Kinder des Schreckens – Was bedeutet ein traumatisches Erlebnis während der Schwangerschaft für das Kind?

Bild 4: KriegBild 4: KriegAuch wenn die Forschung vor Herausforderungen steht, wenn es darum geht herauszufinden, welche Folgen ein Trauma während der Schwangerschaft auf das ungeborene Kind haben kann, gibt es bereits einige Ergebnisse. Die Folgen beziehen sich auf Gesundheit und Entwicklung des Kindes sowohl vor der Geburt, als auch im langfristig im späteren Leben. Ein gemeinsames Ergebnis der Studien, die sich mit dem Thema beschäftigen, ist das verminderte Geburtsgewicht und die geringere Körpergröße. Babys, deren Mütter während der Schwangerschaft ein Trauma erlebt haben, haben bei der Geburt mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ein geringeres Geburtsgewicht und sind kleiner als Babys, deren Mütter keiner extremen Stressbelastung ausgesetzt waren. Xiong und KollegInnen (2008), die sich in ihrer Studie mit dem Hurricane Katrina beschäftigten, berichteten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Baby bei der Geburt unter 2500 Gramm wog, dreifach erhöht war, wenn die Mutter während der Schwangerschaft der Stressbelastung durch den Hurricane ausgesetzt war. ForscherInnen erklären dies damit, dass durch die Veränderungen im Körper der Mutter, wie zum Beispiel erhöhte Konzentration des Stresshormons Cortisol, das Umfeld in der Gebärmutter für das Baby nicht mehr optimal ist und es dadurch weniger gut wachsen kann (Golub et al., 2016). Auch die Entwicklung des Gehirns kann durch Traumata in der Schwangerschaft beeinflusst werden. Bereiche des Gehirns, die bei den untersuchten Babys weniger gut entwickelt waren, sind vor allem der präfrontale Cortex, der Hippocampus und die Amygdala. Diese Bereiche sind zuständig für die Steuerung des Verhaltens, für Emotionsregulation, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Angstempfinden und auch die Regulation der körperlichen Stressreaktion (Beijers et al., 2014). Außerdem haben Babys, deren Mütter ein Trauma erlebt haben, ein erhöhtes Risiko, zu früh geboren zu werden. Dies wird auch durch die erhöhte Cortisolkonzentration erklärt, die dazu führen kann, dass die Geburt früher eintritt. Cortisol spielt auch in normal verlaufenden Schwangerschaften eine große Rolle. Gegen Ende der Schwangerschaft wird vermehrt Cortisol produziert und damit eine Art biologische Kettenreaktion ausgelöst, die schlussendlich zur Geburt führt (Engel et al., 2005).

In manchen der Studien wurden die Kinder nicht nur direkt nach der Geburt untersucht, sondern auch noch einige Jahre später, um mögliche Langzeitfolgen zu erforschen. Dabei zeigte sich, dass Traumata in der Schwangerschaft das Risiko für einige psychische und körperliche Krankheiten erhöht. Vor allem Stoffwechselveränderungen wie Diabetes und Übergewicht scheinen öfter aufzutreten. Ein Erklärungsversuch besteht darin, dass der Organismus durch die weniger optimalen Bedingungen in der Gebärmutter darauf vorbereitet wird, Energiereserven möglichst gut zu verwerten und zu speichern und Stoffwechselvorgänge dementsprechend anpasst (Golub et al., 2016; King et al., 2012). Auch die Entwicklung des Immunsystems der Kinder wird durch die pränatale Stressbelastung beeinflusst. Einige Funktionen sind dadurch stärker, und andere schwächer ausgeprägt, als bei Kindern ohne Trauma in der Schwangerschaft. Beispielsweise scheint das Risiko für Asthma und Allergien erhöht zu sein. Die kann man durch ein überaktives Immunsystem erklären, das bereits vor der Geburt darauf vorbereitet wurde, Gefahren möglichst effektiv zu bekämpfen und somit dazu neigt, überzureagieren (King et al., 2012). In der sprachlichen und geistigen Entwicklung der Kinder kann es zu Verzögerungen und Einschränkungen kommen, die denen von Frühchen ähneln. Es wird angenommen, dass dies an Defiziten in der Gehirnentwicklung liegt (King et al., 2012). Außerdem leiden Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft ein Trauma erlebten, später häufiger an ADHS, affektiven psychischen Störungen, wie zum Beispiel Depressionen, und Verhaltensauffälligkeiten. Auch hier kann die veränderte Gehirnentwicklung eine Erklärung liefern, bei der möglicherweise die Aufnahme bestimmter Botenstoffe im Gehirn schlechter funktioniert (Engel et al., 2005; Huizink et al., 2007; King et al., 2012). Da die körperliche Stressreaktion der Mutter eine sehr wichtige Rolle spielt, liegt es nahe, dass die Stressreaktion auch bei den Kindern verändert sein könnte. Eine Studie, die genau dies untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass vor allem Mädchen stärker auf Stresssituationen reagieren, also mehr Cortisol ausschütten (Yong Ping et al., 2015).Bild 5: Mutter mit BabyBild 5: Mutter mit Baby

Erlebnisse, wie sie der jungen Mutter aus dem Eingangsbeispiel widerfahren sind, können in der Schwangerschaft also durchaus großen Einfluss auf das ungeborene Kind haben. Auch wenn dieses die Ereignisse nicht bewusst miterlebt, bekommt es auf biologischer Ebene eine Menge mit von dem, was die Mutter durchmacht. Die Folgen können langfristig gesundheitlich und psychisch zu spüren sein und entstehen durch den körperlichen Ausnahmezustand, in dem sich die Mutter bei und nach einem traumatischen Erlebnis befindet. Das sich entwickelnde Kind befindet sich schon vor der Geburt in einer Umgebung, die nicht so optimal für die Entwicklung ist, wie sie ohne die extreme Stressbelastung wäre. Dadurch wird der Organismus darauf vorbereitet, sich auch nach der Geburt in einer potentiell gefährlichen Umgebung zu beweisen, was bestimmte Anpassungen mit sich bringt. Da die Umgebung letztendlich nicht in diesem Sinne gefährlich ist, sind diese Veränderungen eher Fehlanpassungen und haben im Endeffekt negative Folgen.

Wichtig zu beachten ist allerdings, dass trotz der Vielzahl möglicher Auswirkungen nicht jede in jedem Fall auftritt. Genauso wie traumatische Erlebnisse individuell sind, sind auch die psychischen und biologischen Reaktionen darauf individuell und somit auch die Auswirkungen auf ein ungeborenes Kind. Die Befunde aus den Studien beschreiben immer eine Gruppe an Personen und nie einen Einzelfall. Neben dem Trauma an sich spielen noch viele weitere Dinge eine Rolle. So gibt es Unterschiede je nach Zeitpunkt in der Schwangerschaft, zu dem das Trauma erlebt wurde, auch das Geschlecht des Kindes spielt eine Rolle. Wie anhand der Probleme, vor denen die Forschung zu diesem Thema steht, bereits deutlich wurde, liefern die Studien zwar erste Anhaltspunkte, aber keinesfalls endgültige Fakten und auch die Wirkmechanismen sind bei Weitem nicht abschließend erforscht. Man sollte auch immer im Hinterkopf behalten, dass nicht nur die biologischen Veränderungen während der Schwangerschaft Auswirkungen auf das Kind haben können, sondern auch jegliche Erfahrungen des Kindes nach der Geburt. Ein Trauma kann für die Mutter lange belastend sein, was sich auch im Umgang mit dem Kind äußern kann (Golub et al., 2016). In den Studien, die langfristige Effekte betrachten, lassen sich diese Einflüsse kaum von den Faktoren trennen, die wirklich während der Schwangerschaft auf das ungeborene Kind eingewirkt haben. Außerdem gibt es neben Risikofaktoren auch immer schützende Faktoren, welche die Folgen negativer Ereignisse abmildern können. Es gibt also neben Kindern, die mehrere Folgeerscheinungen zeigen, höchstwahrscheinlich auch Kinder, die überhaupt keine Folgen davontragen.

Da Traumatisierung (nicht nur) während der Schwangerschaft hohe thematische Relevanz besitzt, sollte man trotz allem berücksichtigen, dass die Folgen sehr weitreichend sein können, nicht nur für die direkt Betroffenen. Wenn nun der kleine Sohn der syrischen Mutter in der Schule auffällig werden sollte, könnte es einen Gedanken wert sein, bei der Suche nach Gründen die Erlebnisse der Mutter während der Schwangerschaft mit in Betracht zu ziehen und besonders aufmerksam zu sein, um bestimmte Probleme angehen zu können, bevor sie zu schwer wiegen.

Literaturverzeichnis

Beijers, R., Buitelaar, J. K., & de Weerth, C. (2014). Mechanisms underlying the effects of prenatal psychosocial stress on child outcomes: Beyond the HPA axis. European Journal of Child and Adolescent Psychiatry, 23, 943–956. https://doi.org/10.1007/s00787-014-0566-3

Engel, S. M., Berkowitz, G. S., Wolff, M. S., & Yehuda, R. (2005). Psychological trauma associated with the World Trade Center attacks and its effect on pregnancy outcome. Paediatric and Perinatal Epidemiology, 19, 334–341.

Golub, Y., Canneva, F., Funke, R., Frey, S., Distler, J., von Hörsten, S., Freitag, C. M., Kratz, O., Moll, G. H., & Solati, J. (2016). Effects of in utero environment and maternal behavior on neuroendocrine and behavioral alterations in a mouse model of prenatal Trauma. Developmental Neurobiology, 76, 1254–1265. https://doi.org/10.1002/dneu.22387

Huizink, A. C., Dick, D. M., Sihvola, E., Pulkkinen, L., Rose, R. J., & Kaprio, J. (2007). Chernobyl exposure as stressor during pregnancy and behaviour in adolescent offspring. Acta Psychiatrica Scandinavica, 116, 438–446. https://doi.org/10.1111/j.1600-0447.2007.01050.x

King, S., Dancause, K., Turcotte-Tremblay, A.-M., Veru, F., & Laplante, D. P. (2012). Using natural disasters to study the effects of prenatal maternal stress on child health and development. Birth Defects Research, 96, 273–288. https://doi.org/10.1002/bdrc.21026

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