Nachrichten für Kinder: Was die Entwicklungspsychologie zur Praxis beitragen kann

Es erscheint sinnvoll, diese Aspekte auch bei der Produktion von Zeitungs-Nachrichten für Kinder zu berücksichtigen, denn Zeitungen gehören wie das Fernsehen zu den klassischen Massenmedien, die als Informationsquelle dienen. Sie sind aufgerufen, auch kindgerechte Informationen zu bieten. Das ist rechtlich festgelegt in Artikel 13 (1) zur Meinungs- und Informationsfreiheit der UN-Kinderrechtskonventionen (1989): „Das Kind hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, [...] Informationen und Gedankengut jeder Art in Wort, Schrift oder Druck [...] sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben.“

Doch was sind kindgerechte Informationen und wie können diese ihrerseits Kindern in ihrer Entwicklung nutzen? Diese Aspekte sollen beispielhaft an den Medienkompetenz-Dimensionen Medialitätsbewusstsein (s.u.) und produktive Partizipationsmuster sowie Anschlusskommunikation diskutiert werden. Zum Medialitätsbewusstsein gibt es Studien in der Entwicklungspsychologie. Produktive Partizipationsmuster und Anschlusskommunikation spielen unmittelbar in Medienprojekten eine Rolle.

Entwicklung des Medialitätsbewusstseins

Medialitätsbewusstsein meint die Fähigkeit, zwischen Realität und Medialität sowie zwischen Medialität und Fiktion unterscheiden zu können (Groeben, 2002). Eine Voraussetzung dafür ist die Perspektivenübernahme, also die Fähigkeit, bewusst einen anderen Standpunkt einnehmen zu können, zum Beispiel verstehen zu können, dass Kinder in anderen Ländern hungern, auch wenn Kinder hier genug zu Essen haben. Perspektivenübernahme entwickelt sich bis ins Grundschaltalter hinein. Sie reicht aber nicht, um Nachrichten zu verstehen. Kinder müssen lernen zu unterscheiden, ob eine Nachricht von einem Kind handelt, das in der Wirklichkeit hungert oder in einer erfundenen (finktionalen) Geschichte. Diese Unterscheidung lernen Kinder zwischen 5 und 8 Jahren (Nieding & Ohler, 2012). Die Unterscheidung zwischen Realität und Medialität ist schwieriger. Ein Medialitätsbewusstsein in dem Sinne, „dass auch Fernseh-Nachrichten Inszenierungen von Journalisten darstellen“ (Nieding & Ohler, 2012) ist für etliche Zwölfjährige noch eine schwierige Aufgabe. Wie wichtig dieser Aspekt des Medialitätsbewusstseins (auch Kindernachrichten in Tageszeitungen sind natürlich solche Inszenierungen) ist, belegen Studien, die einen positiven Zusammenhang ergeben zwischen der Fähigkeit, Realität und Fiktion zu unterscheiden, und anderen kognitiven Kompetenzen wie zum Beispiel sprachlichen Fähigkeiten (Nieding & Ohler, 2012).

Die Praxis, dass Redakteurinnen und Redakteure lediglich einfache Sprache in Kindernachrichten verwenden und Fremdwörter erklären (Gleich & Schmitt, 2009), scheint zu kurz gegriffen, um die Dimension des Medialitätsbewusstseins zu fördern. Eine Möglichkeit könnte sein, in Kindernachrichten Erläuterungen zur Auswahl und der Aufbereitung einer Nachricht – ähnlich wie durch einen Moderator in Kinder-Fernsehnachrichten – zu geben und dadurch die Medialität zu verdeutlichen. In einer eigenen Studie mit N = 73 Erst- bis Drittklässlern möchten zwei von drei Kindern, dass Kinder und Erwachsene die ProduzentInnen von Kindernachrichten sind (Sandhagen, 2009). Gleichaltrige KinderreporterInnen können Identifikationsfiguren sein und ermutigen, sich mit realen Problemen zu beschäftigen.

Förderung der produktiven Partizipationsmuster

Eine weitere Medienkompetenz-Dimension sind Produktive Partizipationsmuster. Sie sind eine Stärke von Medienprojekten. GrundschülerInnen lesen die Zeitung, suchen sich Themen wie zum Beispiel den Blick hinter Zirkuskulissen, recherchieren und schreiben Artikel. Dadurch erleben die Kinder den Prozess, wie das Medium Tageszeitung entsteht und wie die Artikel in die Zeitungen gelangen. Eng verknüpft ist damit in Medienprojekten die Dimension der Anschlusskommunikation. Kinder tauschen sich mit ihren MitschülerInnen über Themen aus und lernen dabei, sich eigens© Petra Sandhagentändig zu positionieren.

Der Beitrag der Kindernachrichten und Medienprojekte zur Medienkompetenz bleibt auch dann erhalten, wenn Tageszeitungen irgendwann eher im Internet als in gedruckter Form gelesen werden.

Kinder könnten Medienprojekte nutzen, um Entwicklungsaufgaben erfolgreich zu lösen. Entwicklungsaufgaben meinen alterstypische Anforderungen, bei deren erfolgreicher Bewältigung das Individuum Fertigkeiten erwirbt und sich weiterentwickelt. Zu den Entwicklungsaufgaben gehören zum Beispiel, dass Kinder lernen, sich von den Eltern zu lösen und eine eigene Position in peer-Gruppen zu finden. Im Gespräch über Medien können Kinder ihre Position mit der ihrer MitschülerInnen vergleichen und eigene Meinungen entwickeln – ein wesentlicher Schritt, um an der Gesellschaft teilzuhaben. Dafür ist auch ein angemessener Umgang mit Medien, also Medienkompetenz, erforderlich. Medienkompetenz gilt in einer von Medien geprägten Gesellschaft damit selbst als Entwicklungsaufgabe. Nachrichten für Kinder können zur Medienkompetenz beitragen und darüber hinaus dazu, dass Kinder ein Verständnis von dieser Gesellschaft entwickeln, in die sie sich einfügen sollen, dass Kinder lernen, welche Themen nicht nur für sie interessant sind, sondern für alle wichtig sind, und von ihrer egozentrischen Perspektive der Kinder zu einem allgemeineren Verständnis wechseln (Sandhagen & Greve, 2014).

Fazit

Das Konzept der Medienkompetenz sowie Kindernachrichten und Medienprojekte können gemeinsam eine Verbindung von Wissenschaft und Praxis schaffen. Die Entwicklungspsychologie liefert Hinweise darauf, dass es nicht reicht, Kindernachrichten als freundliche Light-Version der Erwachsenennachrichten zu gestalten, sondern dass sie ein eigenes Format sind, das auf die kindliche Medienkompetenz und die kognitiven Kompetenzen abgestimmt ist. Daraus lassen sich für die Praxis Tipps ableiten wie eine einfache Sprache sowie zusätzliche Erklärungen, welche Konsequenzen die Nachricht für den Alltag der Kinder haben kann. KinderreporterInnen sind Identifikationsfiguren und ermutigen, sich mit realen Problemen zu beschäftigen. So unterstützen sie die Identitätsentwicklung der LeserInnen. Kinder können Kindernachrichten nutzen, um Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Die Wissenschaft ihrerseits kann am Umgang der Kinder mit den Kindernachrichten ihre Modelle prüfen. Kindernachrichten sind nicht nur Erwachsenennachrichten „in einfach“, sondern können Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen.

Literatur

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Sandhagen, P. (2009, September). Ist ein Loch im Schuldach eine Nachricht? Vortrag präsentiert bei der 19. Tagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie der DGPs, Hildesheim.

Sandhagen, P. (2013). Wie viel Medien braucht der Mensch? In M. Watzlawik (Hrsg.), Kreative Entwicklung. Beschreiben, Verstehen, Fördern (S. 119-143). Marburg: Tectum.

Sandhagen, P. & Greve, W. (2014). Gesellschaftsverständnis erforschen – zu einer Entwicklungsaufgabe der Entwicklungspsychologie. Ein Kommentar. In C. Kölbl & G. Mey (Hrsg.), Gesellschaftsverständnis (S. 187-196). Gießen: Psychosozial-Verlag.