"Ich spiele, also bin ich?" – Risikofaktoren für die Entstehung einer Computerspielsucht

Im Hinblick auf die Schwierigkeiten, die durch die genannten Persönlichkeitseigenschaften und - stile verursacht werden, wird deutlich, dass Computerspiele eine perfekte Möglichkeit bieten, dem Alltag und dessen negativen Aspekten zu entkommen. Besonders Onlinerollenspiele ermöglichen durch den leichten und unpersönlicheren Kontakt zu anderen Spielern, soziale Schwierigkeiten und ein dadurch ausgelöstes negatives Selbstbild auszugleichen.

Soziales Umfeld

Auch Forschungsergebnisse hinsichtlich des sozialen Umfelds verdeutlichen, dass Computerspielsüchtige Defizite in der realen Umwelt durch Computerspiele auszugleichen versuchen. Von zahlreichen Autoren wurde gezeigt, dass schwierige Beziehungen zu den Eltern und Unzufriedenheit mit der Familiensituation Computerspielsucht  begünstigen können (Lam et al., 2009; Liu & Kuo, 2007, Batthyány, Müller & Wölfling, 2009). Wenn die Familie dagegen viele gemeinsame Aktivitäten mit ihren Kindern unternimmt, wirkt sich dies als Schutzfaktor für Computerspielsucht aus (Jeong & Kim, 2011). Das Risiko, eine Computerspielsucht zu entwickeln, sinkt demnach mit der Qualität der Eltern-Kind- Beziehung. Auch der Erziehungsstil der Eltern wirkt sich auf die Entstehung einer Computerspielsucht aus (Xiuqin, Huimin, Mengchen, Jinan, Ying & Ran, 2010). Vor allem Kinder mit Eltern mit geringer emotionaler Wärme, Überinvolviertheit in bestimmten Bereichen, Zurückweisung oder Bestrafung haben ein erhöhtes Risiko, computerspielsüchtig zu werden. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor der sozialen Umwelt ist die soziale Isolation unter Gleichaltrigen. Diese kann problematisches Computerspielverhalten verstärken, da diese Isolation durch virtuelle Kontakte ausgeglichen werden kann (Liu & Kuo, 2007).

Spielmotivation

Als Motive für das Spielen von Computerspielen sind vor allem drei bekannt (Yee, 2006). 1) Die soziale Interaktion mit anderen, 2) der Wettkampf und damit der Erfolg im Spiel sowie 3) die Alltagsflucht. Unter Betrachtung der spezifischen Persönlichkeitseigenschaften und den Strukturen des sozialen Umfelds, die sich fördernd auf die Entstehung einer Computerspielsucht auswirken können, scheint diesen Motive eine besondere Rolle als Kompensatoren zuzukommen. Soziale Interaktion mit anderen im Spiel kann hierbei Einsamkeit und soziale Isolation kompensieren. Ebenso dienen gewonnene Wettkämpfe im Spiel als Erfolgserlebnisse und helfen so, negative Erfahrungen im Alltag auszugleichen und das Selbstbild zu verbessern. Zunächst erscheint dies nicht als kritisch und kann sogar eher als fördernd für das Wohlbefinden erscheinen. 

Besonders problematisch werden die ersten beiden Spielmotive dann, wenn das Spielmotiv „Alltagsflucht“ eine besondere Rolle einnimmt. Studien konnten bestätigen, dass der Wunsch nach Alltagsflucht süchtiges Computerspielverhalten vorhersagen kann (z.B. Hellström, Nilsson, Leppert & Aslund, 2012). Je wichtiger Alltagsflucht als Spielmotiv ist, desto wahrscheinlicher wird die Entstehung einer Computerspielsucht (Kneer & Glock, 2013). Dieses Verhalten wird auch „medienfokussiertes Coping" genannt (Batthyány et al., 2009). Coping bezeichnet hier den Umgang mit Stress und Alltagsproblemen. Allerdings birgt Computerspielen als angewandte Copingstrategie eine neue Gefahr in sich. Durch das permanente Spielen wird auch die Möglichkeit verpasst, neue Copingstrategien zu erlernen.

Im Hinblick auf die drei Motive ist der Aufbau vieler Spiele, insbesondere von Onlinerollenspielen, von zentraler Bedeutung. Viele Ziele innerhalb des Spiels sind nur durch Teamplay möglich und beinhalten somit eine soziale Bindung, die sich deutlich auf die zeitliche Organisation auswirken kann. Bleibt ein Spieler fern, kann dies zu sozialen Problemen in seinem Spiel führen. Wird das Spiel genutzt, um sowohl soziale als auch Leistungsdefizite der realen Welt auszugleichen, liegt die Problematik dieses Teufelskreises auf der Hand: durch die Bindung an das eigene Team und die damit verbundenen virtuellen Verpflichtungen werden reale Verpflichtungen immer mehr vernachlässigt. Dies kann zu einer Verstärkung der Alltagsprobleme führen, wie beispielsweise zu einer kompletten sozialen Isolation.

Fazit

Auch wenn der Begriff „Computerspielsucht“  im Alltag bereits häufig verwendet wird, gibt es noch keine klare Diagnose im therapeutischen Rahmen. Insgesamt deutet die derzeitige Studienlage daraufhin, dass es – wenn auch nur ein geringer Teil aller Spieler davon betroffen ist – eine pathologische Nutzung von Computerspielen gibt. Um Computerspielsucht zu verhindern oder zu erkennen, spielt vor allem die Aufklärung von Kindern, Jugendlichen, Eltern und Lehrern eine erhebliche Rolle, um somit die Spielleidenschaft zu schützen und Computerspielsucht zu unterbinden. Demnach ist es innerhalb von Interventionsmaßnahmen wichtig, Auch wenn der Begriff „Computerspielsucht“ im Alltag bereits häufig verwendet wird, gibt es noch keine klare Diagnose im therapeutischen Rahmen. Bild: lechenie-narkomanii via pixabay (https://pixabay.com/de/igromania-spielsucht-handschellen-1894847/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Auch wenn der Begriff „Computerspielsucht“ im Alltag bereits häufig verwendet wird, gibt es noch keine klare Diagnose im therapeutischen Rahmen. Bild: lechenie-narkomanii via pixabay (https://pixabay.com/de/igromania-spielsucht-handschellen-1894847/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)über die wissenschaftlich nachgewiesenen Kriterien, die gesundes von süchtigem Spielverhalten trennen, zu informieren.  Dennoch ist es ebenso wichtig, präventiv über Risikofaktoren aufzuklären, um das Entstehen einer Spielsucht möglichst zu verhindern.

Bei der Betrachtung der genannten Risikofaktoren Persönlichkeitseigenschaften, soziales Umfeld und Spielmotivation wird deutlich, dass im Fall einer Computerspielsucht das Spielen wichtige Funktionen für Bereiche der realen Welt erfüllt, in denen die Spielenden und/oder ihre Umwelt Defizite erleben. Sie erfüllen vermeintlich soziale Bedürfnisse, sodass die soziale Isolation als aufgehoben wahrgenommen wird. Ebenso kann ein im Alltag geringer Selbstwert durch das Erreichen von Zielen innerhalb des Spiels gestärkt werden. Umgekehrt können jedoch durch das permanente Spielen reale soziale Isolation und Schwächen in Schule, Studium oder Berufs noch verstärkt werden.

Computerspiele bieten die Möglichkeit, aus der Realität zu fliehen, abzuschalten und in eine komplett andere Welt einzutauchen. Dies kann in einigen Fällen dazu führen, dass sich die Probleme, die in der realen Welt existieren, verschärfen. Für betroffene Personen wird es immer schwieriger, diese in Angriff zu nehmen, wenn die Computerspielwelt so einfach anzuschalten ist. Werden Computerspiele in diesem Fall als Copingstrategien verwendet, um realen Alltagsproblemen zu entfliehen, besteht die Gefahr, eine Computerspielsucht zu entwickeln. Abschließend bleibt festzuhalten, dass ein gesunder Selbstwert und eine gute Einbindung in das soziale Umfeld den besten Schutz vor der Entwicklung einer Computerspielsucht darstellen. Dennoch sind die gefundenen Wirkungszusammenhänge Ergebnisse von Studien, die auf Mittelwerten der Befragten basieren. Wichtig hierbei ist anzumerken, dass auslösende Gründe für eine Computersucht stets im Einzelfall zu klären sind, sodass Hilfe auch individuell erfolgen kann.

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