Mitgehangen – mitgefangen? Wie sich Suchtprobleme auf Angehörige auswirken

Haben Sie schon einmal bei der Begrüßung Ihres Partners die Sorge gehabt, dass dieser wieder nach Alkohol riecht? Oder haben Sie sich schon einmal dabei ertappt, wie Sie das Zimmer Ihres Kindes heimlich nach Tütchen mit Cannabis durchsuchen? Wenn Sie sich in diesen Beschreibungen wiederfinden, dann gehören vielleicht auch Sie zu den mehreren Millionen Menschen in Deutschland, die als Angehörige vom problematischen Substanzkonsum eines Familienmitglieds mitbetroffen sind. Möglicherweise haben Sie ähnliche Geschichten auch schon einmal im Freundes- oder Bekanntenkreis gehört und sich die Frage gestellt, welche Auswirkungen eine Suchtproblematik eigentlich auf die Familien der Betroffenen hat und wie diese damit umgehen können. Der folgende Artikel stellt den aktuellen Forschungsstand zur Lebenssituation und zu Unterstützungsbedarfen bei diesen Angehörigen dar. 

Symbolhafte Darstellung einer Angehörigen. Foto: geralt via Pixabay (https://pixabay.com/de/illustrations/frau-verzweiflung-alkohol-flasche-3319541/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/).Symbolhafte Darstellung einer Angehörigen. Foto: geralt via Pixabay (https://pixabay.com/de/illustrations/frau-verzweiflung-alkohol-flasche-3319541/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/).

Der übermäßige Konsum von Alkohol und illegalen Drogen kennt viele Gesichter und Geschichten und etliche davon entsprechen nicht den Bildern, die bei dem Begriff „alkoholabhängig“ als erstes in den Sinn kommen. Vielmehr versuchen Menschen mit einem problematischen Substanzkonsum häufig, diesen vor ihrer Umgebung zu verbergen und möglichst unauffällige Eltern, Partner, Freunde oder ArbeitskollegInnen zu sein. Die Ergebnisse des aktuellsten Epidemiologischen Suchtsurveys von 2015 (Gomes de Matos, Atzendorf, Kraus & Piontek, 2016) zeigen anhand einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe zwischen 18 und 64 Jahren, dass ein problematischer Substanzkonsum in Deutschland nach wie vor weit verbreitet ist. In der Studie finden sich bei ca. 28,3 % der männlichen und 9,6 % der weiblichen Befragten Hinweise auf einen problematischen Alkoholkonsum. Problematischer Alkoholkonsum wurde dabei anhand des Alcohol Use Disorder Identification Tests (AUDIT), einem weltweit eingesetzten Screening-Instrument für alkoholbezogene Störungen erfasst. Liegt eine Person über einem bestimmten Punktwert (in den meisten Studien ist das ein Punktwert von 8), besteht ein erhöhtes Risiko eine Alkoholabhängigkeit oder alkoholbedingte Folgeerkrankungen zu entwickeln. Rechnet man diese Prozentzahlen auf die deutsche Gesamtbevölkerung hoch, so betrifft dieser so definierte problematische Alkoholkonsum rund 7,28 Millionen Männer und 2,43 Millionen Frauen zwischen 18 und 64 Jahren. In der gleichen Umfrage wurde mithilfe der Severity of Dependence Scale (einem Screening-Instrument für die Schwere einer Abhängigkeitsproblematik) herausgefunden, dass ca. 1,4 % der Männer und 1 % der Frauen Cannabis in einem klinisch relevanten Ausmaß konsumieren (das sind hochgerechnet auf die Bevölkerung Deutschlands etwa 550.000 Personen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren). Bezieht man diese Zahlen nun auf Angehörige, die von dem problematischen Konsum mehr oder weniger mitbetroffen sind, ist dementsprechend von einer noch höheren Zahl an betroffenen Angehörigen auszugehen. Anders als für Betroffene selbst liegen in Deutschland zu Angehörigen von Suchterkrankten keine bevölkerungsrepräsentativen Studien vor. Es wird aber davon ausgegangen, dass es etwa 10 Millionen Angehörige von Menschen mit problematischem Substanzkonsum in Viele Menschen sind Angehörige einer Person mit problematischem Substanzkonsum. Foto: geralt via Pixabay (https://pixabay.com/de/illustrations/menschenmenge-menschen-silhouetten-2045499/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/).Viele Menschen sind Angehörige einer Person mit problematischem Substanzkonsum. Foto: geralt via Pixabay (https://pixabay.com/de/illustrations/menschenmenge-menschen-silhouetten-2045499/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/).Deutschland gibt (Berndt, Bischof, Besser, Rumpf & Bischof, 2017). Dies bedeutet, dass etwa eine/r von acht EinwohnerInnen in Deutschland davon betroffen ist. Angesichts dieser hohen Zahl ist es bedenklich, dass das Thema „Angehörige von Menschen mit problematischem Substanzkonsum“ bislang noch so wenig öffentlich und professionell adressiert wird. Insbesondere da dies nicht für alle Angehörigengruppen von chronisch erkrankten Personen der Fall ist. Pflegende Angehörige von Demenzerkrankten beispielsweise sind in den letzten 10 Jahren sowohl in der Forschung als auch in der Versorgung und öffentlichen Wahrnehmung zunehmend in den Fokus gerückt (z. B. Schwerpunktprogramme des Bundesministeriums für Gesundheit zu Demenz).

Die (schwierige) Lebenssituation Angehöriger von Menschen mit problematischem Substanzkonsum wurde in einigen Forschungsarbeiten bereits näher betrachtet. So zeigt sich, dass diese Angehörigen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung über eine stärkere psychische und physische Belastung sowie über eine geminderte Lebensqualität berichten (Hofheinz & Soellner, 2018; Orford, Velleman, Natera, Templeton & Copello, 2013; Soellner & Hofheinz, 2017). Weiterhin ergaben sich bei Angehörigen im Vergleich zu einer nicht belasteten Kontrollgruppe höhere medizinische Kosten und sie wiesen eher Beschwerden wie Rückenschmerzen, Asthma, Depressionen oder auch eine eigene Substanzabhängigkeit auf (Ray, Mertens & Weisner, 2007). Allerdings gleichen sich diese Behandlungskosten wieder an, sobald der/ die Suchtkranke in Behandlung geht. Dabei scheinen die psychischen und physischen Belastungssymptome zwischen verschiedenen Angehörigengruppen (u. a. Partnerinnen und Partner, Eltern, Kinder) eher vergleichbar zu sein (Hofheinz & Soellner, 2018). Ob es sich bei dem Konsummittel der Betroffenen um das legale Mittel Alkohol oder um illegale Drogen handelt, ergibt dieser Studie zufolge in der Stärke der Belastung der Angehörigen keinen Unterschied.

Insgesamt zeigen diese Studienergebnisse, dass es sich bei den Angehörigen von Menschen mit problematischem Substanzkonsum um eine in vielerlei Hinsicht belastete Gruppe handelt. Die Frage, inwieweit diese Belastung tatsächlich auch stärker ausgeprägt ist als bei anderen Angehörigen von Menschen mit (chronischen) Erkrankungen, kann derzeit noch nicht sicher beantwortet werden. Allerdings gibt es mehrere Problemfelder, welche den Zugang zu Hilfsangeboten für Angehörige von Suchterkrankten erschweren und damit möglicherweise auch erklären können, warum psychische und physische Belastungssymptome in dieser Gruppe besonders ausgeprägt sind. So besteht die Problematik, dass es in Deutschland bislang noch relativ wenige Hilfsangebote gibt, die speziell auf die Bedarfe von Angehörige haben Bedarf an Beratung und Unterstützung. Bild: SerenaWong via pixabay (https://pixabay.com/de/illustrations/beratung-psychische-gesundheit-1739639/), Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/).Angehörige haben Bedarf an Beratung und Unterstützung. Bild: SerenaWong via pixabay (https://pixabay.com/de/illustrations/beratung-psychische-gesundheit-1739639/), Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/).Angehörigen zugeschnitten sind. Eine große Rolle in der Unterstützung Angehöriger spielen die Selbsthilfegruppen verschiedener Träger (z. B. Guttempler, Freundeskreise, Blaues Kreuz, Kreuzbund), welche mit ihren eigenständigen Angeboten für Angehörige oftmals eine erste Anlaufstelle sind (Soellner, 2016). Weitere Angebote der professionellen Suchthilfe sind Beratungsgespräche für Angehörige in Suchtberatungsstellen, Mitbehandlungsangebote für Angehörige in Kliniken sowie verhaltenstherapeutisch fundierte Beratungsangebote wie das Community Reinforcement and Family Training (CRAFT; Smith & Meyers, 2004). Verlässliche Zahlen über die Nutzung dieser spezifischen Angebote von Angehörigen liegen nicht vor, da diese derzeit nicht übergreifend dokumentiert werden.

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