Respekt für Geflüchtete und von Geflüchteten: Herausforderungen eines gleichberechtigten Miteinanders

Ein Gegenseitigkeitsmodell des Respekts

Wie bereits erwähnt haben verschiedene Wissenschaftsdisziplinen übereinstimmend herausgearbeitet, dass die Respekterfahrung aus der Behandlung als gleichberechtigte Person resultiert. Bei Respekt ist es von enormer Wichtigkeit, dass dieser auf Gegenseitigkeit beruht. Wer sich von einer anderen Gruppe respektiert fühlt, hegt weniger Vorurteile gegenüber dieser Gruppe und ist eher bereit, Respekt zu erwidern. In der bereits erwähnten Studie von Simon und Grabow (2014) wurden Schwule und Lesben auch nach ihrer Einstellung gegenüber Muslim/innen in Deutschland gefragt. Sie sollten angeben, welcher Prozentsatz der hier lebenden Muslim/innen ihrer Meinung nach bereit sei, Homosexualität und andere sexuelle Orientierungen zu respektieren. Da Homosexualität gerade von streng religiösen Muslim/innen häufig als etwas Negatives betrachtet wird, handelt es sich hier um gesellschaftliche Gruppen, zwischen denen es zu Konflikten kommen kann. Es zeigte sich, dass die Befragten weniger negative Einstellungen gegenüber Muslim/innen berichteten, wenn sie sich von der muslimischen Community respektiert fühlten.
Angewandt auf die derzeitige Situation bedeutet ein Gegenseitigkeitsmodell des Respekts auf der einen Seite, dass die aufnehmende Gesellschaft den Geflüchteten, die langfristig bleiben werden, Gehör schenken und ihre Meinungen ernst nehmen sollte Abbildung 3: Raimond Spekking (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Drehscheibe_K%C3%B6ln-Bonn_Airport_-_Ankunft_Fl%C3%BCchtlinge_27._September_2015-0075.jpg?uselang=de), „Drehscheibe Köln-Bonn Airport - Ankunft Flüchtlinge 27. September 2015-0075“, (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de)Abbildung 3: Raimond Spekking (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Drehscheibe_K%C3%B6ln-Bonn_Airport_-_Ankunft_Fl%C3%BCchtlinge_27._September_2015-0075.jpg?uselang=de), „Drehscheibe Köln-Bonn Airport - Ankunft Flüchtlinge 27. September 2015-0075“, (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de). Geflüchtete sollten aktiv einbezogen werden, wenn darüber gesprochen wird, wie die Integration in Deutschland funktionieren soll, wie Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden können, welche Probleme es bei der Integration gibt etc. Langfristig sollten denjenigen, die dauerhaft bleiben, gleiche Mitspracherechte bei der Gestaltung und Weiterentwicklung der Gesellschaft gewährt werden. Andere als gleichberechtigte Interaktionspartner/innen anzuerkennen, bedeutet demnach auch, dass sich langfristig gesellschaftliche Veränderungen einstellen werden, wenn die neuen Gesellschaftsmitglieder ihre ursprüngliche Identität beibehalten sollen und sie somit in die Gesellschaftsentwicklung einfließen lassen. Auf der anderen Seite müssen neu hinzukommende Personen den anderen Gesellschaftsmitgliedern gegenüber Respekt zeigen – zum Beispiel, indem sie die im Grundgesetz festgeschriebenen Rechte anderer wahren, aber auch, indem sie sich aufgeschlossen gegenüber deutschen Werten und der deutschen Kultur zeigen. Dies bezieht sich beispielsweise auf eine angemessene (gleiche) Behandlung der Geschlechter und von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung, Religion etc.
Wenn ein respektvolles Miteinander im Sinne einer gegenseitigen Betrachtung als gleichwertige Interaktionspartner/innen gelingt, dann fördert dies, dass Menschen auf einer höheren, übergeordneten Ebene als gleich und gleichberechtigt gesehen werden können („Wir alle als Bürger/innen eines multiethnischen Deutschlands“), während auf der unteren Ebene (kulturelle) Unterschiede bestehen bleiben können („Wir als Bürger/innen syrischer Herkunft“).

Was kann passieren, wenn Respekt vorenthalten wird?

Wenn Geflüchteten Respekt und Gleichbehandlung vorenthalten werden, kann dies ernste negative Konsequenzen nach sich ziehen. Das Vorenthalten von Mitbestimmung und Mitsprache kann zu sozialem Ausschluss führen und es wurde empirisch gezeigt, dass dies die Auftretenswahrscheinlichkeit von unethischem Verhalten erhöht. In einer Studie von Renger, Mommert, Renger und Simon (2016) erhielten Versuchsteilnehmer/innen in einem ersten Schritt entweder eine respektvolle oder eine respektlose Behandlung durch andere Gruppenmitglieder, das heißt sie erhielten die gleiche Möglichkeit, ihre Meinung kundzutun und ihre Stimme wurde gezählt, oder aber ihre Meinung und Stimme wurden nicht berücksichtigt. In einem zweiten Schritt wurden die Versuchsteilnehmer/innen dann gebeten, sich in eine Situation hineinzuversetzen, in der sie in einem Geschäft einkaufen und dann beim Verlassen feststellen, dass sie an der Kasse zwei Euro zu viel Wechselgeld erhalten haben. Die Teilnehmer/innen wurden anschließend gefragt, wie richtig bzw. falsch sie es finden, das Geld zu behalten. Es zeigte sich, dass Personen, die im Vorfeld respektlos behandelt wurden, es eher als richtig ansahen, das Geld zu behalten, als jene, die respektvoll behandelt wurden.
Dass solche experimentell gewonnenen Befunde zum Zusammenhang zwischen Respekt und (un)ethischem Verhalten auch auf reale Prozesse generalisiert werden können, legt eine Analyse von Moghaddam (2005) nahe. Der Autor zeigt auf, dass das Vorenthalten von vollen und gleichen Mitsprachemöglichkeiten auch Radikalisierungstendenzen begünstigen kann. Laut Moghaddam (2005) erhöhen ein Mangel an Möglichkeiten, seine Meinung zu äußern, sowie eingeschränkte Aufstiegsmöglichkeiten in einer Gesellschaft die Bereitschaft, sich an terroristischen Aktivitäten zu beteiligen.

Herausforderungen eines respektvollen, gleichberechtigten Miteinanders

Vor dem Hintergrund dieser Forschungsergebnisse scheint es angemessen, die Gegenseitigkeit von gleichheitsbasiertem Respekt als wichtige Voraussetzung für Integration zu betonen. Dies kann für beide Seiten eine enorme Herausforderung darstellen. Wie schwer Gegenseitigkeit von Respekt sein kann und wie schnell die Stimmung kippen kann, zeigte sich eindrücklich nach den Geschehnissen in der Silvesternacht 2015 in Köln. Nach dem mutmaßlichen respektlosen Verhalten einiger Geflüchteter wurde in den Medien oftmals das Bild vermittelt, Geflüchtete hätten generell keine Achtung vor den Werten oder den Institutionen der deutschen Gesellschaft. Auch wenn sich solche Berichte auf Einzelfälle beziehen, so kann es schnell passieren, dass sie generalisiert werden und somit als Rechtfertigung für Vorurteile und für das Vorenthalten von Respekt gegenüber allen Geflüchteten dienen. In Deutschland gibt es zahlreiche Gruppierungen (wie z. B. PEGIDA), die gezielt solche Generalisierungen aufgreifen und damit Angst in der Bevölkerung schüren, um zu erreichen, dass Geflüchteten Respekt vorenthalten wird. Wie bereits ausgeführt kann ein Vorenthalten von Respekt allerdings zu weitreichenden negativen Konsequenzen für die/den einzelne/n Geflüchtete/n und die Gesellschaft führen.

Ist eine Integrationspflicht respektvoll?

Wie ist die von der Bundesregierung 2016 beschlossene Integrationspflicht vor dem Hintergrund des Gegenseitigkeitsmodells des Respekts zu bewerten? Maßnahmen, die dazu beitragen, Geflüchtete mit grundlegenden Fähigkeiten zur Partizipation auszustatten, können als positiv bewertet werden. Hierzu zählt beispielsweise die Verpflichtung zur Teilnahme an Sprachkursen. Sprachkenntnisse stellen eine wichtige Voraussetzung dafür dar, die eigene Meinung ausdrücken und somit gesellschaftlich einbringen zu können, und sind darüber hinaus für die Beteiligung am Arbeitsmarkt unumgänglich. Andere Maßnahmen des Integrationsgesetzes, wie zum Beispiel Geflüchteten einen Wohnort zuzuweisen, können hingegen die Entscheidungsfreiheit, Selbstbestimmung und Autonomie der betroffenen Personen einschränken und als Ausdruck von mangelnder Gleichberechtigung aufgenommen werden (Jakob, 2015, TAZ-Online). Hier muss der Staat großes Fingerspitzengefühl beweisen, wenn er demonstrieren möchte, dass auch solche Maßnahmen einem höheren längerfristigen Ziel dienen, beispielsweise die Selbstabschottung von Geflüchteten und somit die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern. Aus sozialpsychologischer Sicht können diese Maßnahmen nur dann erfolgreich sein, wenn sie dazu beitragen, die Geflüchteten in Wohnsituationen und Kontexte zu bringen, in denen sie gesamtgesellschaftliche Anerkennungserfahrungen machen können. Diese Anerkennungserfahrungen, die sie in einer Parallelgesellschaft nur sehr eingeschränkt machen könnten, ermöglichen dann langfristig die Partizipation als vollwertiges Gesellschaftsmitglied.

Alle staatlichen Maßnahmen können und sollten daraufhin geprüft werden, inwieweit sie dazu beitragen, eine gemeinsame Identität zu schaffen. In diesem Beitrag haben wir gleichheitsbasierten Respekt als eine vielversprechende Voraussetzung einer solchen Identität vorgestellt. Sie kann die Basis schaffen, eine leistungsfähige Gesellschaft und die Gesundheit der/des Einzelnen auch in Zukunft sicherzustellen, wenn der demografische Wandel die Renten und den Wohlstand in Deutschland gefährden würde.

Literaturverzeichnis

Berry, J. W. (2005). Acculturation: Living successfully in two cultures. International Journal of Intercultural Relations, 29(6), 697-712. doi:10.1016/j.ijintrel.2005.07.013

Honneth, A. (1994). Kampf um Anerkennung: Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Jakob, C. (2015, 14. August). Ein Sofa ist gut, Respekt ist besser. Taz.de. Retrieved from http://www.taz.de/!5220027/

Moghaddam, F. M. (2005). The staircase to terrorism: A psychological exploration. American Psychologist, 60(2), 161-169. doi:10.1037/0003-066X.60.2.161

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