Ist der Sehsinn unser wichtigster Sinn? Nachdenken über die Dominanz des Visuellen

Die historisch-kulturelle Perspektive: Vom Leben in einer visuellen Gesellschaft

Wirft man einen Blick in die europäische Geistesgeschichte, so stellt man fest, dass der Sehsinn schon bei Platon und Aristoteles den Spitzenplatz in der Hierarchie der Sinne einnimmt (für einen geschichtlichen Überblick siehe Jütte, 2005). Thront das Bild 2: Aristoteles (384-322 v.Chr.): Einer der ersten abendländischen Philosophen, der die Bedeutung des Sehsinns herausstellt – der aber auch die Wichtigkeit des Tastsinns erkennt.Bild 2: Aristoteles (384-322 v.Chr.): Einer der ersten abendländischen Philosophen, der die Bedeutung des Sehsinns herausstellt – der aber auch die Wichtigkeit des Tastsinns erkennt. Sehen also doch unangefochten über allen anderen Sinnen? Nicht ganz. Schon die aristotelische Hierarchie ist auf den zweiten Blick weniger strikt, als es zunächst den Anschein haben mag. Zwar stellt Aristoteles den Sehsinn über alle anderen Sinne. Gleichzeitig aber hält er den Tastsinn für den grundlegendsten aller Sinne und argumentiert, dass es ohne den Tastsinn auch keinen der anderen Sinne geben könnte (vgl. Jütte, 2005). Und auch jenseits der Philosophie des Aristoteles gibt es einige interessante Beobachtungen, die das scheinbar klare Bild weiter verwischen.

In einer vor wenigen Jahren veröffentlichten Studie (Majid et al., 2018) wurde die Hierarchie der Sinne in zwanzig verschiedenen Sprachen untersucht. Für ihre Untersuchung kreierten die AutorInnen Stimulusmaterial für jeden der fünf Sinne und baten die Versuchspersonen, dieses Material verbal zu beschreiben (Welche Farbe hat dieses Objekt? Was ist das für ein Geräusch?), um herauszufinden, wie detailliert die verschiedenen Stimuli in der jeweiligen Sprache kodiert werden. Es könnte zum Beispiel sein, so die Idee, dass manche Sprachen über ein sehr begrenztes Vokabular zur Beschreibung von Geschmacksempfindungen verfügen (z. B. ‚süß‘, ‚bitter‘), während andere Sprachen nuanciertere Begriffe kennen (z. B. ein spezifisches Wort für ‚zunächst-süß-aber-auch-ein-wenig-bitter-wenn-man-es-lange-genug-kaut‘). Interessanterweise zeigte sich über die verschiedenen Sprachen hinweg keine universell gültige Sinneshierarchie. In manchen Sprachen, wie etwa dem Englischen, steht zwar das Sehen ganz oben, in anderen Sprachen jedoch nicht. Türkisch und Farsi priorisieren beispielsweise das Schmecken. Und in Dogul Dom, das in Mali, sowie Siwu, das in Ghana gesprochen wird, rangiert das Tasten an der Spitze. Diese Befunde sind insbesondere deshalb interessant, weil die AutorInnen davon ausgehen, dass sich sprachliche Differenzierungen nicht zufällig, sondern aus den kommunikativen Bedürfnissen der SprecherInnen ergeben (siehe z. B. Barlow & Kemmer, 2000). Wenn dem tatsächlich so sein sollte, würde der Grad an sprachlicher Differenzierung indirekt die Wichtigkeit widerspiegeln, die den fünf Sinnen in der jeweiligen Kultur beigemessen wird.

Aber nicht nur die kulturelle Varianz ist beachtlich, sondern auch die historische Varianz innerhalb unseren eigenen, westlich-modernen Gesellschaften. Zum einen finden sich Hinweise darauf, dass der Übergang von einer Kultur der mündlichen zu einer Kultur der schriftlichen Überlieferung sowie insbesondere auch die Gutenbergsche Erfindung des Buchdrucks das Visuelle im Verlauf der Jahrhunderte entscheidend aufgewertet haben (z. B. McLuhan, 1962). Zum anderen ist argumentiert worden, dass die Bedeutung des Visuellen insbesondere in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten noch einmal merklich zugenommen hat (vgl. z. B. Mirzoeff, 1999). Schon mit der Erfindung von Film, Kino und Fernsehen, spätestens aber mit der massenhaften Verbreitung von Computern, Tablets und Smartphones habe sich unsere Kultur endgültig zu einer Kultur des Sehens gemausert, in der visuelle Technologien unseren Alltag regieren und regulieren – so die Idee. Vor diesem Hintergrund erschiene es dann nur wenig erstaunlich, dass wir dem Sehen eine solch herausgehobene Bedeutung beimessen.

Die reiche Welt unserer fünf Sinne

Wie wir gesehen haben, unterliegt die Bedeutung, die unseren fünf Sinnen beigemessen wird, historischen und kulturellen Schwankungen. Welche Bedeutung die Sinne für uns haben, hängt nicht zuletzt auch davon ab, welche Bedeutung wir ihnen zuschreiben. Zumindest das Ausmaß der Dominanz des Visuellen ist also nicht ein für alle Mal in Stein gemeißelt, sondern ein Resultat der Lebensumwelt, in der wir uns tagtäglich bewegen. Diese Erkenntnis kann uns helfen, den Wert unserer nicht-visuellen Sinne neu zu entdecken. Sie erinnert uns daran, dass die Reichhaltigkeit unseres Lebens nicht zuletzt auch von der Reichhaltigkeit und Diversität unserer sinnlichen Wahrnehmung abhängt.Bild 3: Die fünf Sinne: Ein allegorisches Gemälde von Theodoor Rombouts (1597-1637). Von links nach rechts sind dargestellt das Sehen, das Hören, das Tasten, das Schmecken und das Riechen.Bild 3: Die fünf Sinne: Ein allegorisches Gemälde von Theodoor Rombouts (1597-1637). Von links nach rechts sind dargestellt das Sehen, das Hören, das Tasten, das Schmecken und das Riechen.

Um zu verstehen, dass das mehr ist als ein esoterischer Sinnspruch, müssen wir nur an die Zeit des Social Distancing während der Corona- Pandemie denken: Es ist schön, seine FreundInnen zumindest auf einem Computerbildschirm vor sich zu haben, wenn man sich schon nicht in einem Café mit ihnen treffen kann. Auf Dauer aber fehlt etwas. Es fehlen Umarmungen und körperliche Nähe, vielleicht auch der vertraute Geruch des geliebten Menschen und der Klang seines nicht von einer wackeligen Internetverbindung verzerrten Lachens – eben all das, was sich jenseits des Visuellen auch noch abspielt. Obgleich der Sehsinn für die meisten von uns also als der wichtigste Sinn erscheinen mag, sollten wir uns hin und wieder klarmachen, dass wir froh sein können, über vier weitere Sinne und somit über einen facettenreichen Zugriff auf unsere Umwelt zu verfügen.

Bildquellen

Bild 1: Alexas_Fotos via Pixabay (https://pixabay.com/de/photos/nicht-h%C3%B6ren-nicht-sehen-2230770/, Lizenz:https://pixabay.com/de/service/license/).

Bild 2: Couleur via Pixabay (https://pixabay.com/de/photos/skulptur-bronze-figur-aristoteles-5397886/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/).

Bild 3: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theodoor_Rombouts_-_Les_Cinq_sen..., Lizenz: public domain:https://commons.wikimedia.org/wiki/Template:Cc-zero).

Literaturverzeichnis

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