Nicht verzagen, MoralexpertInnen fragen

Moralexpertise: eine Frage der Qualifikation?

Anstatt Moralexpertise über die getroffene Entscheidung oder den Prozess des Entscheidens zu bestimmen, konzentrieren sich alternative Ansätze auf die ExpertIn als Person und ihre Merkmale wie formale Qualifikation. Eine Berufsgruppe, die bei Moralfragen häufig konsultiert werden, sind PhilosophInnen. Zum Beispiel werden die Fragen aus der amerikanischen Kolumne „The Ethicist“ sowie aus der österreichischen Radiosendung „Eine Frage der Moral“ von Philosophen beantwortet. Ebenfalls werden häufig PhilosophInnen für Studien über Moralexpertise rekrutiert, weswegen die Qualifikation dieser Gruppe näher betrachtet werden sollte. Die Annahme, dass PhilosophInnen MoralexpertInnen sein könnten, wird unter anderem durch die Inhalte des Philosophiestudiums gestützt, in dem auch ethische und moralische Theorien gelehrt werden. Logik, also folgerichtiges Denken, die für komplexe moralische Entscheidungen hilfreich ist, ist ebenfalls ein Teil des Philosophiestudiums. Prinzipiell hätten PhilosophInnen demnach Fachwissen über moralische Prinzipien, sowie die benötigten Denk- und Argumentationsfähigkeiten und könnten logische Irrtümer identifizieren (Singer, 1972).

In einer aktuellen Studie konnten Eric Schwitzgebel, Badford Cokelet und Peter Singer (2020) zeigen, dass die Auseinandersetzung mit der ethischen Verwerflichkeit des Fleischessens als experimenteller Eingriff ( Intervention) zur Reduzierung des Fleischkonsums führte: Um den tatsächlichen Fleischkonsum der studierenden TeilnehmerInnen analysieren zu können, wurde das Kaufverhalten der TeilnehmerInnen in der Mensa einige Wochen vor und einige Wochen nach dem Experiment erfasst. Vor der Auseinandersetzung mit der ethischen Verwerflichkeit des Fleischessens waren 52 % der gekauften Mahlzeiten fleischhaltig; nach der Intervention reduzierte sich dies auf 45 %. Ein solcher Unterschied war in einer Kontrollgruppe, in der als Intervention nur allgemeine Wohltätigkeit und nicht die Ethik des Fleischkonsums thematisiert wurde, nicht zu beobachten (52 % fleischhaltige Mahlzeiten vor und nach der Kontroll- Intervention). Somit liefert diese Studie den Hinweis, dass Bild 4: Sind PhilosophInnen MoralexpertInnen?Bild 4: Sind PhilosophInnen MoralexpertInnen? philosophisches bzw. ethisches Theoriewissen durchaus zu einer ethischeren Verhaltensweise führen kann (Schwitzgebel et al., 2020). Es bleibt jedoch offen, ob das Verhalten nachhaltig verändert wird, denn andere Studien haben zeigen können, dass Philosophie ProfessorInnen sich nicht ethischer verhalten als andere AkademikerInnen (in Bezug auf Fleischkonsum, Organspende, Wohltätigkeit, Ehrlichkeit; Schönegger & Wagner, 2019).

Interessant ist, dass die allgemeine Bevölkerung nicht unbedingt zuerst an PhilosophInnen denkt, wenn es um die Benennung von Beispielen für MoralexpertInnen geht: In einer Studie mit 50 US-AmerikanerInnen wurden religiöse Personen am häufigsten genannt (34 %), gefolgt von RichterInnen, PolitikerInnen, oder PolizistInnen (21 %) und SozialarbeiterInnen (16 %). Nur 5 % der genannten Beispiele bezogen sich auf die Berufsgruppe der PhilosophInnen (Schmittat & Burgmer, 2020). Für Laien scheint theoretisches Wissen, welches durch ein Philosophiestudium erlangt werden kann, demnach nicht ausschließlich relevant, sondern die tatsächliche Lebensweise einer Person (religiös, regelkonform, hilfsbereit) könnte eine mindestens genau so große Rolle für Moralexpertise spielen. Vielleicht liefert dieses Ergebnis auch einen Hinweis darüber, warum die Moralexpertise von Dr. Dr. Erlinger, dem ehemaligen Autor der deutschen Zeitungskolumne „Die Gewissensfrage“ anerkannt wurde, obwohl er kein Philosoph, sondern Jurist und Mediziner ist.

Moralexpertise: eine Frage der Tugend?

Eine Person, die nach moralischen Prinzipien lebt, könnte laut gängigen Expertise Definitionen durchaus auch Moralexpertise entwickeln, falls sie Feedback zu ihren moralischen Entscheidungen erhält. Wenn tugendhaftes Handeln zur Routine wird, kann es sich in der moralischen Identität einer Person festsetzen (Hulsey & Hampson, 2014).

Dass tugendhaftes Handeln einen hohen Stellenwert im Bereich der Moralexpertise hat, zeigte auch eine weitere Studie mit 203 US-AmerikanerInnen (Schmittat & Burgmer, 2020). Die TeilnehmerInnen wurden gebeten, die Wichtigkeit bestimmter Eigenschaften für MoralexpertInnen im Vergleich zu ExpertInnen aus anderen und einfacher zu definierenden Bereichen (Medizin, Philosophie, Wissenschaft) zu bewerten. Die Ergebnisse zeigten, dass Tugend bei MoralexpertInnen im Vergleich zu allen anderen Expertisebereichen signifikant wichtiger ist. Ein tugendhafter Charakter wurde hier zum Beispiel mit einem moralischen Kompass, Ehrlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Lebenserfahrung definiert.

Um einer idealen prozentualen Zusammensetzung aus wissensbasierter Qualifikation und tugendhaftem Charakter auf den Grund zu gehen, wurden in einer finalen Studie knapp 300 Personen befragt. Bei MoralexpertInnen wurde ein 40:60 Verhältnis, d. h. 40 % formale Qualifikation und 60 % tugendhafter Charakter, als ideale Mischung angegeben. Zum Vergleich: Bei medizinischen ExpertInnen gaben die TeilnehmerInnen hingegen eine 70:30 Zusammensetzung an (Schmittat & Burgmer, 2020).
Die Ergebnisse der Studien legen demnach nahe, dass Laien von MoralexpertInnen nicht nur Wissen über Moral erwarten, sondern vor allem, dass sie moralisch sind. Dies ist auch bei der Ratgeberfunktion von MoralexpertInnen relevant, denn Bild 5: Ist Moralexpertise eine Frage von moralischer Praxis und Tugend? Bild 5: Ist Moralexpertise eine Frage von moralischer Praxis und Tugend? tugendhaften Personen wird auch eher vertraut (Everett et al., 2016) und diese Personen werden auch als aufrichtige und sympathische Menschen wahrgenommen (Rom et al., 2017).

Fazit

Moralexpertise ist anhand von gängigen Expertise Definitionen nur schwer greifbar, da einerseits die Entscheidungsqualität objektiv kaum messbar ist und zudem unklar bleibt, welches ExpertInnenmerkmal (Qualifikation oder Tugend) ausschlaggebend ist. Die allgemeine Bevölkerung scheint jedoch eine konkrete und durchaus komplexe Vorstellung von Moralexpertise zu haben. Eine gewisse Ausbildung im Sinne von theoretischem Wissen, Bildung, und auch Intelligenz wird verlangt, aber darüber hinaus wird auch das tugendhafte Verhalten stark in die Bewertung einbezogen (Schmittat & Burgmer, 2020), denn Verhalten ermöglicht Rückschlüsse auf den moralischen Charakter einer Person (Uhlmann, Pizarro & Diermeier, 2015).

Ob ratsuchende Personen sich mit den Qualifikationen und den moralischen Charakteren potenzieller RatgeberInnen tatsächlich auseinandersetzen, bevor sie den Rat einholen, oder ob sie etablierte Moralexpertise blind akzeptieren, bleibt noch ungeklärt. Klar ist jedoch, dass sich ExpertInnen, die uns moralischer Ratschläge geben, großer Beliebtheit erfreuen, auch, wenn sie uns vielleicht nicht immer die ersehnte, klare Lösung zu einem moralischen Problem aufzeigen können. Vielleicht eröffnen ihre Ratschläge aber neue Perspektiven auf ein Problem und helfen uns somit bei unserer eigenen Entscheidungsfindung.

Im Fall des unangenehmen Kollegen empfahl Dr. Dr. Erlinger, der ehemalige Moralexperte der Süddeutschen Zeitung, übrigens dem Kotzbrocken zu helfen (Erlinger, 2015). Ob die ratsuchende Person die Empfehlung angenommen hat, ist leider nicht bekannt.

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Literaturverzeichnis

Awad, E., Dsouza, S., Kim, R., Schulz, J., Henrich, J., Shariff, A., … Rahwan, I. (2018). The moral machine experiment. Nature, 563(7729), 59–64. https://doi.org/10.1038/s41586-018-0637-6

Conway, P., Goldstein-Greenwood, J., Polacek, D., & Greene, J. D. (2018). Sacrificial utilitarian judgments do reflect concern for the greater good: Clarification via process dissociation and the judgments of philosophers. Cognition, 179, 241–265. https://doi.org/10.1016/j.cognition.2018.04.018

Erlinger, R. (2015, 4. Mai). Mitleid für den Kotzbrocken? https://sz-magazin.sueddeutsche.de/die-gewissensfrage/mitleid-fuer-den-k...

Everett, J. A. C., Pizarro, D. A., & Crockett, M. J. (2016). Inference of trustworthiness from intuitive moral judgments. Journal of Experimental Psychology: General, 145(6), 772–787. https://doi.org/10.1037/xge0000165

Foot, P. (1967). The problem of abortion and the doctrine of the double effect. Oxford Review, 5, 5–15.

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