A., & Shah, A. K. (2020). Behavioral nudges reduce failure to appear for court. Science, 65–91. https://doi.org/10.1126/science.abb6591

Gigerenzer, G. (2004). Dread risk, September 11, and fatal traffic accidents. Psychological Science, 15(4), 286–287. https://doi.org/10.1111/j.0956-7976.2004.00668.x

Gigerenzer, G. (2018). The bias bias in behavioral economics. Review of Behavioral Economics, 5(3–4), 303–336. https://doi.org/10.1561/105.00000092

Hart, W., Albarracín, D., Eagly, A. H., Brechan, I., Lindberg, M. J., & Merrill, L. (2009). Feeling validated versus being correct: A meta-analysis of selective exposure to information. Psychological Bulletin, 135(4), 555–588. https://doi.org/10.1037/a0015701

Herzog, S. M., & Hertwig, R. (2019). Kompetenzen mit “Boosts” stärken: Verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse jenseits von „Nudging“. In C. Bala, M. Buddensiek, P. Maier, & W. Schuldzinski (Eds.), Verbraucherbildung: Ein weiter Weg zum mündigen Verbraucher (S. 19-40). Verbraucherzentrale. https://doi.org/10.15501/978-3-86336-924-8_2

Jachimowicz, J. M., Duncan, S., Weber, E. U., & Johnson, E. J. (2019). When and why defaults influence decisions: A meta-analysis of default effects. Behavioural Public Policy, 3(02), 159–186. https://doi.org/10.1017/bpp.2018.43

Kahneman, D., Slovic, P., & Tversky, A. (1982). Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Cambridge University Press.

Marghetis, T., Attari, S. Z., & Landy, D. (2019). Simple interventions can correct misperceptions of home energy use. Nature Energy, 4(10), 874–881. https://doi.org/10.1038/s41560-019-0467-2

Milkman, K. L., Patel, M. S., Gandhi, L., Graci, H., Gromet, D., Ho, H., … Duckworth, A. (2021). A mega-study of text-based nudges encouraging patients to get vaccinated at an zpcoming doctor’s appointment. https://doi.org/10.2139/ssrn.3780267

Münscher, R., Vetter, M., & Scheuerle, T. (2016). A review and taxonomy of choice architecture techniques. Journal of Behavioral Decision Making, 29(5), 511–524. https://doi.org/10.1002/bdm.1897

Sunstein, C. R., Reisch, L. A., & Kaiser, M. (2019). Trusting nudges? Lessons from an international survey. Journal of European Public Policy, 26(10), 1417–1443. https://doi.org/10.1080/13501763.2018.1531912

Thaler, R. H. (2018). Nudge, not sludge. Science, 361(6401), 431–431. https://doi.org/10.1126/science.aau9241

Thaler, R. H., & Sunstein, C. R. (2008). Nudge: Improving decisions about health, wealth, and happiness. Penguin Books.

Tversky, A., & Kahneman, D. (1981). The framing of decisions and the psychology of choice. Science, 211(4481), 453–458. https://doi.org/10.1126/science.7455683

AutorInnen

Facebook