Ist das wirklich schon wieder zehn Jahre her? Die Veränderung der Zeitwahrnehmung über die Lebensspanne

5. Zum-ersten-mal-Erlebnisse versus Routinen

Mit fortschreitendem Alter passiert aber auch noch etwas anderes, das Auswirkungen auf retrospektive Zeitschätzungen haben kann: die Entwicklung von Routinen. Schon bei unserer Geburt sind wir darauf vorbereitet, dass wir ein Leben lang lernen werden. Ob wir dies wollen und bemerken oder nicht, spielt dabei kaum eine Rolle. Eine wichtige Form des Lernens ist die Bildung kognitiver Schemata, wobei Einzelelemente von Erlebnissen zu einer Einheit zusammengefasst werden. Beispielsweise wird ein Kind, das zum ersten Mal einen Zahnarztbesuch erlebt, bereits nach wenigen Wiederholungen die Patientenanmeldung, das Sitzen im Wartezimmer, das Betreten des Arztzimmers usw. zur Gedächtniseinheit ‚Zahnarztbesuch‘ zusammenfassen. Aus vielen einzelnen Elementen werden im Laufe des Lebens aufgrund von Lernerfahrungen immer weniger. Diese Art des Lernens ermöglicht uns einerseits eine ökonomischere (gedächtniskapazitätssparende) Abspeicherung der erlebten Situationen und andererseits eine schnellere Verarbeitung und somit eine bessere Vorbereitung auf ähnliche Situationen, die uns in der Zukunft erwarten. Für das Zeitempfinden könnte dies bedeuten, dass die erlebte Zeitspanne auf Basis einer geringeren Anzahl an Gedächtnisinhalten rekonstruiert werden kann und somit als kürzer wahrgenommen wird. Entsprechende Ergebnisse erhielten Boltz, Kupperman und Dunne (1998), die Probanden eine Aufgabe durch wiederholtes Ausführen lernen ließen (das Aufbauen eines Modellautos oder die Benutzung eines Computerprogramms). Nach jedem Durchgang sollten die Probanden beurteilen, wie viel Zeit die Ausführung der jeweiligen Aufgaben in Anspruch genommen hatte. Während die Zeitdauer des ersten Durchgangs durchschnittlich überschätzt wurde, kam es später (nach dem fünften Durchgang), wenn bereits ein entsprechendes kognitives Schema gebildet wurde, eher zur Unterschätzung der Dauer. Es zeigt sich somit, dass, je besser erlernt bzw. je routinierter unsere Tätigkeiten sind, desto schneller scheint für uns die Zeit zu vergehen, die wir mit der Ausführung dieser Tätigkeiten verbringen. Häufig ist dies zwar auch objektiv so, das heißt, Routinen führen dazu, dass unser Handeln effektiver und schneller wird, aber selbst wenn wir uns gleich lang mit Routinetätigkeiten bzw. mit Aufgaben, die für uns neu sind, beschäftigen, neigen wir dazu, die Dauer der Routinetätigkeiten als kürzer einzuschätzen. Auch Avni-Babad und Ritov (2003) fanden anhand ganz unterschiedlicher Situationen (Aufgaben, die Probanden im Forschungslabor ausführten, aber auch im Rahmen von Feldstudien an einem Urlaubsort bzw. im Kibbuz) und unabhängig vom Lebensalter der Probanden, dass Zeit, die in Routinen verbracht wird, retrospektiv als kürzer wahrgenommen wird.

Während sich in jungen Jahren der Lebenskontext noch häufig ändert, wenn man beispielsweise in eine neue Stadt zieht oder an einer neuen Arbeitsstelle zu arbeiten beginnt, gewinnen die Lebensumstände mit zunehmendem Alter an Stabilität, d.h. Partner, Lebensort, Beruf und Freundeskreis werden sich weniger stark verändern. Im Verlauf des Lebens entstehen immer mehr Routinen, die unser Handeln immer effektiver werden lassen. Dieser zunehmende Automatismus beschleunigt unsere subjektive Lebenszeit. Die Wahrscheinlichkeit, etwas zum ersten Mal zu erleben, wird einerseits aufgrund vorausgehender Lernerfahrungen zwangsläufig immer geringer, andererseits sorgt die zunehmende Stabilität im Leben vieler Menschen dafür, dass mit geringerer Wahrscheinlichkeit völlig neue Lebensumstände auftreten.

Die Zeitwahrnehmung im hohen Lebensalter

Wir haben die fünf wichtigsten Erklärungsansätze für das Phänomen der subjektiv immer schneller vergehenden Lebenszeit betrachtet. Alle Erklärungen wirken auf den ersten Blick plausibel – und von einigen hat man schon häufiger hören oder lesen können. Nach genauer Betrachtung scheinen vor allem die beiden letzten Ansätze wirkliche Erklärungen für die beschleunigte Zeitwahrnehmung zu liefern. Die Veränderung des zeitbezogenen Gedächtnisses mit dem Lebensalter ist noch nicht abschließend erforscht, spielt aber vermutlich eine wichtige Rolle bei der Erklärung des Phänomens. Die wichtigste Erklärung dürften aber die im Lebensverlauf zunehmenden Routinen sein, durch die wiederholte Erlebnisse schlechter differenzierbar und erinnerbar werden. Routinen scheinen unsere Lebenszeit zu verkürzen. Bedeutet dies nun, dass man, um die Lebenszeit subjektiv zu verlängern, aus den Routinen ausbrechen und häufiger Neues erleben sollte? Vermutlich schon. Aber in welchem Maße ist dies möglich und sinnvoll? Aus den Routinen des Alltags auszubrechen, ist vielleicht erstrebenswert, dürfte jedoch unter anderem aufgrund der Menge der im Lebensverlauf angesammelten Lernerfahrungen nur in Grenzen möglich sein, und geht zu Lasten der Effektivität im Alltag.

Positiv bleibt zu bemerken, dass das immer schneller werdende Zeitempfinden auch als ein Zeichen psychischer Gesundheit betrachtet werden kann. Kommt einem die Zeit im hohen Lebensalter wieder lang vor, kann dies auf eher ungünstige psychische Prozesse (wie Depression, Sinn-Verlust, externales Kontrollerleben und körperliche Beschwerden) hindeuten. In einer Untersuchung an knapp 300 Senioren im Alter von 62 bis 94 Jahren, die entweder in Heimen untergebracht waren oder in Wohngruppen bzw. eigenen Wohnungen lebten, wurde gezeigt, dass die Wahrnehmung eines schnelleren Zeitvergehens assoziiert war mit mehr Lebenszufriedenheit, einer stärkeren eigenen Kontrollüberzeugung, einem stärkeren Sinn-Erleben und geringeren Depressivitätswerten (Baum, Boxley und Sokolowski, 1984). Dies war unabhängig davon, ob die Personen in Heimen oder privat untergebracht waren. Unterschiede wurden jedoch gefunden zwischen Gruppen älterer Menschen, die Seniorenklubs angehörten und dadurch eine stärkere Gruppeneinbindung sowie einen höheren Aktivitätsgrad erlebten und Personen, bei denen dies nicht der Fall war. Für Letztere schien die Zeit langsamer zu vergehen. Da es sich bei dieser Untersuchung um eine Korrelationsstudie handelt, ist nicht eindeutig erklärbar, was genau die Ursache der wieder verlangsamten Zeitwahrnehmung bei einem Teil der älteren Menschen war. Eindeutig war jedoch der Zusammenhang zwischen einem negativen psychischen Befinden und der verlangsamten Zeitwahrnehmung. Vermutlich verhindert die soziale Aktivierung älterer Menschen negatives psychisches Befinden, wie Depression oder das Gefühl von Einsamkeit, und bewirkt damit, dass die Zeit bei älteren Menschen in der normalen beschleunigten Art zu vergehen scheint.

Was sollte man also tun, wenn man älter wird und die Zeit immer schneller zu vergehen scheint? Am besten ist es vermutlich, jede Minute des Lebens so gut wie möglich zu nutzen, um glücklich zu sein, und zu versuchen, häufig etwas Neues zu erleben und die vertraute Welt mit anderen Augen zu sehen. Wenn das nicht möglich ist (und es wird oft nicht möglich sein), sollte man sich nicht über die zunehmende Geschwindigkeit der Zeit ärgern sondern sie als Zeichen dafür betrachten, dass es einem gut geht und als nützlichen Hinweis, die verbleibende Zeit gut zu nutzen.

Literaturverzeichnis

  • Avni-Babad, D., & Ritov, I. (2003). Routine and the perception of time. Journal of Experimental Psychology: General, 132(4), 543-550.
  • Baum, S. K., Boxley, R. L., & Sokolowski, M. (1984). Time perception and psychological well-being in the elderly. Psychiatric Quarterly, 56(1), 54-61.
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