PorNo or PorYes? – Risiken und Chancen bei der Pornografie-Nutzung

Die inhaltlichen Aspekte der Pornografie, wie die gezeigten Praktiken, der Umgang der Darstellenden miteinander sowie die filmische Qualität und Ästhetik, können ebenfalls relevant sein. Die Art und Weise, wie Sex zustande kommt, wie vor, während und nach dem Sex kommuniziert wird (sowohl mit Worten aber auch mit Körpersprache), auf wessen Bedürfnisse mehr Wert gelegt wird oder auch wie der Sex endet, ist relevant für die Vorstellungen über Sexualität.

Sexuelle Skripte – Vorstellungen wie Sex normalerweise abläuft

Die mentalen Bilder und Abläufe, die Menschen beim Thema Sex im Kopf haben, werden sexuelle Skripte genannt (Wright, 2011). Skripte können beispielsweise erweitert werden, wenn Pornografie eine neue Praktik zeigt, die dann ausprobiert wird, oder wenn bestimmte Personenkonstellationen und deren Umgang miteinander zum ersten Mal gesehen werden. Bereits existierende Skripte können sich festigen, beispielsweise wenn bisher ausgeführte Praktiken oder Darstellende mit bestimmten Merkmalen (z. B. beim äußeren Erscheinungsbild, der Geschlechtsidentität oder der sexuellen Orientierung) auch im Pornofilm zu sehen sind und sich die Zuschauenden darin wiederfinden. Diese sexuellen Skripte könnten wiederum in Verbindung mit persönlichen Einstellungen, dem Selbstbild und zwischenmenschlichen Interaktionen stehen. Mögliche negative Folgen der Pornografie-Nutzung (z. B. negative Einstellungen gegenüber Frauen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder der Bild 3: Sexuelle Skripte können zum Beispiel auch den Umgang mit Verhütungsmethoden und Safer Sex enthalten.Bild 3: Sexuelle Skripte können zum Beispiel auch den Umgang mit Verhütungsmethoden und Safer Sex enthalten. eigenen Beziehung) machen deutlich, wie wichtig es ist, die konkreten Inhalte von Pornografie zu betrachten.

PorYes – Chancen der Pornografie-Nutzung

Die Komplexität der Befunde zeigt, dass ein Verbot im Sinne der PorNo Kampagne möglicherweise zu pauschal ist und es auch Gründe gibt, „Ja“ zur Pornografie sagen. Positive Aspekte wie eine verbesserte Paarkommunikation weisen auf Chancen der Pornografie-Nutzung hin (Kohut et al., 2018). Möglicherweise spielte bei bisherigen negativen Befunden auch ein Mangel an alternativen pornografischen Inhalten sowie deren Bekanntheit oder Zugänglichkeit eine Rolle. Personen, die nach schneller und kostengünstiger Stimulation für sexuelle Erregung suchen, widmen sich möglicherweise eher der direkt verfügbaren Pornografie, selbst wenn diese nicht ganz zu ihren Wertvorstellungen passt.
Durch den Wunsch nach alternativen Inhalten und als Gegenentwurf zur PorNo-Kampagne entstand ebenfalls in den 1980er Jahren die bereits erwähnte feministische und queere Pornografie (Taormino et al., 2013). Aufwind bekam sie durch das Internet, vemehrte mediale Aufmerksamkeit (z. B. Erika Lusts TedTalk) sowie durch die seit 2009 jährliche Verleihung des PorYes-Awards an (queer-)feministische Pornofilme. Neben fairer Bezahlung aller Beteiligten geht es bei diesen Filmen vor allem darum, mit Geschlechterrollen, Klischees und Stereotypen zu brechen, sowie eine Vielfalt von Geschlechtern, Körperformen und Sexualitäten zu zeigen.

Die Hauptkritikpunkte an der Mainstream-Pornografie sind die traditionellen Geschlechterrollenbilder und die damit verbundene Betrachtung der Darstellenden als Sexobjekte (Schwarzer, 2007). Diese addressiert die (queer-)feministische Pornografie direkt und wohl auch erfolgreich. Denn eine Studie, die die Inhalte verschiedener Pornografie-Genres untersucht hat, zeigte, dass Frauen in (queer-)feministischer Pornografie signifikant weniger zu Sexualobjekten werden als in der klassischen Mainstream-Pornografie (Fritz & Paul, 2017). Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern zeigten sich ausgeglichener und Frauen zeigten mehr Initiative. Darstellungen männlicher Dominanz und auch gewalthaltige Sexualität finden sich allerdingsBild 4: Bondage ist eine sexuelle Praktik, die sich auch in feministischer Pornografie findet.Bild 4: Bondage ist eine sexuelle Praktik, die sich auch in feministischer Pornografie findet. auch in der (queer-)feministischen Pornografie, jedoch geschehen diese klar kommuniziert in gegenseitigem Einvernehmen, wie es beispielsweise aus dem BDSM-Bereich (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism) bekannt ist (Fritz & Paul, 2017; Ivanski & Kohut, 2017). Diese inhaltlichen Unterschiede könnten sich positiv auf Einstellungen gegenüber Frauen und die sexuelle Aggression auswirken. Experimentelle Untersuchungen stehen hier allerdings noch aus.

Queere und feministische Pornografie ist zudem sex-positiv. Sex-Positivität kann als eine Überzeugung bezeichnet werden, die einen offenen und urteilsfreien Zugang zu einvernehmlicher Sexualität unterstützt und dabei alle Geschlechter und sexuelle Orientierungen einschließt (Ivanski & Kohut, 2017). Mit dieser positiven Sichtweise inkludiert (queer-)feministische Pornografie gezielt verschiedenste Geschlechtsidentitäten, sexuelle Orientierungen und Körperformen. Ein sex- und körper-positiver Blickwinkel bringt ebenfalls inhaltlich andere Darstellungen und eventuell auch andere Auswirkungen auf die Betrachtenden mit sich. In der (queer-)feminstischen Pornografie handeln beispielsweise oft Personen mit ganz unterschiedlichen äußeren Erscheinungsbildern. Im Unterschied zur Mainstream-Pornografie werden aber keine Kategorien oder Schlagworte für bestimmte Körpermerkmale verwendet (z. B. „Ebony“, „Transgender“, „MILF“). Das Auflösen solcher Labels normalisiert Körperformen außerhalb des vorherrschenden Schönheitsideals, da sie nicht mehr unter Sonderkategorien gefasst werden. Soziale Vergleiche aber auch der Einschluss von Körpervielfalt in sexuelle Skripte, könnten sich positiv auf die Körperzufriedenheit, die sexuelle und die Beziehungszufriedenheit der Nutzenden auswirken.

Eine verbesserte Kommunikation über Intimität zeigte sich bereits bei der Nutzung von Mainstream-Pornografie (Kohut et al., 2018). Feministische Pornografie fördert gezielt eine offene Kommunikation über Wünsche und Grenzen der Darstellenden, was sich wiederum positiv auf die Paarkommunikation auswirken könnte.

Die sex-positiven Darstellungen könnten besonders für junge Menschen relevant sein, die sich Fragen nach der eigenen Attraktivität und sexuellen Identität stellen. Wo sexuelle Aufklärung nicht alle Fragen beantwortet, bietet Pornografie eine weitere Lernquelle. Sie ist oft schneller verfügbar und eventuell weniger schambehaftet, als sich an andere Menschen zu wenden. Neugier auf bisher unbekannte Praktiken sowie Unsicherheiten, wie diese durchzuführen sind, können mit Pornografie angegangen werden. Dieser Aspekt von Pornografie unterstreicht die Relevanz realistischer und respektvoller sexueller Darstellungen, in denen sich auch Personen wiederfinden, die nicht den klassischen Schönheitsidealen und Geschlechterstereotypen entsprechen (wollen). Der sex-positive Zugang der feministischen Pornografie könnte einen entscheidenden Unterschied in den sexuellen Skripten Bild 5: Feministische Pornografie zeigt eine Vielfalt von Körperformen, Geschlechteridentitäten und sexuellen Orientierungen.Bild 5: Feministische Pornografie zeigt eine Vielfalt von Körperformen, Geschlechteridentitäten und sexuellen Orientierungen. ihrer Nutzenden ausmachen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Pornografie nicht generalisierend als gut oder schlecht bezeichnet werden kann. Wie in vielen Lebensbereichen sind Zusammenhänge von menschlichem Erleben und Verhalten komplex und die Pornografie ist mit ihren vielen Unterkategorien, Produktionsweisen und den dahinter liegenden Intentionen der Produzierenden sehr vielfältig. Pornografie birgt unter bestimmten Bedingungen Risiken, gleichzeitig aber auch Chancen. Die Pornografieforschung ist somit noch lange nicht erschöpft und Formate wie die (queer-)feministische Pornografie haben möglicherweise das Potenzial, zu positiveren Erlebnissen bei den Nutzenden zu führen als die Mainstream-Pornografie. Die Wirkungsforschung zu dieser spezielleren Kategorie steckt aber bislang noch in den Kinderschuhen.

Bildquellen

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Literaturverzeichnis

Campbell, D. (2017, December 6). Porn is a self-esteem issue. The Huffington Post. https://www.huffpost.com/entry/porn-is-a-selfesteem-issu_b_8416834

Fritz, N., & Paul, B. (2017). From orgasms to spanking: A content analysis of the agentic and objectifying sexual scripts in feminist, for women, and mainstream pornography. Sex Roles, 77(9-10), 639–652. https://doi.org/10.1007/s11199-017-0759-6

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