Schreibkompetenz – Ein Thema der Kognitionspsychologie

Für die Registrierung von Schreibprozessen, an die sich dann weitere Analysen anschließen können, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die von der jeweiligen Modalität des Schreibens abhängen. Um das Schreiben am Computer nachzuverfolgen, gibt es sogenannte Keystroke Logging Verfahren, bei denen eine Software alle Tastendrücke und ihren zeitlichen Verlauf protokolliert (Sullivan & Lindgren, 2006). Im Anschluss kann der gesamte Schreibprozess in Originalgeschwindigkeit, mit allen Löschungen, Ersetzungen, Progressionen und Pausen, wieder ‚abgespielt’ und damit sichtbar gemacht werden; die Protokolldatei erlaubt viele Arten von Analysen, wobei Standardauswertungen in den Softwareprodukten bereits enthalten sind. Weit verbreitet in der Forschung sind ScriptLog und InputLog, welche die entwickelnden Arbeitsgruppen kostenfrei zur Verfügung stellen. Das Wissensportal www.writingpro.eu hält hierzu detaillierte Informationen bereit.

Abb. 3: Ein speziell entwickelter Schreib-Tisch zur Videographie handschriftlicher Textproduktion. Bild: Joachim GrabowskiWährend es sich beim Tippen um diskrete, also klar voneinander abgrenzbare Ereignisse handelt, ist der handschriftliche Verlauf kontinuierlich und damit schwieriger zu handhaben. Wenn man auf einem Graphiktablett schreibt, lässt sich die Bewegungsspur als Sequenz von Stiftpositionen speichern. Hierbei gelingt es aber nur begrenzt, die handschriftliche Schreibspur, wie bei der Texterkennung, automatisch in Buchstabeneinheiten zu zerlegen. Vor allem motoriknahe Aspekte des Schreibens, beispielsweise der Schreibdruck und die Schreibflüssigkeit, lassen sich aber sehr gut untersuchen. Für jüngere Schulkinder beispielsweise könnte aber die laborartige Schreibsituation auf einem Graphiktablett schon etwas befremdlich sein. Handschriftliche Textproduktion in ihrer natürlichen Umgebung kann man natürlich, wie jedes andere Verhalten auch, videographieren und anschließend wie filmische Beobachtungssequenzen behandeln. Allerdings kann man die Entwicklung des handschriftlichen Textes von oben oder von vorne nicht ungehindert verfolgen; insbesondere linkshändische Personen verdecken das Blatt häufig mit der Schreibhand. Grabowski, Weinzierl und Schmitt (2010) haben deshalb für die Forschung in Schulen einen speziellen Schreib-Tisch entwickelt, der die gewohnte Schreibsituation mit den Anforderungen laborexperimenteller Kontrolle verbindet. Von oben gesehen entspricht der Tisch in Höhe und Größe einer ganz normalen Schulbank. Aber unter dem Blatt, das die Schülerinnen und Schüler beschreiben, befindet sich eine Plexiglasscheibe sowie darunter ein um 45 Grad gekippter Spiegel, auf den eine unter dem Tisch montierte Kamera gerichtet ist. Die gespiegelte Rückseite des beschriebenen Blattes ergibt wieder das positive Bild der Schreibspur, die man nun völlig unverdeckt in ihrer Entstehung und in ihrem Zeitverlauf videographieren und anschließend analysieren kann (s. Abb. 3).

Häufig interessiert auch der Blickverlauf der schreibenden Person, beispielsweise bei Schreibaufgaben, die sich auf Vorlagen oder Materialien beziehen, etwa beim Abschreiben oder Zusammenfassen eines Textes oder der Beschreibung eines Bildes. Außerdem lesen wir beim Schreiben auch den Text, den wir selbst bereits geschrieben haben. Die Integration und Synchronisierung von Blickbewegungsdaten mit Schreibprozessen hat in den vergangenen Jahren bedeutende Fortschritte gemacht (Wengelin et al., 2009).

Aus kognitionspsychologischer Perspektive spielen bei der Analyse des Schreibprozesses die zeitlichen Verlaufsdaten eine besondere Rolle. Der Fokus liegt hier auf den Pausen, also auf Unterbrechungen im Produktionsprozess. Kurze Mikropausen sind dabei eher auf Aspekte der motorischen Ausführung (handschriftliche Flüssigkeit, Tastaturgeübtheit) zurückzuführen, während Ort, Dauer und Verteilung längerer Makropausen Indikatoren für kognitiv aufwändigere Prozesse des Planens, gegebenenfalls auch des Formulierens sind.

Kognitive Psychologie und Schreibdidaktik

Kann man aus diesem Bericht eines Fünftklässlers den Unfallhergang (rechts) erschließen? Der rote Punkt markiert den Standort des Beobachters. (Bilddesign: kikkerbillen.de)Die Kognitive Psychologie behandelt den Schreibprozess und die zugehörigen Fähigkeiten also zunächst ähnlich wie andere Bereiche des menschlichen Denkens und Verhaltens. Auch wenn in den genannten Beispielen der Grundlagenforschung die Einzelsprache, in der geschrieben wird, zunächst keine Rolle spielt, bringt der Phänomenbereich der Sprache doch auch Besonderheiten mit sich, die eine Zusammenarbeit mit linguistischer Expertise nahelegen. Zur praktischen Anwendung kommt eine solche Zusammenarbeit beispielsweise für die schulische Schreibdidaktik. Nach dem sogenannten PISA-Schock hat sich in Deutschland im Bildungssystem einiges verändert; vor allem werden Unterrichtsziele jetzt kompetenzorientiert formuliert (Grabowski, 2014): Bildung soll dazu befähigen, auftretende Probleme zu lösen und nicht nur bestimmte Aufgabentypen zu bewältigen. Schreibkompetenz ist dann als die Fähigkeit aufzufassen, funktional angemessene Texte zu produzieren, die bei ihren Leserinne und Lesern die intendierte Wirkung entfalten. Welche Fähigkeiten es im Einzelnen sind, die zur Schreibkompetenz von Schülerinnen und Schülern beitragen, und wie sich diese am besten vermitteln lassen, ist Gegenstand eines aktuellen, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts (Knopp, Becker-Mrotzek & Grabowski, 2013). Hier stellte sich heraus, dass es vor allem zwei kognitive, vorsprachliche Fähigkeitsbereiche sind, aus denen sich die Textqualität von Schreibern und Schreiberinnen der 5. und 9. Klassen von Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien vorhersagen lassen: die Fähigkeit, die Perspektive anderer einzunehmen, und die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen und zu beurteilen (Kohärenzgenerierung). Dies resultiert in adressatenorientierten und kohärenten Texten. Das statistische Ausmaß der Vorhersagen bleibt auch dann erheblich, wenn man die Zusammenhänge um die Einflüsse allgemeiner kognitiver und sprachlicher Grundfähigkeiten wie Arbeitsgedächtniskapazität, Reaktionsgeschwindigkeit und Leseflüssigkeit korrigiert: Die Fähigkeiten zur Perspektivenübernahme und Kohärenzgenerierung tragen also auch über diese allgemeinen Fähigkeiten hinaus entscheidend zur Qualität von Texten bei. Anders als in der traditionellen Schreibdidaktik, die sich sehr an einzelnen Textsorten orientiert (Erzählung, Bericht/Beschreibung, Erörterung etc.), konnten diese Zusammenhänge für berichtende, instruierende und argumentative Texte gleichermaßen nachgewiesen werden. Aktuell wird nun untersucht, ob sich durch Unterricht, der die Fähigkeiten zur Perspektivenübernahme (Wie sieht die Welt für andere aus? Was fühlt er? Was weiß sie?) und zum Herstellen und Beurteilen von Zusammenhängen fördert, die Schreibkompetenz der Schüler und Schülerinnen verbessern lässt. Wenn das gelingt, wäre das ein wichtiger kognitionspsychologischer Beitrag zur sprachlichen Bildung.

Literaturverzeichnis

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