Im Auge des Anderen - Wie uns die Anwesenheit anderer beeinflusst

Eine grundlegende Voraussetzung um auf andere adäquat reagieren zu können, ist die Fähigkeit, den Aufmerksamkeitsfokus eines oder mehrerer Interaktionspartner möglichst genau bestimmen zu können. Neben Informationen, die die Geometrie des Auges liefert, spielen dabei auch die Kopf- und Körperposition eine entscheidende Rolle. Diese drei Faktoren beeinflussen sich gegenseitig und können zu Störeffekten führen, wenn sie widersprüchlich sind. Langton (2000) führte dazu ein Experiment durch, in dem Fotos einer realen Person gezeigt wurden. Hierbei wurde die Blickrichtung der Augen relativ zur Position des Kopfes variiert. Gleichzeitig wurde auch noch die Kopfrichtung unabhängig von der Blickrichtung manipuliert. Sie konnte dabei mit der Blickrichtung übereinstimmen (kongruent) oder ihr entgegengesetzt sein (inkongruent). Die Aufgabe der Versuchspersonen war es, entweder auf die Kopfrichtung oder auf die Blickrichtung so schnell wie möglich durch Tastendruck zu reagieren. Wenn sich Kopfrichtung und Blickrichtung gegenseitig beeinflussen, sollte sich das in verlangsamten Reaktionen und höheren Fehlerraten in der inkongruenten Bedingung im Vergleich zur kongruenten Bedingung zeigen. Die Daten bestätigten die Vermutungen des Forschers. Es zeigte sich, dass die Reaktionen auf die Kopfrichtung deutlich langsamer und fehleranfälliger waren, wenn die Augen in die entgegengesetzte Richtung schauten, als wenn die Augen in die gleiche Richtung schauten. Analog dazu waren die Reaktionen auf die Blickrichtung deutlich schneller, wenn Blickrichtung und Kopfrichtung übereinstimmten, als wenn der Kopf in die dem Blick entgegengesetzte Richtung zeigte.

 

Ob und wie wir auf Richtungsinformationen reagieren, scheint allerdings auch davon abzuhängen, wie wir dargebotene Reize wahrnehmen und interpretieren. Eine Studie von Ristic und Kingstone (2005) zeigt beispielsweise, dass Versuchspersonen auf ein und dasselbe Reizmuster anders reagieren, wenn sie davon ausgehen ein Augenpaar zu sehen, als wenn sie glauben, die Räder eines Autos anzuschauen (vgl. Abbildung 2). Im ersten Fall zeigen die Probanden eine spontane Aufmerksamkeitsverschiebung in Blickrichtung und können so deutlich schneller auf Zielobjekte reagieren, die von den Augen angeschaut werden. Im zweiten Fall profitieren sie jedoch nicht von der im Reizmuster enthaltenen Richtungsinformation und zeigen folglich auch keine beschleunigte Reaktion auf Zielobjekte, deren Position durch die Stellung der Räder eigentlich angezeigt wird.

 

Genauigkeit der Bestimmung der Blickrichtung

Was die Genauigkeit der Bestimmung der Blickrichtung betrifft, so ist es beim menschlichen Auge besonders gut möglich, zwischen verschiedenen Blickrichtungen zu unterscheiden (Bock, Dicke, & Thier, 2008; Gale & Monk, 2000; Gamer & Hecht, 2007; Symons, Lee, Cedrone, & Nishimura, 2004; Todorović, 2006). Verantwortlich dafür ist dessen besonderer anatomischer Aufbau: Im Gegensatz zu anderen Primatenarten, bilden Pupille und Iris beim Menschen nur eine relativ kleine dunkle Fläche im Auge, die links und rechts von anteilsmäßig großen weißen Gebieten, der sogenannten Sclera, umgeben ist (Kobayashi & Kohshima, 1997). Folglich können beim Menschen Informationen über die Blickrichtung aus dem geometrischen Verhältnis von hellen und dunklen Arealen im Auge abgelesen werden. Jede Veränderung der Blickrichtung erzeugt dabei eine charakteristische Veränderung der Geometrie zwischen hellen und dunklen Anteilen, die von einem Beobachter innerhalb kürzester Zeit analysiert werden kann. Auf diese Weise ist die Bestimmung der Blickrichtung auf der Basis geometrischer Informationen bei Menschen viel leichter zu bewerkstelligen als bei anderen Primatenarten.

 

Neuere Erkenntnisse legen allerdings nahe, dass neben geometrischen Informationen auch Kontextinformationen einen Einfluss auf die wahrgenommene Blickrichtung haben können. So tendieren Menschen dazu, Intentionen hinter Veränderungen in der Blickrichtung zu vermuten und gehen deshalb davon aus, dass sozialen Agenten eher ein Objekt anschauen als einen imaginären Punkt im leeren Raum. Dementsprechend können Annahmen darüber, wo eine Person hinschaut, die rein geometrischen Informationen aus den Augen verzerren und die wahrgenommene Blickrichtung systematisch beeinflussen. In einer Studie von Lobmaier et al. (2006) sollten Probanden die Blickziele eines sozialen Agenten möglichst genau berichten. Der tatsächliche Fixationspunkt konnte dabei entweder ein imaginärer Punkt im zweidimensionalen Raum sein oder durch eine Münze markiert sein. Zusätzlich konnte diese Münze auch links oder rechts des tatsächlichen Fixationspunktes platziert sein. Es zeigte sich einerseits, dass die Schätzung am genauesten war, wenn sich die Münze auf dem tatsächlichen Fixationspunkt befand und andererseits, dass die wahrgenommene Blickrichtung systematisch in Richtung der Position der Münze verzerrt wurde.

 

Neuronale Spezialisierung für die Verarbeitung von Blickinformationen

Die besondere Bedeutung, die Augen für die soziale Interaktion haben, spiegelt sich auch in der neuronalen Verarbeitung von Blickbewegungen wieder. Das menschliche Gehirn ist nämlich in eindrucksvoller Weise auf die Verarbeitung von Blickinformationen spezialisiert. Zahlreiche neurologische Studien konnten dabei eine Schlüsselrolle des STS (superior temporal sulcus) nachweisen. Der STS ist eine Struktur der Großhirnrinde, die spezialisiert ist auf die Verarbeitung biologischer Bewegung, auf das Erkennen und Interpretieren von Gesichtsausdrücken und auf die Integration audiovisueller Informationen (Allison, Puce, & McCarthy, 2000). So ist es mit Hilfe des STS möglich, Veränderungen der Blickrichtung zu erkennen und zu interpretieren. Er wird auch durch den Kontext, in dem die Blickverarbeitung stattfindet, in seiner Aktivität beeinflusst und zeigt eine stärkere Aktivierung, wenn der Blick auf ein Objekt gerichtet ist, als wenn der Blick in den leeren Raum führt (Pelphrey, Singerman, Allison, & McCarthy, 2003).

 

Der STS ist zusätzlich in ein größeres neuronales Netzwerk eingebunden, das es ermöglicht, soziale Aspekte bei Veränderungen der Blickrichtung zu erkennen. Es bestehen Verbindungen zu den Emotionszentren des menschlichen Gehirns, z.B. der Amygdala, einer mandelförmigen Struktur im limbischen System (Kawashima et al., 1999). Die Amygdala ist wesentlich an der Entstehung von Angst beteiligt und spielt eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren. Im Hinblick auf die Verarbeitung von Blickinformationen reagiert diese Struktur besonders empfindlich auf direkten Blickkontakt sowie auf andere sozial relevante Informationen im Blickverhalten (Hooker et al., 2003). Eine weitere Struktur, die direkt mit dem STS kommuniziert, ist der fusiforme Gyrus, ein Areal, das spezialisiert ist auf die Verarbeitung von Informationen aus der Gesichtsregion (George, Driver, & Dolan, 2001). Im Gegensatz zum STS reagiert diese Struktur aber nicht auf temporäre Veränderungen in der Blickbewegung, sondern hauptsächlich auf Veränderungen, die mit der Identität des Interaktionspartners zu tun haben. Hoffman und Haxby (2000) konnten mit Hilfe bildgebender Verfahren (fMRI) zeigen, dass bei der Wahrnehmung von Blickbewegungen auch solche Strukturen eine gesteigerte Aktivierung zeigen, die für die räumliche Aufmerksamkeitsverteilung zuständig sind. Sie befinden sich u.a. im intraparietalen Sulcus der linken und rechten Hirnhälfte. Eine weitere neuronale Struktur, die bei der Verarbeitung von Blickbewegungen aktiv ist, ist der mediale präfrontale Cortex. Er befindet sich im Stirnhirn und ist für die Zuschreibung mentaler Zustände bei anderen und für die Intentionserkennung zuständig (Calder et al., 2002).

 

Spontane Verarbeitung von Blickbewegungen

Im Laufe eines Tages verarbeiten wir zahlreiche Blickinformationen in den unterschiedlichsten Situationen: Wir laufen beispielsweise eine belebte Straße entlang und bemerken plötzlich eine Person, die ihren Blick nach oben richtet (Abbildung 3). Ohne große Mühe können wir die Blickrichtung der Person bestimmen, ihrem Blick spontan folgen und das Objekt lokalisieren, das das Interesse dieser Person geweckt hat. Oder wir befinden uns mit unseren Arbeitskollegen beim Mittagessen und sollen einem weiter entfernt sitzenden Kollegen eine bestimmte auf dem Tisch stehende Schüssel reichen. Allein durch das Verfolgen seiner Blickbewegungen sind wir in der Lage, das gewünschte Objekt zu bestimmen und es dem Kollegen zu reichen.

 

Abbildung 3:Spontanes Verfolgen der Blickbewegung anderer in Alltagssituationen.Um dieser Fähigkeit auf den Grund zu gehen, wurde in zahlreichen Verhaltensstudien getestet, ob die Blickbewegung eines Interaktionspartners tatsächlich spontan verfolgt wird und welche Faktoren bestimmen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit in sozialen Interaktionen richten. Die bisherigen Ergebnisse scheinen für eine spontane Verarbeitung von und Reaktion auf die Blickrichtung des Interaktionspartners zu sprechen. In einer Studie von Friesen und Kingstone (1998) sahen Versuchspersonen beispielsweise Abbildungen von schematischen Gesichtern (Strichzeichnungen), die entweder nach links, rechts oder geradeaus schauten. Die Aufgabe der Versuchspersonen war es, so schnell und fehlerfrei wie möglich auf ein links oder rechts neben dem Gesicht erscheinendes Zielobjekt zu reagieren. Obwohl die Versuchspersonen im Vorfeld darüber informiert wurden, dass die Blickrichtung keine Information über den Ort des Erscheinens des Zielobjektes beinhaltete, reagierten sie deutlich schneller und produzierten weniger Fehler, wenn die Blickrichtung des schematischen Gesichts mit der Position des Zielreizes übereinstimmte. Eine Studie von Driver et al. (1999) konnte außerdem zeigen, dass eine intuitive Aufmerksamkeitsverschiebung in Blickrichtung des Gegenübers sogar dann erfolgt, wenn die Probanden im Vorfeld darüber informiert wurden, dass das Zielobjekt sehr viel wahrscheinlicher auf der gegenüberliegenden Seite erscheinen würde.

 

AutorInnen

Facebook