„Nie wieder Faschismus!?“ – Zur Psychologie des Autoritarismus

Illustration aus dem Buch Le Principe Anarchiste de Pierre Kropotkine, Les Temps nouveaux via Wikipedia (http://images.google.de/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fupload.wikimedia.org%2Fwikipedia%2Fcommons%2F2%2F2b%2FNotre_ennemi_c%27est_notre_maitre.png&imgrefurl=https%3A%2F%2Fcommons.wikimedia.org%2Fwiki%2FFile%3ANotre_ennemi_c%27est_notre_maitre.png&h=539&w=458&tbnid=jHXazyooEUxs3M%3A&vet=1&docid=qJK1BEBydCsozM&ei=ghJuWMufJof5aJbAplg&tbm=isch&client=firefox-b&iact=rc&uact=3&dur=5530&page=0&start=0&ndsp=26&ved=0ahUKEwjL6MaP2arRAhWHPBoKHRagCQsQMwgdKAAwAA&bih=805&biw=1600), public domain

Eine erste Strategie besteht darin, eine direkte Reduzierung individueller autoritärer Dispositionen anzustreben. Die Strategie setzt daran an, dass autoritäre Neigungen aus Bedrohungswahrnehmungen, rigiden Denkstrukturen, sicherheitsbezogenen Werthaltungen und der Unfähigkeit resultieren, eigenständig und konstruktiv auf Krisen zu reagieren. Entsprechend könnte man versuchen, z.B. im Rahmen des Schulunterrichts, Menschen zu kritischer Reflektion ihrer Welthaltungen und eigenständigem Denken anzuregen. Ebenso sollten Selbstwirksamkeitserwartungen und verwandte Fähigkeiten zum Umgang mit Unsicherheit und Ungewissheit gestärkt werden. Einen wichtigen Stellenwert könnte hier die Menschenrechtsbildung oder Trainings zur Förderung moralischer Urteilsfähigkeit einnehmen. Eine zweite, indirektere Strategie wären Elterntrainings, mit dem Ziel der Verbesserung sozialer und erzieherischer Kompetenzen im Sinne eines autoritativen, aber nicht autoritären Erziehungsstils. Ein autoritativer Erziehungsstil ist durch Wertschätzung und liebevollen Umgang mit Kindern und Jugendlichen gekennzeichnet, vermittelt aber gleichzeitig Orientierung durch klare Grenzsetzungen und soll so zu einer sicheren Bindung zu den Eltern führen. Ein sicherer Bindungsstil wird in der Literatur als Schutzfaktor für die Entwicklung von Autoritarismusneigungen diskutiert. Eine dritte Strategie würde an den sozialen und kulturellen Faktoren ansetzen, die zur Entstehung und Aktivierung von Autoritarismus beitragen. Dazu gehören z.B. Mediendiskurse und politische Debatten, die Bedrohungen der Sicherheit und Ordnung suggerieren und gesellschaftliche Werte und Normen prägen, die Konformität und Sicherheitsdenken betonen. Hierbei sind letztlich viele verschiedene gesellschaftliche Akteure gefragt, die auf politische, wirtschaftliche und rechtliche Strukturen Einfluss nehmen können.

Eine besondere Rolle bei der Reduzierung von Autoritarismusneigungen kommt der Herstellung von Kontaktmöglichkeiten mit fremden Lebenswelten zu. Autoritarismusneigungen können effektiv reduziert werden, wenn Strukturen geschaffen werden, die es autoritär veranlagten Menschen leicht machen, in positiven Kontakt mit unterschiedlichen, anders gesinnten Menschen zu treten (z.B. Hodson, 2011). Solcher Kontakt kann Bedrohungsgefühle reduzieren und Empathie und Vertrauen fördern. Schulen mögen wiederum besonders geeignet dafür sein, entsprechende Bedingungen herzustellen.

Fazit: „Nie wieder Faschismus!?“

Wenngleich Autoritarismus heutzutage in weniger extremer Form daherkommt als während des Nationalsozialismus, sollte klar geworden sein, dass das Phänomen nicht einfach ausgestorben ist. Die Unterscheidung zwischen autoritären Neigungen und deren Aktivierung kann so interpretiert werden, dass nach wie vor „schlafende Hunde“ unter uns und in uns sind, die durch extremere gesellschaftliche Bedingungen „geweckt“ werden können. Die Reduktion von Autoritarismus ist daher ein nach wie vor wichtiges Ziel pro-demokratischer Bildung.

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