Immer unterwegs: wie sich Wohnmobilität auf unser Wohlbefinden auswirkt

Auch Persönlichkeitseigenschaften scheinen sich auf den Einfluss von Umzügen auf das Wohlbefinden auszuwirken. So zeigte sich beispielsweise, dass introvertierte Personen – verglichen mit extrovertierten Personen – die als Kinder häufig umgezogen sind, unglücklichere Erwachsene werden (Oishi & Schimmack, 2010). Dieser Unterschied könnte mit einer Herausforderung zusammenhängen, die ein Umzug mit sich bringt: der Fähigkeit, neue Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Im Vergleich zu extrovertierten Personen fällt es introvertierten Personen schwerer, neue Freunde zu finden. Daher ist auch die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie gute soziale Beziehungen aufbauen. Zudem ergeht es neurotischen Personen – also Personen, die negativer auf stressige Lebenssituationen reagieren – im Vergleich zu weniger neurotischen Personen auf lange Sicht mit Umzügen schlechter. Oishi und Schimmack (2010) berichten, dass neurotischere Personen durch häufige Umzüge insgesamt betrachtet unglücklicher werden als weniger neurotische Personen. Aufbauend auf diesen Befunden sollten Eltern, deren Kinder schüchtern und/ oder neurotisch sind, sich also zweimal überlegen, ob häufige Umzüge wirklich unvermeidbar sind. Sind Umzüge unumgänglich, so ist darauf zu achten, wie sich die Kinder an ihre neue Umgebung anpassen und ihnen, wenn nötig, proaktiv bei der sozialen Integration zu helfen.

Eigenschaften der Gemeinde

Auch die Gemeinde, in die man zieht, spielt eine wichtige Rolle dabei, wie sich ein Umzug auf uns auswirkt. Einige Gemeinden haben niedrige Kriminalitätsraten, andere hingegen hohe. Selbst in ein und derselben Stadt schwimmen manche Stadtteile im Überfluss, während in anderen Armut herrscht. Unter der Annahme, dass sich Gemeinden in vielerlei Hinsicht unterscheiden können, kann man sich leicht vorstellen, dass auch das Wohlbefinden je nach Gemeinde, in der man lebt, variiert. 

Besteht die Gemeinde aus Personen, die häufig umziehen? In einer Wohngegend zu leben, in der Leute eher fest ansässig sind, scheint sich aus mehreren Gründen günstig auszuwirken. Solche Bild3: Die Nachbarschaft spielt eine wichtige Rolle dabei, wie sich ein Umzug auf uns auswirkt. Foto: Philippsaal via Pixabay (https://pixabay.com/de/photos/hongkong-hochhäuser-china-asien-4093186/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/terms/#license).Bild3: Die Nachbarschaft spielt eine wichtige Rolle dabei, wie sich ein Umzug auf uns auswirkt. Foto: Philippsaal via Pixabay (https://pixabay.com/de/photos/hongkong-hochhäuser-china-asien-4093186/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/terms/#license).Wohngegenden haben nämlich niedrigere Kriminalitätsraten, und ihre BewohnerInnen engagieren sich tendenziell stärker in der Gemeinde (Kang & Kwak, 2003). Zudem zeigen sie ein stärkeres Engagement und Commitment in der Gemeinde, beispielsweise der Art, dass sie eher dazu bereit sind, spezielle Autokennzeichnen zu kaufen, um dadurch natürliche Lebensräume zu schützen (Oishi, Rothman et al., 2007). Da Personen aus eher sesshaften Gemeinden hilfsbereiter sind als Personen aus Gebieten, in denen oft umgezogen wird, ist der Zuzug in ein eher sesshaftes Gebiet besonders lohnenswert, wenn man auf Hilfe angewiesen ist. Auch sollte man diese Wohngebiete vorziehen, wenn man selbst fürsorglich ist und sich um Andere kümmern möchte. Dies lässt sich dadurch erklären, dass man in diesen Gegenden eher von Menschen umgeben ist, die prosozial eingestellt und es gewöhnt sind, anderen zu helfen.

Warum zeigen BewohnerInnen dieser eher sesshaften Gemeinden ein höheres Engagement und weniger schädigendes Verhalten gegenüber der Gemeinschaft? Ein potenzieller Grund könnte darin liegen, dass Menschen, die längere Zeit zusammen in einer Gemeinschaft leben, eine psychologische Bindung zu dieser aufbauen (Kasarda & Janowitz, 1974). Solch eine Bindung wirkt sich positiv auf das Engagement in der Gemeinschaft und die Wiederbelebung der Gemeinde aus (Brown, Perkins & Brown, 2003). Zudem können häufige Interaktionen und gemeinsame Anstrengungen zur Lösung von Problemen dazu führen, dass sich eine kollektive Wirksamkeit entwickelt, welche mit einer niedrigeren Kriminalitätsrate (Sampson, Raudenbusch & Earls, 1997) und weniger unsozialem Verhalten (Odgers et al., 2009) in Zusammenhang steht. Zudem helfen stabile, sesshafte Gemeinden auch dabei, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen (Oishi, Rothman et al., 2007). Je mehr man sich mit der eigenen Gemeinde identifiziert, desto mehr gemeindedienliches Verhalten legt man an den Tag.

Trotz der vielen Vorteile, die mit dem Leben in einer sesshaften Gemeinde einhergehen, ist diese Lebensart nicht für jedermann geeignet. So fanden Lun und KollegInnen (2012) heraus, dass Wohnmobilität Einfluss auf unsere Freundschafts-Präferenzen hat. Leute, die häufig umziehen, bevorzugen als FreundInnen Personen, die egalitäre HelferInnen sind. Solche Personen sind bereit, Hilfeverhalten zu zeigen, unabhängig davon, ob eine Person zum eigenen Freundeskreis gehört oder nicht. Personen, die eher sesshaft sind bevorzugen hingegen Freundschaften mit loyalen HelferInnen, also solchen Personen, die eher FreundInnen als Fremden helfen. Falls Sie also in eine Stadt ziehen, die durch viele Um- und Zuzüge geprägt ist, könnten Sie sich durch offenes und egalitäres Verhalten an Ihre neue Umgebung anpassen. Helfen Sie sowohl FreundInnen als auch Fremden, die Ihre Hilfe benötigen. Ziehen Sie dagegen in eine eher sesshafte Gemeinde, könnte es von Vorteil sein, vor allem FreundInnen gegenüber loyal zu sein und diese zu unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen.

Ist die Gemeinde durch eine hohe Beziehungsmobilität geprägt? Gemeinden unterscheiden sich nicht nur darin, wie häufig ihre BewohnerInnen umziehen, sondern folgen auch bestimmten sozialen Regeln, nach denen die BewohnerInnen Beziehungen aufbauen und aufrechterhalten. In manchen Gemeinden sind die Beziehungen der BewohnerInnen stark in wenig flexiblen sozialen Kreisen verwurzelt. PsychologInnen bezeichnen diese als Gemeinden mit geringer Beziehungsmobilität. In anderen Gemeinden hingegen werden Beziehungen zwischen BewohnerInnen relativ einfach aufgebaut und auch wieder beendet; das sind Gemeinden mit hoher Beziehungsmobilität. Forschungsergebnisse eines Teams um Johanna Schug konnten aufzeigen, dass Beziehungsmobilität die Art und Weise beeinflusst, wie Personen Beziehungen stärken (Schug, Yuki & Maddux, 2010). Werden Beziehungen als stabil und schwierig zu beenden wahrgenommen, so investieren Personen wenig Aufwand in die Aufrechterhaltung dieser Beziehungen. Werden Beziehungen hingegen als fragil und wechselhaft wahrgenommen, so investieren Personen mehr in diese Beziehungen, indem sie ihre persönlichen Gedanken und Gefühle teilen.

Das soll jedoch nicht bedeuten, dass Personen, die in eine Gemeinde mit niedriger Beziehungsmobilität ziehen, sich keine Gedanken über die Aufrechterhaltung von Beziehungen machen müssen – das müssen sie sehr wohl, nur eben auf eine andere Art. Da alte Beziehungen in Gemeinden mit einer niedrigen Beziehungsmobilität schwierig zu ersetzen sind, müssen Personen dort ihre vorhandenen Beziehungen harmonisch aufrechterhalten. Deswegen sind Personen in Gemeinden mit einer geringen Beziehungsmobilität, verglichen mit jenen aus Gemeinden mit einer hohen Beziehungsmobilität, auch eher zurückhaltend mit dem Teilen persönlicher Informationen mit anderen, auch mit engen Freunden (Schug et al., 2010). Wohnen Sie also in einer Gegend mit geringer Beziehungsmobilität oder planen dies, sollten sie sich die Offenbarung ihrer tiefsten Geheimnisse besser noch einmal überlegen. Es könnte in Ihrem Interesse sein, genau abzuwägen, welche Informationen Sie anderen, auch Ihren engsten Vertrauten, offenbaren.

Eigenschaften des eigenen sozialen Netzwerks

Bevorzugen Sie einige wenige, enge Freundschaften oder einen großen Bekanntenkreis mit weniger tiefgründigen Beziehungen? Menschen, die wenige, enge Freundschaften bevorzugen, bauen eher enge, tiefgründige Freundeskreise auf. Im Gegensatz dazu bilden Personen, die einen größeren Bekanntenkreis bevorzugen, eher breite, oberflächliche soziale Netzwerke. Laut Oishi und Kesebir (2012) kann einem die Art des sozialen Netzwerks einen psychologischen Vor- oder Nachteil verschaffen. Das hängt von der Wohnmobilität der Gemeinde und den vorherrschen sozioökonomischen Bedingungen ab. So berichten AmerikanerInnen mit eher eng umgrenzten und tiefgründigen sozialen Netzwerken in eher sesshaften und ökonomisch benachteiligten Wohngegenden ein höheres subjektives Wohlbefinden als AmerikanerInnen mit einem eher breitem, weniger tiefgründigen sozialen Netzwerk. In eher sesshaften und wohlhabenderen Gemeinden und in Gebieten mit hoher Wohnmobilität im Allgemeinen, zeigten hingegen Personen mit einem breiten, weniger tiefengründigen soziale Netzwerk ein gesteigertes subjektives Wohlbefinden.

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