Noli me tangere! Unser peripersonaler Raum in den Corona-Zeiten

Gleichzeitig dazu, dass sich der zu verteidigende Raum vergrößert, verkleinert sich bei Gefahr der peripersonale Raum, der für Aktionen zuständig ist. Unsere Reaktionen konzentrieren sich also in einem engeren Raum um den eigenen Körper herum – der Handlungsraum schrumpft. Wie bereits erwähnt, ist unser peripersonaler Raum dennoch immer flexibel und kann von verschiedenen Faktoren moduliert werden.

Studien haben gezeigt, dass sich der Handlungsraum von Affen vergrößert, wenn diese einen Stock benutzen dürfen, um an Futter heranzukommen (Iriki, Tanaka & Iwamura, 1996). Auch Menschen setzen Werkzeuge vielfältig ein. Dies lässt sich auch im Kampf gegen das Corona-Virus beobachten: Viele nutzen Handschuhe, Schutzmasken und -schilder, Schutzkostüme und sogar Roboterhände. Und es gibt Desinfektionsmittel. Studien, die untersuchen, wie der Gebrauch von Desinfektionsmitteln den eigenen wahrgenommenen peripersonalen Raum beeinflusst, stehen noch aus

Neue Definition von Sicherheit: Der Glaube an Schutzmasken

Einerseits erweitern Werkzeuge also den Handlungsraum (wie beim Affen durch den Stock), so dass wir gefährlichere oder schwierigere Handlungen ausführen können, ohne uns zu verletzen. Andererseits verringern Werkzeuge gegebenenfalls die wahrgenommene Bedrohung. Für die derzeit herrschende Pandemie bedeutet dies eine Erleichterung des Alltags. Menschliche Nähe ist durch die gegebenen Schutzmaßnahmen, die wir wie Werkzeuge einsetzen, möglich. Beispiele sind Atemschutzmasken und Plexiglasscheiben. So sind Personen in der Lage, sich nah zu kommen und soziale Nähe zu erfahren. Denn die Gefahr einer Ansteckung minimiert sich durch diese Maßnahmen. In einigen Altersheimen oder Haushalten werden daher Treffen mit einer Fensterscheibe zwischen den Personen abgehalten – damit die älteren Personen nicht vereinsamen. Bild 5: Miriam Doerr Martin Frommherz via ShutterstockBild 5: Miriam Doerr Martin Frommherz via Shutterstock

Das Tragen von Schutzmasken kann gegebenenfalls ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Die Voraussetzung hierfür ist, dass man von diesem Schutz überzeugt ist. Studien haben gezeigt, dass die Reaktionen im eigenen peripersonalen Raum von Überzeugungen und individuellen Eigenschaften beeinflusst werden. Hat man zum Beispiel keine Angst vor Spinnen, dann macht einem die sich nähernde Spinne nichts aus (de Haan et al., 2015).

Individuelle Eigenschaften wie ein hohes Stresslevel und Ängstlichkeit erweitern den Abwehrraum und schmälern den Handlungsraum. Sambo und Iannetti (2013) lösten bei Versuchspersonen den Hand-Blinzelreflex aus, wobei sich die Hand in unterschiedlichen Entfernungen zum Gesicht befand. Die Größe des defensiven peripersonalen Raums stand hierbei im direkten Zusammenhang mit der Ängstlichkeit der Versuchspersonen. Die innere Einstellung bestimmt also, wie groß die wahrgenommene Bedrohung ist.

Wirkung der herrschenden Schutzmaßnahmen auf den peripersonalen Raum

Neben den eigenen Ängsten und Schutzmechanismen, die jeder von uns in sich hat und die sich auf den peripersonalen Raum auswirken, sind auch äußere Faktoren relevant: Derzeit vergrößert sich der peripersonale Raum möglicherweise durch die bestehenden Maßnahmen zum Abstand-Halten (sog. Social Distancing). Auf der anderen Seite sind auch die sozialen Fähigkeiten jeder einzelnen Person wichtig – vor allem die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen (sog. Empathie): Eine aktuelle Studie, in der mehr als zwei Tausend Menschen in den USA, UK und Deutschland befragt wurden, zeigte, dass je mehr Einfühlungsvermögen Menschen haben, desto höher ist ihre Bereitschaft, schützende Maßnahmen umzusetzen – zum Beispiel Social Distancing (Pfattheicher, Nockur, Böhm, Sassenrath & Petersen, 2020). Das wird von den früheren Untersuchungen untermauert, die zeigen, dass eine Schutzreaktion wie der Hand-Blinzelreflex auch dann ausgelöst wird, wenn sich die Hand in der Nähe vom Gesicht einer anderen Person befindet. Dieser Effekt ist stärker, je empathischer die Versuchspersonen waren (Fossataro, Sambo, Garbarini & Iannetti, 2016). Menschen, die sich gut in andere hineinversetzen können, wollen diese also offenbar bewusst und unbewusst schützen.

Corona verändert zwar unsere Wahrnehmung von der Welt und von uns selbst – die Gefahr ist auffällig und im Denken einiger Person vielleicht sogar allgegenwärtig. Die Einsamkeit, die auf der anderen Seite durch Social Distancing entsteht, lässt sich durch gezielte Schutzmaßnahmen verringern. Unsere unsichtbare Hamsterkugel namens peripersonaler Raum ist ein uns von der Evolution geschenkter Raum, der uns Flexibilität im Setzen unserer eigenen Grenzen erlaubt. Nähe und Distanz werden individuell austariert je nach Gefühlslage und empfundener Bedrohung. Der eigene Raum wird bewusst geteilt oder bewusst vor anderen geschützt. Dies erlaubt, dass wir uns mit Bedrohungen, aber auch mit positiven Aspekten in unserer Umwelt auseinandersetzen können, ohne dabei Schaden zu nehmen. Denn all dies geschieht schnell und weitgehend unbewusst, kaum jemand würde, wenn danach gefragt, bewusst angeben können, wo der „eigene Raum“ aufhört und anfängt. Psychologische Untersuchungen aber helfen, und diesen Phänomenen zu nähern. Und was das Desinfektionsmittel angeht: Auch wenn es den peripersonalen Raum nicht verändern sollte, ist es sicherlich wirksam gegen die Viren.

Literaturverzeichnis

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Bildquellen

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