Horoskope – Wieso wir daran glauben

Dass es sich bei Horoskopen ebenfalls um Aussagen handelt, die Barnum-Eigenschaften besitzen, konnte Michel Gauquelin 1979 eindrucksvoll nachweisen. Gauquelin schickte VersuchsteilnehmerInnen hierfür ein angeblich individuell auf sie zugeschnittenes Horoskop und ließ die Versuchspersonen anschließend bewerten, inwiefern sie sich in ihrer Persönlichkeit und ihren Problemen in diesem Horoskop wiederfinden. 90% der teilnehmenden Personen gaben an, die Beschreibung als sehr passend zu empfinden. Wie später aufgeklärt wurde, handelte es sich bei dem vermeintlich individuellen Horoskop der einzelnen VersuchsteilnehmerInnen jedoch um ein- und dasselbe Horoskop, nämlich eines, das auf Basis der Geburtsdaten eines Serienmörders erstellt wurde.

Fügt man einem Horoskop einen Einschub wie „für dich“ hinzu, verstärkt das dessen Glaubwürdigkeit zusätzlich. Denn Rückmeldung, die ganz speziell für uns ist, empfinden wir als noch zutreffender (Snyder & Larson, 1972). Gleichzeitig können Interventionen dabei helfen, den Barnum-Effekt zu reduzieren. Wird den Versuchspersonen mitgeteilt, dass es sich beim Barnum-Effekt um eine kognitive Verzerrung handelt und wie diese funktioniert, nehmen diese Barnum-Statements als weniger zutreffend wahr (Ferrero-Rodriguez et al., 2021).

Es gibt jedoch auch Kritik daran, wie der Barnum-Effekt ermittelt wird. Wie Sie vielleicht bereits festgestellt haben, wird der Barnum-Effekt häufig gemessen, indem Versuchspersonen angeben, für wie zutreffend sie die präsentierten Barnum-Statements halten. Auf Basis dieser Ergebnisse werden Personen, die dem Barnum-Effekt unterliegen, dann mitunter als leichtgläubig abgetan. Allerdings ist es nicht per se falsch, Barnum-Statements als passend wahrzunehmen, denn das sind sie durchaus. Wie bereits erwähnt, treffen Barnum-Statements zu, jedoch nicht auf mich als spezifische Person, sondern auf fast alle Menschen. Was Barnum-Statements hingegen nicht vermögen, ist, zwischen Menschen zu unterscheiden.

Andersen und Nordvik (2002) schlagen daher weitere Kriterien vor, um zu überprüfen, wie wir Barnum-Statements wahrnehmen. Neben Akkuratheit fragten die AutorInnen die Versuchspersonen daher, ob sie die Statements für einzigartig und informativ halten. Hier zeigte sich, dass Barnum-Statements einen Nachteil gegenüber wahrem Feedback haben: Wir scheinen durchaus in der Lage zu sein, zu erkennen, dass Barnum-Statements es nicht ermöglichen, Menschen zuverlässig voneinander zu unterscheiden.

Obwohl Forschung zeigt, dass der Barnum-Effekt unabhängig vom Alter ist (Furnham & Schofield, 1987), glauben gerade jüngere Menschen an Horoskope (Zandt, 2021). Eine Erklärung für den Erfolg von Horoskopen beim jüngeren Publikum könnte darin liegen, dass Horoskope Unsicherheiten reduzieren können (Glick et al., 1989). Studien zeigen, dass insbesondere junge Erwachsene in Zeiten von COVID-19 unter der damit verbundenen Unsicherheit leiden (Glowacz & Schmits, 2020).

Doch nicht nur in Horoskopen werden Barnum-Statements eingesetzt. Auch ExpertInnen aus dem Bereich des Marketings machen sich den Barnum-Effekt zunutze. Bei Spotify sind in „Folgen für dich“ einfach so viele Podcasts aufgelistet, dass auf jeden Fall etwas für Sie dabei ist. Bild 4: Barnum-Aussagen finden sich nicht nur in Horoskopen, sondern auch im Tarot oder in Pseudo-Persönlichkeitstests. Bild 4: Barnum-Aussagen finden sich nicht nur in Horoskopen, sondern auch im Tarot oder in Pseudo-Persönlichkeitstests.

Im Tarot finden sich ebenso Barnum-Statements wie in in Pseudo-Persönlichkeitstests im Internet. Online-Tests, die zeigen, „was in dir steckt“, sind oft so vage formuliert, dass sie auf jeden Fall zutreffen. Wie eben: „Manchmal verhältst Du Dich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, manchmal auch introvertiert, skeptisch und zurückhaltend.“  Daher ist es sinnvoll, Aussagen auf ihren Inhalt zu überprüfen. Ist die Aussage informativ? Erscheint sie einzigartig? Und handelt es sich dabei tatsächlich um eine Beschreibung, die auf mich als Person zutrifft? Oder lese ich hier gerade ein Barnum-Statement? Wie auch immer die Antwort auf diese Frage lautet, eines ist sicher: Dieser Text macht etwas mit Ihnen.

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Literaturverzeichnis

Andersen, P., & Nordvik, H. (2002). Possible Barnum effect in the Five Factor Model: Do respondents accept random Neo Personality Inventory–Revised scores as their actual trait profile? Psychological Reports, 90(2), 539-545.

Forer, B. R. (1949). The fallacy of personal validation: a classroom demonstration of gullibility. The Journal of Abnormal and Social Psychology, 44(1), 118.

Furnham, A., & Schofield, S. (1987). Accepting personality test feedback: A review of the Barnum effect. Current Psychology, 6(2), 162-178.

Glick, P., Gottesman, D., & Jolton, J. (1989). The fault is not in the stars: Susceptibility of skeptics and believers in astrology to the Barnum effect. Personality and Social Psychology Bulletin, 15(4), 572-583.

Glowacz, F., & Schmits, E. (2020). Psychological distress during the COVID-19 lockdown: The young adults most at risk. Psychiatry Research, 293, 113486.

Harris, M. E., & Greene, R. L. (1984). Students' perception of actual, trivial, and inaccurate personality feedback. Journal of Personality Assessment, 48(2), 179-184.

Meehl, P. E. (1956). Wanted – A good cookbook. American Psychologist, 11(6), 262-272.

Merrens, M. R., & Richards, W. S. (1970). Acceptance of generalized versus “bona fide” personality interpretation. Psychological Reports, 27(3), 691-694.

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Ulrich, R. E., Stachnik, T. J., & Stainton, N. R. (1963). Student acceptance of generalized personality interpretations. Psychological Reports, 13(3), 831-834.

Zandt, F. (21. Oktober, 2021). Jüngere Deutsche glauben eher an Horoskope [Digitales Bild]. Zugriff am 13. Juni 2022, von https://de.statista.com/infografik/26016/glaube-an-vorhersagen-aus-horos...

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