Journalismus 2.0 – Wie die Kommentare und sozialen Informationen „der Anderen“ unsere Wahrnehmung von Online-Nachrichten beeinflussen

Effekte von Nutzerkommentaren auf die Wahrnehmung des Meinungsklimas

Systematische Beeinflussungen des Meinungsklimas durch Nutzerkommentare konnten Lee und Jang (2010) in ihrem Online-Experiment nachweisen. In der Experimentalgruppe wies der Artikel missbilligende Kommentare auf, die der neutralen Position des jeweiligen Nachrichtenartikels widersprachen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kontrollgruppe erhielten dagegen keine Nutzerkommentare. Die Ergebnisse belegten, dass die missbilligenden Nutzerkommentare die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer in ihrer Wahrnehmung des öffentlichen Meinungsklimas erheblich beeinflussten. Diese beurteilten im Vergleich zu Teilnehmerinnen und -teilnehmern der Kontrollgruppe das öffentliche Meinungsklima als deutlich zwiespältiger. Die Ergebnisse zeigten somit, dass Nutzerinnen und Nutzer die Meinungen der Anderen als Hinweis für einen Rückschluss auf das gesellschaftliche Meinungsklima nutzten, obwohl die Kommentare sehr einseitig und – wie in der genannten Studie zur Verpackung von Zigaretten (Freeman, 2011) – keineswegs repräsentativ für die tatsächliche Meinung in der Bevölkerung waren.

Einen ähnlichen Effekt konnten von Sikorski und Hänelt (2015) mithilfe eines Online-Experimentes nachweisen. Die Untersuchungsteilnehmerinnen und -teilnehmer lasen zunächst einen Nachrichtenartikel zu einem fiktiven Finanzskandal. Der SpiegelOnline-Artikel thematisierte die vermeintliche Verstrickung eines bisher erfolgreichen und unbescholtenen Finanzmanagers in den Skandalfall. Die Teilnehmerinnen und -teilnehmer wurden zufällig auf vier Gruppen verteilt und lasen den Artikel entweder mit entlastenden, belastenden, einer Mischung aus ent- und belastenden oder ohne Nutzerkommentare. Im Anschluss wurden sie unter anderem dazu befragt, wie sie das öffentliche Meinungsklima in Deutschland bezüglich des thematisierten Managers beurteilten. Entlastende Kommentare führten im Unterschied zu belastenden Kommentaren dazu, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Meinungsklima deutlich positiver wahrnahmen.

Effekte auf das Themenverständnis und Einstellungen bei Nutzern

Neben Effekten auf das wahrgenommene Meinungsklima zeigten weitere Ergebnisse außerdem, dass Nutzerkommentare das Themenverständnis sowie die Einstellungen von Rezipientinnen und Rezipienten beeinflussen können. Anderson et al. (2014) gingen in ihrer Studie davon aus, dass unhöfliche und beleidigende Kommentare, die in vielen Foren immer wieder nachzuweisen sind, einen Effekt auf die Informationsverarbeitung bei Nutzerinnen und Nutzern haben können. Tatsächlich konnten sie zeigen, dass unhöfliche Kommentare im Zusammenhang mit einem Artikel zum Thema „Nanotechnologie“ (Beispielkommentar: „Wer die Vorteile von Nanotechnologie-Produkten nicht erkennt, ist ein Idiot“) zu einer Verstärkung bereits existierender Einstellungen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern führte und zu einer Polarisierung der Meinungen beitrug. Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die unhöfliche Kommentare lasen und eine positive Voreinstellung zum Thema Nanotechnologie hatten, nahmen potenzielle Risiken durch die Technologie als geringer wahr als Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer, die entsprechend negative Voreinstellungen angaben. Interessant ist hierbei, dass die unterschiedlichen Risikowahrnehmungen unabhängig von den spezifischen Argumenten (z. B. für/gegen Nanotechnologie) der jeweiligen Kommentare zustande kamen. Ausgelöst durch die unhöflichen Nutzerbeiträge nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Autoren zur Folge entsprechende Urteilsheuristiken, die dann zu den genannten Effekten führten.

Weitere Untersuchungen sind der Frage nachgegangen, wie sich inhaltliche Aspekte, wie bestimmte, in Nutzerkommentaren enthaltene Argumente und Wertungen, auf Informationsverarbeitungsprozesse bei Nutzerinnen und Nutzern auswirken. Die bereits vorgestellte Untersuchung von Lee und Jang (2010) zeigte in diesem Zusammenhang, dass einseitige Nutzerkommentare, welche die Informationen von Nachrichtenartikeln anzweifelten (im Unterschied zu einer Kontrollgruppe ohne Kommentare), dazu führten, dass sich auch die Meinungen der Untersuchungsteilnehmerinnen und -teilnehmer stärker denen der anderen Nutzerinnen und Nutzern anglichen.

cc NoshaWie stark die Beiträge anderer anonymer Nutzerinnen und Nutzer das Verständnis von Nachrichten beeinflussen können, zeigte außerdem ein weiteres Ergebnis (von Sikorski, 2013). In der Studie (Experiment 2) lasen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zunächst einen identischen Nachrichtenartikel zu einem Finanzskandal; denselben Artikel wie in dem oben dargestellten Experiment (von Sikorski & Hänelt, 2015). Die Kommentierungen fokussierten dabei entweder auf die vermeintlichen Ursachen (Gruppe 1) oder die vermeintlichen Konsequenzen (Gruppe 2) des dargestellten Skandalfalls (Gruppe 3 diente als Kontrollgruppe). Im Anschluss wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, den dargestellten Fall knapp, sachlich und in schriftlicher Form so wiederzugeben, als wenn sie diesen einem Freund/Bekannten schildern würden. Für die beiden Experimentalgruppen zeigte sich, dass in 40 Prozent der Wiedergaben zentrale Elemente der jeweiligen Nutzerkommentierungen enthalten waren. Das Verständnis des Falls wurde somit systematisch durch die Ergänzungen anderer Nutzerinnen und Nutzer beeinflusst.

Fazit

Nachrichten erreichen uns heute zunehmend online. Im Unterschied zu klassischen Nachrichtenmedien (z. B. Tageszeitungen) enthalten Online-Artikel oftmals bereits Beurteilungen und Ergänzungen anderer Nutzerinnen und Nutzer, die uns in unserer Auswahl, Beurteilung sowie unserem Verständnis von Online-Nachrichten beeinflussen können. Solche Beeinflussungen stellen insbesondere dann ein Problem dar, wenn diejenigen, die sich online beteiligen, (extreme) Meinungen einseitig, emotional, faktisch fehlerhaft und in unhöflicher Weise äußern. Für Nutzerinnen und Nutzer von solchen sozial ergänzten Online-Nachrichten ergeben sich somit neue Herausforderungen. Eine bewusste und (medien)kompetente Nutzung von Informationen, die durch journalistische Laiinnen und Laien in einen Diskurs eingebracht werden, ist hierbei besonders hervorzuheben. Nur durch einen bewussten und kritischen Umgang mit den Meinungen der Anderen, können negative und unerwünschte Einflüsse verhindert werden. In Zeiten eines generellen Informationsüberangebotes können die Beiträge anderer Nutzerinnen und Nutzer aber auch positive Auswirkungen haben, uns bei der Auswahl von potenziell relevanten Nachrichtenartikeln unterstützen und uns neue Perspektiven und Sichtweisen auf Themen eröffnen.

Immer neue Formen von soLife of an online PR and social media agency in Bristol von Matthew Anderson via flickr (https://www.flickr.com/photos/montagecomms/4619016202/), cc (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/) zial ergänzter Online-Kommunikation werden in Zukunft entstehen. Wie reagieren wir, wenn uns Nachrichten in Zukunft noch stärker über soziale Netzwerke erreichen und nicht anonyme Nutzerinnen und Nutzer, sondern unsere Facebook-Freunde Nachrichtenartikel empfehlen, kommentieren und „liken“? Zukünftige Studien müssen die Effekte dieser spezifischen neuen Formen ergänzter Online-Kommunikation untersuchen und dabei unter anderem verstärkt ermitteln, ob Faktoren wie die Identifikation (Walther, DeAndrea, Kim & Anthony, 2010) mit bekannten oder unbekannten Anderen, die Online-Nachrichten mit Kommentaren oder soziale Informationen versehen, zu unterschiedlich starken Wirkungen führen.

Literaturverzeichnis

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von Sikorski, C. (2013, Mai). Online-Kommentierungen als Nachrichtenframes in der Skandalberichterstattung. Effekte auf Informationsverarbeitungsprozesse von Rezipienten. Präsentiert auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), Mainz.

von Sikorski, C. & Hänelt, M. (2015). Scandal 2.0: How valenced reader comments affect recipients’ perception of scandalized individuals and the journalistic quality of online news. Journalism and Mass Communication Quarterly.

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