Lügen, betrügen und trotzdem mit sich selbst zufrieden sein? Der Selbstwert unter der Lupe

Die Terror Management Theorie (Solomon et al., 1991) nimmt an, dass der Selbstwert widerspiegelt, wie gut wir kulturelle Normen erfüllen. Wer kulturelle Normen erfüllt, ist wiederum eine gute und wertgeschätzte Person. Interessant ist, dass weltweit kommunale Normen und Werte von Personen wichtiger eingeschätzt werden als agentische (Paulhus & Trapnell, 2008; Schwartz & Bardi, 2001). Wer also kommunal ist und beispielsweise anderen Menschen hilft, so wie Bea, und damit die kulturelle Norm der Hilfsbereitschaft erfüllt, sollte nach der Terror Management-Theorie einen positiven Selbstwert haben.

Wenn es also weit verbreitete Theorien gibt, welche einen bedeutsamen Zusammenhang zwischen dem kommunalen Selbstkonzept und dem Selbstwert annehmen lassen und auch Studien aus anderen Forschungsbereichen, welche diese Theorien stützen (z. B. Reitz et al., 2016), wieso finden wir diesen Zusammenhang dann nicht in dem beschriebenen Forschungszweig? Vielleicht sollten wir Agency, Communion und den Selbstwert einmal genauer unter die Lupe nehmen, um die Zusammenhänge bis ins Detail zu verstehen und nichts zu übersehen.

Unter der Lupe I: Die Facetten von Agency und Communion

Zwar ist eine Aufteilung aller Eigenschaften in nur zwei Basisdimensionen sehr elegant, aber für manche Forschungsfragen vielleicht zu sparsam. Denn die Basisdimensionen lassen sich jeweils in zwei Facetten unterteilen (Abele et al., 2016; siehe Bild 2: Selbstwert.Bild 2: Selbstwert.Abbildung 2). Agency beinhaltet die Facetten Kompetenz und Durchsetzungsfähigkeit. Denn das erfolgreiche Erreichen von Zielen erfordert sowohl die nötigen Fähigkeiten ( Kompetenz) als auch Motivation und Durchhaltevermögen (Durchsetzungsfähigkeit). Der sozioökonomische Status einer Person hängt beispielsweise stärker mit ihrer Durchsetzungsfähigkeit als mit ihrer Kompetenz zusammen. Communion umfasst die Facetten Warmherzigkeit und Moralität. Denn das Schließen und Aufrechterhalten von sozialen Beziehungen verlangt fürsorgliches Verhalten (Warmherzigkeit) und vertrauenswürdiges Verhalten (Moralität). Für die Bewertung von anderen Personen ist die Moralität dieser noch wichtiger als ihre Warmherzigkeit.

Unter der Lupe II: Die Komponenten des Selbstwerts

Die bisherige Forschung zum Zusammenhang von Agency und Communion mit dem Selbstwert hat sich auf den personalen Selbstwert konzentriert. Dieser basiert allgemein auf den individuellen Eigenschaften einer Person. Dieser personale Selbstwert wurde in den bisherigen Studien zudem meist als globales, d. h. allgemeines, Konstrukt erfasst. Doch er setzt sich bei genauerer Betrachtung aus verschiedenen Komponenten zusammen (Heatherton & Polivy, 1991; siehe Abbildung 3): Der Bild 3: Selbstwert.Bild 3: Selbstwert.leistungsbezogene Selbstwert basiert auf der Überzeugung in Ausbildung und Beruf leistungsfähig zu sein. Er wird mittels der Zustimmung zu Aussagen wie „Ich bin frustriert oder durcheinander aufgrund meiner Leistung“ gemessen. Der soziale Selbstwert basiert auf Selbstsicherheit in sozialen Situationen und darauf, wie gut man mit Kritik umgehen kann (Beispiel-Aussage: „Ich mache mir Sorgen wegen des Eindrucks, den ich mache.“). Der physische Selbstwert basiert auf körperlicher Attraktivität und körperlichen Fähigkeiten (Beispiel-Aussage: „Ich bin mit meinem Äußeren zufrieden.“). Neben dem personalen Selbstwert gibt es unter anderem aber auch noch den relationalen Selbstwert (Du et al., 2012). Dieser basiert auf Beziehungen zu wichtigen anderen, wie Familienmitgliedern und engen FreundInnen, und spiegelt den Wert wieder, den man aus seinen Beziehungen für die eigene Person ziehen kann (Beispiel-Aussage: „Insgesamt genießt mein Freundeskreis bei anderen gutes Ansehen.“).

Da die Begriffe „sozial“ und „relational“ leicht verwechselt werden können: Der soziale Selbstwert bezieht sich auf soziale Situationen wie einen Vortrag vor einer Gruppe zu halten und spiegelt wider, wie selbstsicher man sich dabei fühlt. Beim relationalen Selbstwert geht es hingegen wirklich um das, was wir intuitiv unter „sozial“ verstehen würden und spiegelt wider, welchen Wert wir aus unseren Beziehungen beispielsweise zu unseren FreundInnen für uns ziehen können.

Unter der Lupe III: Welche agentischen und kommunalen Facetten sind nun wichtig für welche Komponenten des Selbstwertes?

Um diese Frage klären zu können, haben wir ein Forschungsprojekt mit insgesamt 2.357 TeilnehmerInnen aus sechs Ländern (Deutschland, Frankreich, Polen, Australien, USA, China) durchgeführt (Abele et al., 2016; Hauke & Abele, 2020). Jede Person hat dabei einen Fragebogen ausgefüllt, in dem sie sich erst selbst bezüglich 20 agentischer und kommunaler Eigenschaften einschätzen sollte. Danach gaben die Personen anhand verschiedener Skalen (Beispiel-Aussagen siehe oben) ihren globalen personalen Selbstwert, dessen leistungsbezogene, soziale und physische Komponenten sowie ihren relationalen Selbstwert an. Diese Werte setzten wir dann statistisch miteinander in Bezug.

Unsere Ergebnisse bezüglich des globalen personalen Selbstwertes konnten die Ergebnisse aus früheren Studien bestätigen: Je agentischer sich eine Person einschätzt, desto höher ist ihr globaler personaler Selbstwert. Dieses Ergebnis konnten wir aber auch spezifizieren: Vor allem je durchsetzungsfähiger sich eine Person einschätzt, desto höher ist ihr globaler personaler Selbstwert. Dieses Ergebnis ist nicht verwunderlich: Der Selbstwert einer Person ist eng mit ihrem sozioökonomischen Status verknüpft und der Status hängt am stärksten von der Durchsetzungsfähigkeit ab. Zusätzlich fanden wir heraus, dass die agentische Facette Durchsetzungsfähigkeit nicht nur ausschlaggebend für den globalen personalen Selbstwert ist, sondern auch für dessen Komponenten, also für den leistungsbezogenen, sozialen und physischen Selbstwert. Die agentische Facette Kompetenz ist zudem auch noch wichtig für den leistungsbezogenen Selbstwert. Dies war zu erwarten, da Kompetenz zu guter Leistung führt. Beide kommunalen Facetten zeigten dagegen auch in unserer Forschung keinen Zusammenhang zum personalen Selbstwert. Ist es also wirklich so, dass Anna sich immer als wertvollere Person betrachtet als Bea?