Im Zweifel für den Angeklagten: Über Fehlerquellen von Zeugenaussagen

Kritisch ist zudem, welche Informationen ein Zeuge während des Behaltensintervalls nachträglich erhält, z.B. aus Medienberichten oder von anderen Augenzeugen. Wenn diese Informationen fehlerhaft sind, der Zeuge sie jedoch in seine Erinnerung integriert, kann dies schwerwiegende Konsequenzen haben. Mit solchen nachträglichen Einflüssen beschäftigten sich Gabbert, Memon, Allan und Wright (2004). Ihre Versuchspersonen sahen einen Film, der einen Raubüberfall zeigte. Die erste Experimentalgruppe las eine Zusammenfassung des Films, die vier falsche Details enthielt. Die Personen der zweiten Experimentalgruppe unterhielten sich über den Filminhalt mit einem vermeintlichen weiteren Augenzeugen, der vorgab, ein Versuchsteilnehmer zu sein. Tatsächlich handelte es sich jedoch um einen Verbündeten des Versuchsleiters. Im Verlauf der Unterhaltung erwähnte dieser Augenzeuge ebenfalls vier falsche Details. Eine Kontrollgruppe las die gleiche Zusammenfassung wie die Experimentalgruppe, jedoch ohne die falschen Informationen. Vor und nach der Lektüre bzw. Unterhaltung beantworteten die Versuchspersonen jeweils dieselben Fragen zum Film. Darunter waren Fragen zu Details, welche im Film gezeigt wurden und über die die Versuchspersonen anschließend falsch informiert wurden. Der Vergleich mit der Kontrollgruppe ergab, dass die Experimentalgruppen im zweiten Fragebogen diese Falschinformationen deutlich häufiger berichteten. Rund 50% der Fragen, welche die Versuchspersonen im zweiten Fragebogen mit einem übernommenen falschen Detail beantworteten, waren im ersten Fragebogen noch anders beantwortet worden. Dies zeigt eindrucksvoll das Ausmaß der Beeinflussung, das durch Medien und andere Personen erreicht werden kann.

Fehlerquellen bei der Vernehmung

Die Erinnerung falscher Details kann auch während der Vernehmung provoziert werden. Suggestive Befragungsmethoden stellen hierbei eine wesentliche Fehlerquelle dar. In einer Untersuchung, die in der Gedächtnispsychologie als Klassiker gilt, sahen die Versuchspersonen ein Video von einem Autounfall (E. F. Loftus & Palmer, 1974, Experiment 2). Danach wurden sie gebeten, mehrere Fragen zum Film zu beantworten, darunter eine Frage zur Geschwindigkeit der beiden beteiligten Autos. Hierbei wurde die Formulierung hinsichtlich der Geschwindigkeit variiert. Während ein Teil der Versuchspersonen gefragt wurde, wie schnell die Autos fuhren, als sie „aufeinandertrafen“ (hit), wurde ein anderer Teil gefragt, wie schnell die Autos fuhren, als sie „ineinander krachten“ (smashed). Die Versuchspersonen, bei denen die Autos laut Fragestellung „ineinander krachten“, schätzten die Geschwindigkeit der Autos als deutlich höher ein, als diejenigen, bei denen die Autos „aufeinandertrafen“. Die Fragestellung hatte somit Einfluss auf die Schätzung der Geschwindigkeit. Auch auf eine zweite Befragung eine Woche später hatte die Formulierung Wirkung: Die Versuchspersonen, bei denen die Autos laut Fragestellung „ineinander krachten“, gaben öfter an, zerbrochenes Glas gesehen zu haben. Tatsächlich war im Film kein solches zu sehen.

Zu suggestiven Einflüssen kann es nicht nur bei der Befragung, sondern auch bei der Personenidentifizierung kommen. Wird dem Zeugen bei einer Gegenüberstellung nicht klargemacht, dass der Täter sich möglicherweise nicht in der Gegenüberstellung befindet, kann dies zu einem Identifizierungsdruck und zu einer erhöhten Anzahl von Falschidentifizierungen führen (Wells et al., 1998). Eine weitere Quelle suggestiven Einflusses bei der Identifizierung kann vorliegen, wenn der Polizeibeamte, der die Gegenüberstellung durchführt, die Identität des Tatverdächtigen kennt. Der Beamte liefert dabei möglicherweise, auch ungewollt, Signale. Diese können dem Zeugen Hinweise zur Identität des Verdächtigen liefern und somit die Identifizierungsentscheidung beeinflussen.

Auch die Gabe von Feedback („Gut, Sie haben den Verdächtigen identifiziert!“) nach der Identifizierungsentscheidung gehört zu den möglichen Einflussfaktoren bei der Vernehmung. Feedback kann die Erinnerung an das Identifizierungsverfahren und an die Tat selbst verzerren. In einer Untersuchung hierzu sahen Versuchspersonen ein Video, das einen bewaffneten Mann zeigte (Wells & Bradfield, 1998). Diesen sollten die Versuchspersonen anschließend identifizieren. Die Hälfte der Versuchspersonen erhielt nach der Identifizierungsentscheidung positive Rückmeldung, die andere Hälfte keine. Wie vielleicht zu erwarten, waren sich die Versuchspersonen, die positive Rückmeldung erhielten, ihrer Identifizierungsentscheidung hinterher wesentlich sicherer, als diejenigen, die keine Rückmeldung erhalten hatten. Das Feedback hatte jedoch noch viel weitreichendere Folgen: Es beeinflusste nämlich die Erinnerung an das bezeugte Ereignis selbst. So gaben Versuchspersonen, die Feedback erhielten, u.a. an, eine bessere Sicht auf die Zielperson gehabt und das Gesicht mit größerer Aufmerksamkeit betrachtet zu haben. Dieser verzerrende Effekt auf die Erinnerung trat übrigens auf, obwohl sich die Zielperson gar nicht in der Gegenüberstellung befand, die Versuchspersonen also eine Falschidentifizierung vorgenommen hatten. Gibt ein Zeuge, an, dass er sich beispielsweise gut an das Ereignis erinnern kann, so erhält seine Aussage vor Gericht wahrscheinlich mehr Gewicht, als die eines Zeugen, der angibt, sich weniger gut erinnern zu können. Dies ist problematisch, wenn beide Zeugen doch gleichermaßen die falsche Person identifiziert haben und sich die Angaben lediglich aufgrund des Feedbacks voneinander unterscheiden.

Fazit und Ausblick

Zeugenaussagen sind auch im Zeitalter von DNS-Analysen wichtige Beweismittel für die Aufklärung von Kriminalfällen. Gleichwohl gibt es zahlreiche Faktoren, die zu fehlerhaften Zeugenaussagen führen und letztendlich Justizirrtümer verursachen können. Werden Befragungen und Gegenüberstellungen jedoch sachgemäß durchgeführt, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, eine richtige Aussage zu erhalten. Daher sollten Zeugenaussagen vor Gericht weiterhin als Beweismittel zugelassen werden. Die rechtspsychologische Forschung arbeitet im Sinne einer positiven Rechtspsychologie stetig daran, verbesserte, d.h. weniger irrtumsanfällige Befragungs- und Gegenüberstellungs-Techniken zu entwickeln (Sauerland & Krix, im Druck). Deren sachgemäße Anwendung hilft Zeugen etwa, umfangreichere Aussagen mit einer größeren Anzahl richtiger Details abzugeben. Ein Beispiel für eine solche Technik ist das Kognitive Interview (Fisher & Geiselman, 1992). Diese leitet Zeugen u.a. dazu an, vor der Abgabe der Aussage den Kontext der Tat gedanklich wiederherzustellen. Das bedeutet, dass die Zeugen sich vorstellen sollen, welche Emotionen und Gedanken sie während der Zeugenwerdung hatten. Auch externe Details, wie die Szenerie des Tatorts, sollen sie sich vorstellen. Diese Details werden parallel zur Erinnerung an die Tat im Gedächtnis gespeichert. Dadurch dienen sie als Hinweise auf die Erinnerung an die Tat und liefern zusätzliche Wege, an die Erinnerung zu gelangen. Somit wird der Abruf der Erinnerung an die Tat aus dem Gedächtnis verbessert.

Um mögliche Fehlerquellen aufspüren zu können, sollten grundsätzlich (Video-)Aufzeichnungen der Befragungen angefertigt werden. Überdies ist es essentiell, die Bedingungen der Zeugenwerdung und mögliche Einflüsse im Behaltensintervall im Gespräch mit dem Zeugen zu eruieren, um auch hier Fehlerquellen zu ermitteln. Keinesfalls sollte eine Verurteilung ausschließlich aufgrund der (Identifizierungs-)Aussage eines Zeugen erfolgen.

Literaturverzeichnis

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  • Fisher, R. P., & Geiselman, R. E. (1992). Memory enhancing techniques for investigative interviewing: The cognitive interview. Springfield, IL: Charles C. Thomas.
  • Gabbert, F., Memon, A., Allan, K., & Wright, D. B. (2003). Say it to my face: Examining the effects of socially encountered misinformation. Legal and Criminological Psychology, 9, 215-227.
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  • Odenthal, H.-J. (1999). Die Gegenüberstellung im Strafverfahren. Stuttgart: Richard Boorberg.
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  • Scheck, B., Neufeld, P., & Dwyer, J. (2003). Actual innocence: When justice goes wrong and how to make it right. New York: New American Library.
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  • Wells, G. L., Small, M., Penrod, S., Malpass, R. S., Fulero, S. M., & Brimacombe, C. A. E. (1998). Eyewitness identification procedures: Recommendations for lineups and photospreads. Law and Human Behavior, 22, 603-647.
 

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