Ich sehe was, was du nicht siehst (und was vielleicht nicht existiert) – scheinbare Ursachen und reale Konsequenzen

Konsequenzen

Das wohl bekannteste Beispiel für die Auswirkung eigener Überzeugungen ist der Placebo-Effekt. Allein aufgrund der Annahme (d.h. der Erwartung), ein Mittel bewirke bestimmte Veränderungen, lassen sich genau diese Veränderungen häufig beobachten obwohl das Mittel selbst keinerlei Stoff beinhaltet, der eine solche Wirkung herbeiführen würde. In der Medizin lässt sich anhand einer Vielzahl von Studien aufzeigen, dass Scheinmedikamente, die z.B. lediglich aus Zucker bestanden, eine deutliche Verbesserung im Befinden der Patienten hervorrufen (e.g. Price, Finniss, & Benedetti, 2008). Diese Verbesserung ist auch nachweislich größer als die in einer Kontrollgruppe ohne jegliche Intervention. Insofern spielen persönliche Überzeugungen eine bedeutsame Rolle – selbst wenn sie auf einem Irrtum beruhen. Und demzufolge könnten Globuli tatsächlich bei blauen Flecken helfen – genauso wie Pflaster, oder auch Glück bringende Gesten – wenn man denn an diesen Zusammenhang glaubt. Interessanterweise scheint es sogar schon ausreichend zu sein, an den Placebo-Effekt an sich zu glauben: Im Gegensatz zu klassischen Placebo-Studien haben Kaptchuk und Kollegen (2010) ihren Probanden offen und ehrlich mitgeteilt, dass sie ihnen Placebos verabreichen würden, und begründeten diese Maßnahme ihnen gegenüber damit, dass Placebos eben nachweislich Besserung hervorriefen. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die jene Scheinmedikamente nicht erhielt, ließ sich in der Placebo-Gruppe tatsächlich eine deutlich bessere Entwicklung verzeichnen. Insofern ist es noch nicht einmal das vermeintliche Medikament, es ist eine Information, die wirkt. Aber ist dies entscheidend? Oder ist es nicht eigentlich irrelevant, was genau die Ursache ist, solange eine Besserung eintritt?

Diese Frage drängt sich insbesondere dann auf, wenn die Konsequenzen uneingeschränkt positiv sind, wie dies beim Placebo-Effekt der Fall ist. Anders verhält es sich jedoch schon in einem Fall wie dem Frozen Shoulder Syndrom: Wenn das Eintreten der Verbesserungsphase mit dem Beginn der Wahl eines bestimmten Behandlungsansatzes zusammenfällt und ein Zusammenhang zwischen beiden wahrgenommen wird, kann es nicht nur zu einer positiveren Bewertung dieses Behandlungsansatzes führen, sondern gleichzeitig zu einer negativen Bewertung der vorher angewandten Behandlungsansätze – ohne dass es dafür tatsächlich stützende Befunde gäbe (Laubscher & Rösch, 2009). Konkret könnte jemand z.B. zu der Überzeugung kommen, dass sämtliche schulmedizinischen Therapieansätze unnütz waren, und erst der Heilpraktiker eine Verbesserung bewirken konnte. Insbesondere wenn die Person diese Erfahrung dann noch verallgemeinert und die Schulmedizin insgesamt kritischer betrachtet und allein alternativmedizinischen Angeboten vertraut, wird deutlich, dass die irrtümliche Wahrnehmung von Zusammenhänge auch negative Konsequenzen haben kann. In diesem Fall stellt sie eine Einschränkung der verfügbaren Möglichkeiten dar – im allgemeinen Glauben an die exklusive Wirksamkeit eines Therapieansatzes beraubt man sich der Möglichkeiten die andere Ansätze nachweislich erbringen können.

Ausblick auf andere Lebensbereiche und Fazit

Solche Überlegungen beschränken sich keineswegs auf den Gesundheitsbereich: Der Glaube an Glück bringende Dinge beispielsweise kann ebenfalls positive wie negative Konsequenzen haben. So konnten Damisch und Kollegen (2010) in einer Studie zeigen, dass ein Glücksbringer oder auch ein vermeintlich Glück bringender Spruch („Ich drück Dir die Daumen) zu einer besseren Leistung in Aufgaben führte, die Geschicklichkeit, Gedächtnis oder aber sprachliche Fähigkeiten erforderten. Dem gegenüber konnte Langer (1975) negative Konsequenzen von Kontrollillusionen demonstrieren: Obwohl die Gewinnwahrscheinlichkeit eines Loses nicht davon abhängt, ob man es selbst zieht oder aber von einer anderen Person ausgehändigt bekommt, waren die Probanden, die es selbst zogen, deutlich überzeugter von dessen Gewinnchancen. Diese Überzeugung war z.T. so stark, dass sie sogar darauf verzichteten, ihr Los gegen eines aus einer anderen Lotterie mit objektiv besseren Gewinnchancen zu tauschen. Das heißt, sie verzichteten zugunsten eines Gefühls von Kontrolle auf eine reale Möglichkeit, ihre Erfolgsaussichten zu beeinflussen.

Insofern ist es nicht irrelevant, ob Zusammenhänge nur wahrgenommen werden, oder diese tatsächlich auch existieren. Spätestens anhand von Extrembeispielen (z.B. Verschwörungstheorien) wird deutlich, welches Ausmaß dies potentiell annehmen kann. Dementsprechend ist es durchaus angebracht, die eigenen Überzeugungen gelegentlich zu hinterfragen und sich hin und wieder bewusst zu machen, wie wenig man wirklich weiß – auch, wenn Ungewissheit teilweise schwer erträglich sein mag: Die Dinge könnten auch ganz anders liegen. Vielleicht ist ja der Zucker in den Placebos und den Globuli das eigentliche Geheimnis...?

Literaturverzeichnis

  • Bruner, A. & Revusky, S. H. (1961). Collateral behavior in humans. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 4, 349-350.
  • Damisch, L., Stoberock, B., & Mussweiler, T. (2010). Keep your fingers crossed! How superstition improves performance. Psychological Science, 21, 1014-1020.
  • Ernst, E. (2002). A systematic review of systematic reviews of homeopathy. Journal of Clinical Pharmacology, 54, 577-582.
  • Grill, M. & Hackenbroch, V. (2010). Der große Schüttelfrust [elektronische Version]. DER SPIEGEL, 28, 58-67. Verfügbar unter http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71558786.html
  • Keinan, G. (2002). The effects of stress and desire for control on superstitious behavior. Personality and Social Psychology Bulletin, 28, 102-108.
  • Kaptchuk, T. J., Friedlander, E., Kelley, J. M., Sanchez, M. N., Kokkotou, E.,Singer, J. P. et al. (2010). Placebos without deception: A randomized controlled trial in Irritable Bowel Syndrome. PLoS ONE, 5, 1-7.
  • Langer, E. J. (1975). The illusion of control. Journal of Personality and Social Psychology, 32, 311-328.
  • Laubscher, P. H. & Rösch, T. G. (2009). Frozen shoulder: A review. South African Orthopaedic Journal, 2, 24-29.
  • Passig, K. & Scholz, A. (2007). Lexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Antwort gibt. Berlin: Rowohlt.
  • Price, D. D., Finniss, D. G., & Benedetti, F. (2008). A comprehensive review oft he placebo effect: Recent advances and current thought. Annual Review of Psychology, 59, 565-590.
  • Riedl, R. (1981). Die Folgen des Ursachendenkens. In: P. Watzlawick (Hrg.). Die erfundene Wirklichkeit, (S. 67-77). München: Piper.
  • Seligman, M. E. & Maier, S. F. (1976). Learned Helplessness: Theory and Evidence. Journal of Experimental Psychology: General, 105, 3-46.
  • Skinner, B. F. (1948). Superstition in the pigeon. Journal of Experimental Psychology, 38, 168-172.
  • Whitson, J. A. & Galinsky, A. D. (2008). Lacking control increases illusory pattern perception. Science, 322, 115-117.

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