Soziale Ausgrenzung und Mobbing – Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Mädchen und Jungen

Mobbingformen

Soziale Ausgrenzung auf dem Schulhof: Opfer von Mobbing stehen oft alleine einer ganzen Gruppen gegenüber. Bild: Gezeichnet und Eigentum von Marianne Kauer.Soziale Ausgrenzung auf dem Schulhof: Opfer von Mobbing stehen oft alleine einer ganzen Gruppen gegenüber. Bild: Gezeichnet und Eigentum von Marianne Kauer.

Mobbing hat viele Gesichter. Neben den direkten Mobbingformen, bei denen eine offene Konfrontation stattfindet (schlagen, beschimpfen, drohen, erpressen usw.) ist bei indirekten Formen, zu denen Ausgrenzung gehört, oft von außen nicht ersichtlich, was passiert. Dazu gehören unterschwellige Handlungen (z. B. “zufällig” ein Mäppchen vom Pult wischen), nonverbale Handlungen (z. B. Augen verdrehen), aber auch auf Beziehungen gerichtete Aggressionen (z. B. bloßstellen, Freundschaften zerstören, Gerüchte streuen, Ausgrenzen, Ignorieren). Auf Beziehungen gerichtete Aggressionen werden auch als “relationale” Mobbingformen bezeichnet, weil dadurch Beziehungen beschädigt oder zerstört werden.

Da sich das Mobbinggeschehen über Zeit aufbaut und beim Nicht-Eingreifen seitens Erwachsener fest etabliert, gerät das Opfer in eine immer schwächere, zunehmend ausgelieferte Position und gehört immer weniger “dazu”. Somit werden Ausgrenzung und Ignorieren einerseits mit eingesetzt, um jemanden zu mobben; andererseits sind zunehmende Ausgrenzung und Isolation Ergebnisse von Mobbing (Alsaker, 2016). Auch Lisa ist zunehmend isoliert, da sie schon seit einiger Zeit nicht beim „Fun“-Klassenchat mitmachen darf und immer öfter Zielscheibe von Getuschel und Blicken ist.

Insgesamt treten indirekte Mobbingformen häufiger auf als direkte, wobei das Nachrufen von beleidigenden Namen und anschließende Auslachen in vielen Studien an erster Stelle steht.

Mobbing und Geschlecht

Gemeinsam ist beiden Geschlechtern, dass sich Mobbing für TäterInnen, Opfer und ZuschauerInnen negativ auf psychische Gesundheit, Wohlbefinden, schulische Leistungen sowie Sozialbeziehungen auswirkt, dies auch längerfristig. Opfer von Mobbing – Mädchen wie Jungen – leiden beispielsweise vor allem unter so genannten internalisierenden (nach innen gerichteten) Problemen wie niedrigem Selbstwert, Einsamkeit oder Depressionen (Cook, Williams, Guerra, Kim & Sadek, 2010). TäterInnen zeigen v.a. externalisierende (nach außen gerichtete) Probleme, u. a. Aggressivität, (späterer) Alkoholmissbrauch oder (spätere) Gesetzesbrüche (Cook et al., 2010). ZuschauerInnen zeigen sowohl internalisierende als auch externalisierende Probleme wie z. B. Schulangst, Wutausbrüche oder Depressivität (Blazer, 2005). Insgesamt sind die genauen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge dabei noch nicht vollständig geklärt (z. B. McDougall & Vaillancourt, 2015).

Es finden sich aber auch Geschlechtsunterschiede bei TäterInnen und Opfern. Diese Unterschiede betreffen sowohl die verwendeten Mobbingformen als auch die Folgen von Mobbing.
Wir schauen zunächst auf die TäterInnenseite: Viele Untersuchungen belegen, dass Jungen eher mobben als Mädchen, unabhängig davon, welche Klasse sie besuchen, welche Nationalität sie haben oder welcher Kultur sie angehören. Zudem setzen Jungen eher direkte, v.a. körperliche Formen ein, während Mädchen eher indirekte Formen verwenden (Carbone-Lopez, Esbensen & Brick, 2010). Weiter ergab eine Studie von Dukes, Stein und Zane (2010) mit 1662 7.-12.-KlässlerInnen, dass TäterInnen, die relational mobbten eher gewalttätiges Verhalten zeigten und eher Waffen trugen, als TäterInnen, die körperlich mobbten. Obwohl dies für Jungen und Mädchen galt, war der Effekt bei Jungen stärker ausgeprägt. Gerade bei Jungen hängt demnach relationales Mobbing auch mit körperlicher Gewalt zusammen. Schließlich zeigte die Studie von Felix und Mac Mahon (2006), dass Jungen Jugendliche beider Geschlechter relational mobbten, während Mädchen praktisch nur andere Mädchen ins Visier nahmen.

Schauen wir nun auf die Opferseite: Viele Studien zeigen, dass Jungen mehr gefährdet sind, Opfer von direktem Mobbing zu werden. Mädchen hingegen werden eher Opfer von indirekten, vor allem relationalen Formen (Alsaker, 2016). Zudem werden Jugendliche, die das Gesetz brechen, eher Opfer als solche, die das Gesetz nicht brechen. Dieses Risiko ist größer für Mädchen als für Jungen (Carbone-Lopez et al., 2010).
Wenn wir schauen, welche Folgen indirektes Mobbing für die Opfer hat, zeigen sich ebenfalls geschlechtsbezogene Unterschiede. Carbone-Lopez und KollegInnen (2010) untersuchten, wie sich indirekt gemobbte Jugendlichen über ein Jahr entwickelten. Es zeigte sich, dass die Mädchen zunehmend mehr Drogen konsumierten. Bei den Jungen nahm der Drogenkonsum ab. Die Mädchen hatten zudem ein immer niedrigeres Selbstwertgefühl und suchten vermehrt Anschluss in einer Jugend-Gang. Beides war bei den Jungen nicht der Fall.

Warum diese Unterschiede?

Warum sich Mädchen und Jungen bei relationalem/indirektem Mobbing unterscheiden, wird unterschiedlich begründet. Einmal könnten die oben genannten Erziehungsunterschiede eine Rolle spielen. So können unterschiedliche Erwartungen an ihre Geschlechterrollen gestellt werden wie z. B. “beliebte, nette Mädels und starke, draufgängerische Jungs”; gleichzeitig werden Mädchen von klein auf dazu erzogen, Wut und Aggressionen nicht offen auszudrücken (Zahn-Waxler, 2000). Mädchen, die direkte, v.a. körperliche Mobbingformen verwenden, würden somit aus der Rolle fallen (Felix & Green, 2010). Eine andere Erklärung besagt, dass indirekte/relationale Mobbingformen hohe soziale und sprachliche Fertigkeiten erfordern. Da Mädchen in diesen Bereichen gewöhnlich weiter entwickelt sind als Jungen desselben Alters, können sie eher auf diese Formen zurückgreifen (Carbone-Lopez et al., 2010).

Fazit: Und die Moral von der Geschicht’?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Jungen und Mädchen bezüglich sozialer Ausgrenzung und Mobbing in einer Reihe von Aspekten unterscheiden, die sowohl die Opfer- als auch die TäterInnen-Seite betreffen. Somit ist es wichtig, für die Thematik sensibilisiert zu sein und das Wissen um geschlechtsspezifische Unterschiede für das Erkennen von schädigenden Formen der Ausgrenzung und anschließende Maßnahmen anzuwenden. Ein wichtiger Bereich ist hier die Schule. So weisen beispielsweise männliche Lehrkräfte ein engeres Verständnis von Gewalt auf als weibliche. Gewalt/Aggression findet für sie direkt und hauptsächlich körperlich statt. Sie nehmen indirekte/relationale Mobbingformen oft nicht wahr und greifen nicht ein. So fallen ihnen vor allem Mädchen, die indirekt/relational mobben, weniger auf (Bilz, Steger, Fischer, Schubarth & Kunze, 2016). In Lisas Fall bedeutet dies, dass einem Lehrer solche Vorkommnisse (Getuschel, Blicke) möglicherweise gar nicht auffallen, auch wenn sie regelmäßig in seiner Anwesenheit stattfinden. Entsprechend ist die Sensibilisierung für indirekte/relationale Mobbingformen sowie für Ausgrenzung gerade bei männlichen Lehrkräften eine wichtige Präventionsmaßnahme.

Dennoch sollte bei all den genannten Unterschieden nicht vergessen werden, dass es auch mindestens eine wichtige Gemeinsamkeit gibt: Ausgrenzung tut niemandem gut, sie macht krank und unglücklich. Deshalb ist es wichtig, bei sozialer Ausgrenzung auch die moralische Dimension, also den Blick auf das Wohlergehen anderer Menschen, einzubeziehen. Denn besonders beim Mobbing wird das Wohlergehen Anderer wiederholt, gezielt, absichtlich und systematisch geschädigt. MobbingtäterInnen wissen genau, dass das, was sie tun, nicht in Ordnung ist. Sie zeigen jedoch wenig Mitgefühl für die Opfer und bringen Scheingründe (“er/sie trägt halt so komische Klamotten”) und Verharmlosungen ein (“das war doch nur Spaß”), um kein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Solche moralischen DistanLieber gemeinsam als einsam - Bereits im Vorschulalter verstehen Kinder Ausgrenzung als ein moralisches Problem. Bild: Jarmoluk via Pixabay (https://pixabay.com/de/hände-freundschaft-freunde-kinder-2847508/, CC:https://pixabay.com/de/service/license/).Lieber gemeinsam als einsam - Bereits im Vorschulalter verstehen Kinder Ausgrenzung als ein moralisches Problem. Bild: Jarmoluk via Pixabay (https://pixabay.com/de/hände-freundschaft-freunde-kinder-2847508/, CC:https://pixabay.com/de/service/license/).zierungsstrategien werden häufiger von Jungen als von Mädchen verwendet. Sie beeinflussen jedoch über Zeit das Denken der ganzen Gruppe, sodass eine richtiggehende Abhärtung gegenüber dem Leiden des Opfers stattfindet. Daher ist es wichtig, dass Erwachsene früh eingreifen und klarmachen, dass sie solches Verhalten grundsätzlich nicht akzeptieren, egal gegen wen es gerichtet ist und warum. Auch diese moralbezogene Sichtweise zeigt auf, dass das gezielte, wiederholte und systematische Ausschließen eine andere Qualität hat als wenn man jemanden in einer spezifischen Situation einmal nicht mitmachen lässt.

Und wie können wir nun unserer Lisa helfen? Wir sollten mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehen, solche oder ähnliche Situationen hinterfragen und wenn nötig eingreifen. Wenn uns die gesunde soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wichtig ist, braucht es eine Sensibilisierung für die beschriebenen Phänomene. Wir sollten alle – unabhängig unseres Geschlechts – unser Verhalten gegenüber Anderen immer kritisch hinterfragen. Es gilt, systematische, wiederholte und gezielte Ausgrenzung selbst zu vermeiden und mit Kindern und Jugendlichen ein tieferes Verständnis dessen zu erarbeiten, was Ausgrenzung mit Menschen macht und wie wichtig es ist, dagegen anzugehen.

Literaturverzeichnis

Alsaker, F. D. (2016). Mutig gegen Mobbing in Kindergarten und Schule (2. unveränderte Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation, 117(3), 497–529.

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