Ist das noch gut oder kann das weg? Die Umweltpsychologie erklärt den Wegwerftrend

  1. Das Erhalten von Geräten einfacher gestalten als den Neukauf.
    Die relativen Verhaltenskosten von lebensdauererhaltenden Handlung sind ein wichtiger Faktor: Wie lassen sich beispielsweise Reparatur, Wartung oder Pflege von Gegenständen so fördern, dass diese Handlungen einfacher werden als ein Neukauf? Wie kann das praktische Wissen so gefördert werden, dass Menschen erst einmal versuchen, ein zu langsam reagierendes Smartphone selbst wieder funktionstüchtig zu bekommen, anstatt gleich nach einem Neugerät zu googlen? Oft reichen basale Kenntnisse, wie zum Beispiel zur Nutzung von Clouds anstelle des lokalen Speicher aus, um die Funktionstüchtigkeit digitaler Geräte wiederherzustellen.
  2. Die Rolle des passiv Konsumierenden überwinden.
    Die aktuellen Angebotsstrukturen weisen den Menschen vor allem die Rolle von passiven Konsumierenden zu: Sie sollen vor allem kaufen und den Gegenstand konsumieren im Sinne von verbrauchen, damit möglichst schnell ein Neukauf zustande kommt. Ein neues Selbstbild von KonsumentInnen kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten. Kompetente NutzerInnen, die ihren Gegenstand gut kennen und wissen, was er „braucht“, um länger zu leben, sind ProsumentInnen (Kotler, 1986). Sie beteiligen sich aktiv an der (Wieder)Herstellung des Gegenstands. Die Kampagne der sogenannten Repair-Bewegung pocht beispielsweise auf das „Recht auf Reparatur“ und versucht in Projekten wie Reparieren macht Schule, das Reparaturwissen bereits bei Kindern zu fördern.
  3. Neben der Rolle von Kontexten ist auch die Ebene der Werte und Normen relevant: Was kann dem Reiz des Neuen und der sozialen Erwünschtheit von Neukäufen entgegengesetzt werden? Hier kann ein Studium solcher Beispiele interessante Hinweise geben, bei denen Gegenstände erst mit dem Alter und durch die Nutzung attraktiv werden. Was macht ein Kleidungsstück zu einem immerwährenden Lieblingsteil, das stets geflickt wird? Die emotionale Bindung an Gegenstände wird in der Werbung eher als Verkaufsargument genutzt, in Nachhaltigkeitskampagnen aber noch zu wenig.

Die Berücksichtigung dieser Ansätze kann helfen, die Nutzungsdauer von Gebrauchsgegenständen zu verlängern, Neukäufe zu reduzieren und dadurch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks zu leisten.

Literaturverzeichnis

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Bildquellen

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Bild 2: pxfuel.com (https://www.pxfuel.com/en/free-photo-jdjom, Lizenz: https://www.pxfuel.com/terms-of-use).

Bild 3: Anton Schäfer (Repara/ku/tur, https://www.tu-berlin.de/ztg/menue/team/studma/schaefer_anton/).

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