Ich gönne es mir! Die Rechtfertigung eines riskanten Lebensstils durch persönliche Lizenzen.

Theorie der Risikohomöostase – Der Mensch als Risikomanager

Es gibt verschiedene Theorien, die versuchen das Auftreten von Lizenzeffekten zu erklären. Einen Erklärungsansatz bietet die Theorie der Risikohomöostase nach Wilde (2001). Die Theorie besagt, dass Menschen in Hinblick auf ihre gesundheitsbezogenen Handlungen ein subjektiv berechnetes Maß an Risiko in Kauf nehmen, in der Annahme, dass sie durch jene Handlungen einen gewissen Nutzen erzielen können (z. B. Genussmittelkonsum, Freizeitbeschäftigung, Liebesaffäre etc.). Dabei wird das subjektiv akzeptierte Risiko – von Wilde als target level of risk (= Risikozielgröße) bezeichnet – permanent mit der Risikoexposition aus der Umwelt verglichen. Jede Differenz wird kompensiert, wobei die damit verbundene Anpassungshandlung eine objektive Wahrscheinlichkeit eines Krankheitsrisikos birgt.

Modell der Risikohomöostase. Abbildung: Schmid, in Anlehnung an Wilde (2001, S. 33).Modell der Risikohomöostase. Abbildung: Schmid, in Anlehnung an Wilde (2001, S. 33).

Abbildung 2 veranschaulicht die theoretischen Annahmen in einem Regelkreis. Kernbestandteil der oben gezeigten negativen Rückkopplung ist die Risikozielgröße. Diese Zielgröße wird durch vier subjektiv motivationale Faktoren bestimmt (vgl. Wilde, 2001):

  • der Nutzen riskanten Verhaltens (z. B. Spaß, Genuss, Zerstreuung)
  • die Kosten achtsamen Verhaltens (z. B. Langeweile, Entbehrung)
  • der Nutzen achtsamen Verhaltens (z. B. Gesundheit, Sicherheit)
  • die Kosten riskanten Verhaltens (z. B. Krankheit, Verletzung)

Mit verzögertem Feedback ist gemeint, dass sich Gesundheitsrisiken meist nicht unmittelbar körperlich oder psychisch bemerkbar machen. Nach Wilde (2001) erzielen die Menschen einen maximalen Nettogewinn aus ihrem Verhalten. Sie streben kein Nullrisiko an. Abbildung 3 bringt diese Aussage graphisch auf den Punkt.

Menschliche Handlung als Risikooptimierung. Abbildung: Schmid, in Anlehnung an Wilde (2001, S. 35).Menschliche Handlung als Risikooptimierung. Abbildung: Schmid, in Anlehnung an Wilde (2001, S. 35).

Folgt man der horizontalen Achse von links nach rechts, nimmt beispielsweise die Fahrgeschwindigkeit des Autofahrers zu. Sowohl der erwartete Gewinn (Aufregung) als auch der erwartete Verlust (Schaden) nehmen zu. Ist die Geschwindigkeit extrem hoch, ist der erwartete Verlust höher als der erwartete Gewinn, während der erwartete Nettobenefit der Handlung unter null fällt. Extreme Handlungen sind folgerichtig zu vermeiden. Allerdings versprechen mehr Sicherheitssysteme in Autos demnach nicht unbedingt mehr Sicherheit und weniger gefährliche Straßenverläufe führen auch nicht automatisch zu weniger Unfällen. AutofahrerInnen sollten das Risiko eines Unfalls weder minimieren noch maximieren, dafür aber optimieren, wenn sie den maximalen Nettogewinn aus einer Autoreise ziehen möchten (vgl. Wilde, 2001). Dieselbe Schlussfolgerung sollte dann auch für den Alkohol- und Tabakkonsum gelten. Die Menschen (im Sinne des Risikomanagements) verzichten demnach weder komplett auf die positive Wirkung von alkoholischen Getränken oder Zigaretten, noch konsumieren sie übermäßige Mengen dieser Substanzen, die das Risiko einer Erkrankung weiter erhöhen würde.

Kognitive Dissonanz – Der Mensch als rechtfertigendes Wesen

Ein weiterer Erklärungsansatz für die oben gezeigten Effekte ist die Theorie der kognitiven Dissonanz. Der Theorie zufolge ist der Mensch bestrebt „eine Harmonie, Konsistenz oder Kongruenz zwischen seinen Meinungen, Attitüden, Kenntnissen und Wertvorstellungen“ herzustellen (Festinger, 2012, S. 253). Ist die Harmonie nicht gewährleistet oder nicht zu erreichen, stellt sich unweigerlich ein unangenehmer Spannungszustand (= kognitive Dissonanz) ein. Dieser unangenehme mentale Zustand kann durch folgende fünf Strategien reduziert werden (vgl. Fischer, Jander & Krueger, 2018, S. 21):

  • Hinzufügen konsonanter Kognitionen (z. B. „Genuss ist auch wichtig. Ich gönne es mir!“
  • Entfernen dissonanter Kognitionen (z. B. Ignorieren von Gesundheitsrisiken)
  • Ersetzen von dissonanten durch konsonante Kognitionen (z. B. „Rauchen mag zwar ungesund sein, aber dafür jogge ich regelmäßig und achte auf meine Ernährung.“
  • Erhöhung der Wichtigkeit konsonanter Kognitionen (z. B. „Wenn ich Stress habe, brauche ich unbedingt eine Zigarette zur Entspannung.“)
  • Reduktion der Wichtigkeit dissonanter Kognitionen (z. B. „Man sollte nicht alles glauben, was die medizinische Forschung angeblich über das Rauchen herausgefunden hat.“)

Diese fünf Strategien können nicht nur zur Reduktion von kognitiver Dissonanz führen, sondern dienen darüber hinaus der Wahrung des positiven Selbstkonzeptes, zum Beispiel, dass man ein gesundheitsorientierter Mensch ist. In diesem Sinne wäre die Selbstlizensierung durch körperliche Aktivität eine Strategie, dissonante durch konsonante Kognitionen zu ersetzen.

Fazit

Einer der bekanntesten Sätze in der Soziologie lautet: „Wenn die Menschen Situationen als real definieren, so sind sie real in ihren Konsequenzen“ (Thomas & Thomas, 1928, S. 572). Diese als Thomas-Theorem bekannte Formulierung besagt, dass für das individuelle Handeln nicht nur die objektiven Gegebenheiten ausschlaggebend sind, sondern auch die subjektive Interpretation der Individuen. Die objektiven Bedingungen werden durch subjektive Sinnzuschreibungen überschrieben. Ob die Vitamintablette tatsächlich wirkt oder nicht, oder ob die körperliche Aktivität als kompensatorischer Ausgleich tatsächlich funktioniert oder nicht, ist für die handelnde Person meist nicht entscheidend. Wesentlich ist, welche subjektiven Vorstellungen die Menschen von ihrer Gesundheit haben. Interventionsmaßnahmen in der Gesundheitsförderung müssen sich primär an wissenschaftlichen Theorien orientieren und evidenzbasiert sein. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, nach der für den Einzelnen subjektiven Sinnhaftigkeit von gesundheitlichen Verhaltensweisen zu fragen.

Die Konfrontation der Menschen mit ihren eigenen Verhaltensinkonsistenzen (z. B., „Du trainierst deine Ausdauer durch das Laufen und machst sie gleichzeitig mit dem Rauchen zunichte.“) und das Aufzeigen von gesundheitsgefährdenden Nebenwirkungen (z. B. „Rauchen kann – unabhängig von deiner körperlichen Aktivität – dazu führen, dass deine Lebenserwartung deutlich verkürzt wird“) könnten dazu beitragen, dass unerwünschte Lizenzeffekte vermieden werden. Ein gesundheitsorientierter Lebensstil erfordert also auch, kontraproduktive Verhaltensweisen durch persönliche Lizenzen zu vermeiden.
Gesundheitskampagnen hingegen, die zum Beispiel nur die positiven Effekte körperlicher Aktivität aufzeigen, laufen Gefahr, die Risiken selbstlizensierten Verhaltens zu übersehen. Durch die Berücksichtigung von Lizenzeffekten in der Interventionspraxis wäre es möglich, die Gesundheitskompetenz der betreffenden Zielgruppe weiter zu stärken.

Literaturverzeichnis

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Chiou, W.-B., Yang, C.-C., & Wan, C.-S. (2011). Ironic effects of dietary supplementation: illusory invulnerability created by taking dietary supplements licenses health-risk behaviors. Psychological Science, 22 (8), 1081–1086. https://doi.org/10.1177/0956797611416253

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Festinger, L. (2012). Theorie der kognitiven Dissonanz (2. Auflage). Bern: Verlag Hans Huber.

Fischer, P., Jander, K., & Krueger, J. (2018). Sozialpsychologie für Bachelor. Berlin, Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-56739-5

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Salewski, C., & Opwis Mareile (2018). Gesundheitsbezogenes Verhalten. In C.-W. Kohlmann, C. Salewski & M. A. Wirtz (Hrsg.), Psychologie in der Gesundheitsförderung (1. Auflage, S. 31–43). Bern: Hogrefe.

Schmid, S. (2012). Grenzen der Gesundheit. Lizenzeffekte in der Gesundheitsförderung. Masterarbeit. Universität Stuttgart, Stuttgart.

Thomas, W. I., & Thomas, D. S. (1928). The child in America. Behavior problems and programs. New York: Alfred A. Knopf.

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Wilde, G. J. S. (2001). Target risk 2. A new psychology of safety and health. What works? What doesn't? And why… (2nd Ed.). Toronto: PDE Publications.