Sind wir denn alle zusammen Feiglinge? Warum niemand im Beisein anderer helfend eingreift

Schluss

Das Nicht-Eingreifen in Notsituationen kann nicht einfach mit einer lethargischen Veranlagung bzw. mit Gleichgültigkeit erklärt werden. Je größer die Zahl der Leute, die eingreifen könnten, desto geringer fällt die Bereitschaft zu helfen aus. Obwohl die Zahl der Passierenden eine deutliche Auswirkung auf die Hilfsbereitschaft hat, ist es wohl möglich, diesen Zusammenhang zu umgehen, indem man geschickte Interventionsstrategien anwendet. Die Kenntnis derselben ist nützlich, wenn man sich einmal in der Rolle der oder des Passierenden befindet, der zum Eingreifen bereit ist, oder wenn man sich selbst in der Rolle des Opfers befindet und dringend Hilfe benötigt. Drei nützliche Möglichkeiten des Eingreifens wurden oben für beide Situationen beschrieben. Zum Ersten können wir besser eingreifen, wenn wir Notsituationen dadurch erkennen, dass wir mitbekommen, was um uns herum alles abläuft (Darley & Batson, 1973). Zum Zweiten können wir besser eingreifen, wenn wir nicht einfach davon ausgehen, dass die Reaktionen der Mitmenschen eine Notsituation wahrheitsgemäß widerspiegeln (Aronson & Akert, 2007). Zum Dritten können wir besser eingreifen, wenn wir uns klarmachen, dass wir die Verantwortung haben, anderen zu helfen, selbst wenn noch weitere Personen zugegen sind (und somit den Effekt der Verantwortungsdiffusion vermeiden; cf. Darley & Latané, 1968).

Es könnte jedoch noch wichtiger sein, die Mitmenschen dazu zu bewegen, den Bystander Effekt auszuschalten, wenn wir uns selbst in einer misslichen Lage befinden. Erstens können wir eher Hilfe erhalten, wenn wir die Passierenden auf die konkrete Notsituation aufmerksam machen (Felson & Feld, 2009). Zweitens können wir den Bystander Effekt bei unseren Mitmenschen eher ausschalten, wenn wir sie einzeln ansprechen und bei ihnen dadurch ein Verantwortungsbewusstsein erzeugen (Shaffer et al., 1975; Markey, 2000). Drittens können wir die Wahrscheinlichkeit, dass uns geholfen wird, vergrößern, wenn wir den oder die größte/n und kräftigste/n Passierende/n ansprechen (Huston et al., 1981).

Sind wir also allesamt Feiglinge?

Das ist unter Umständen der Fall; dies gilt jedoch hoffentlich nicht mehr nach der Lektüre dieses Beitrags. Es scheint mehrere Möglichkeiten zu geben, ein/e bessere/r Helfer/in in einer Notsituation zu werden; zudem gibt es mehrere Kniffe, mit denen man Passierende zum Helfen animieren kann. Die hier vorgestellten Vorschläge, wie man eine passierende Person dazu bringt, einem zu helfen, klingen relativ simpel; wenn man sich allerdings gut damit auskennt, können sie Leben retten.

Referenzen

Aronson,E. & Akert, R.M. (2007). Social psychology. London, UK: Pearson.

Beaman, A., Barnes, P. J., Klentz, B. & McQuirk, B. (1978). Increasing helping rates through information dissemination: Teaching pays. Personality and Social Psychology Bulletin, 4, 406-411.

Darley, J. M. & Batson, C. D. (1973). ‘From Jerusalem to Jericho': A study of situational and dispositional variables in helping behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 1, 100-108

Darley, J. M. & Latané, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8, 377-383.

Felson, R. B. & Feld, S. L. (2009). When a man hits a woman: Moral evaluations and reporting violence to the police. Aggressive Behavior, 35, 477-488.

Huston, T. L., Ruggiero, M., Conner, R. & Geis, G. (1981). Bystander intervention into crime: A study based on naturally-occurring episodes. Social Psychology Quarterly, 1, 14-23.

Latané, B. & Darley, J. M. (1970). The unresponsive bystander: Why doesn’t he help? New York, NY: Appleton-Century-Croft.

Levine, M. (1999). Rethinking bystander nonintervention: Social categorization and the evidence of witnesses at the James Bulger murder trial. Human Relations, 52, 1133-1155.

Levine, M., Prosser, A., Evans, D. & Reicher, S. (2005). Identity and emergency intervention: How social group membership and inclusiveness of group boundaries shape helping behavior. Personality and Social Psychology Bulletin, 31, 443-453.

Markey, P. M. (2000). Bystander intervention in computer-mediated communication. Computers in Human Behavior, 2, 183-188.

Milgram, S. & Hollander, P. (1964). Murder they heard. Nation, 198, 602-604.

Shaffer, D. R., Rogel, M. & Hendrick, C. (1975). Intervention in the library: The effect of increased responsibility on bystanders’ willingness to prevent theft. Journal of Applied Social Psychology, 5, 303-319.

 

 

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