Stereotype und Vorurteile im frühen Kindesalter

Je stärker und konsistenter die Benennung und unterschiedliche Behandlung von sozialen Kategorien, umso eher wird die Aufmerksamkeit von Kindern darauf gelenkt, dass es unterschiedliche Arten von Menschen gibt, die sich grundlegend unterscheiden könnten (Bigler & Liben, 2006). Die nächste Aufgabe des Kindes ist es nun, diese Unterschiede zu verstehen, den Kategorien also Bedeutung hinzuzufügen. Erst in diesem Entwicklungsschritt legen Kinder Stereotype an: Überzeugungen darüber, welche Eigenschaften, Verhalten, oder Rollen typisch für Mitglieder sozialer Kategorien sind. Damit einher geht die Entwicklung von Vorurteilen: gruppenbasierte emotionale Reaktionen und Bewertungen.

Entwicklungsaufgabe Nr. 2: Welche Bedeutungen haben soziale Kategorien?

Die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen im Kindesalter lässt sich am ehesten als kreativer sozialer Lernprozess beschreiben, bei dem Kinder eine sehr aktive Rolle spielen. Sie nehmen Informationen aus der sozialen Umgebung auf und verarbeiten, verknüpfen und erinnern sie im Rahmen ihrer altersbedingten mentalen Fähigkeiten. Kinder suchen also aktiv nach Erklärungen für die beobachteten Unterschiede zwischen sozialen Gruppen. Das ist die berühmt-berüchtigte „Warum?“-Phase, in der elterliche Geduld und Auskunftsfähigkeit durch andauerndes Fragen herausgefordert wird. Beim Versuch, Sinn aus den Beobachtungen ihrer sozialen Umgebung zu erschließen, gehen Kinder oft deutlich über das hinaus, was sie beobachten. Sie suchen aktiv nach Ursachen für ihre Beobachtungen: „Warum spricht die Frau so komisch?“, „Warum hat der Mann braune Haut?“, „Wieso sitzt die Tante im Rollstuhl?“. Wenn statt einer Antwort mit dem üblichen „Pst, das sagt man nicht“ oder „Man zeigt nicht mit Fingern auf andere Leute“ reagiert wird, lernen Kinder übrigens vor allem, dass es sich um ein großes und wichtiges Tabu handelt, dass potentiell bedrohlich ist und zwar so bedrohlich, dass man da noch nicht einmal drüber reden darf...

"Gemeinsamer Spaziergang durch eine Fußgängerzone."  (Quelle: icsilviu via Pixabay: https://pixabay.com/de/photos/menschen-die-menge-familie-4665095/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/)"Gemeinsamer Spaziergang durch eine Fußgängerzone." (Quelle: icsilviu via Pixabay: https://pixabay.com/de/photos/menschen-die-menge-familie-4665095/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/)

Im Versuch, Sinn aus beobachteten Unterschieden zu machen, neigen Kinder stärker als Erwachsene dazu, soziale Gruppen zu essenzialisieren: Sie nehmen an, dass Mitglieder sozialer Kategorien neben den erkennbaren Unterschieden noch weitere, wichtige, aber nicht-offensichtliche Eigenschaften teilen: eine grundlegende Essenz, die Identität verleiht und andere kategorientypische Eigenschaften hervorruft. Beispiele für solche Essenzialisierungen wären die Annahmen, dass Jungen und Mädchen unterschiedlich funktionierende Gehirne hätten oder dass Menschen unterschiedlicher Hautfarben unterschiedliche Bluttypen haben oder unterschiedlichen Rassen angehören könnten. Diese Beispiele illustrieren, dass auch Erwachsene zu essenzialisierenden Schlussfolgerungen neigen. Die Karrieren nicht weniger Buchautor_innen oder Comedians fußen beispielsweise auf der weit geteilten Annahme, dass Männer und Frauen grundlegend anders seien, quasi von Mars oder Venus stammen würden. Ein weiterer wichtiger psychologischer Prozess ist die zunehmende soziale Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen, bei dem Stereotype und Vorurteile quasi als Nebenprodukt entstehen. Mit zunehmenden Alter entwickeln Kinder ein tieferes Verständnis für eigene soziale Zugehörigkeiten und beginnen, sich selbst aktiv anhand sozialer Kategorien zu identifizieren, zum Beispiel als Mädchen oder Junge, Hamburgerin oder Berlinerin, Deutsche oder Türkin, Schülerin der Klasse 1b oder 1c, Mitglied des Fußball- oder des Hockeyvereins, usw.

"Das soziale Zugehörigkeitsgefühl und die Identifikation mit sozialen Kriterien werden mit zunehmendem Alter stärker."  (Quelle: KeithJJ via Pixabay:https://pixabay.com/de/photos/volleyball-team-mädchen-zusammen-1520918/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/)"Das soziale Zugehörigkeitsgefühl und die Identifikation mit sozialen Kriterien werden mit zunehmendem Alter stärker." (Quelle: KeithJJ via Pixabay:https://pixabay.com/de/photos/volleyball-team-mädchen-zusammen-1520918/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/)

Aufbauend auf der frühkindlichen Präferenz für Vertrautheit geht dieser Prozess ganz automatisch mit Bevorzugung der eigenen Gruppen einher, selbst dann, wenn es dafür keinerlei objektive Ansatzpunkte gibt oder solch Verhalten gar nicht von Erwachsenen vorgemacht wird. So zeigen Kinder ab dem Alter von 4-5 Jahren eine starke Präferenz für ihre eigene Geschlechtsgruppe (Shutts, Banaji & Spelke 2010) oder ihre sprachliche Eigengruppe (Kinzler, Dupoux & Spelke, 2007). Vergleichbare Präferenzen stellen sich auch für die ethnische Eigengruppe ein (Degner & Wentura, 2010). Die psychologische Funktion solcher Eigengruppenbevorzugung ist bei Kindern wie Erwachsenen gleich: sie schafft einen positiven Selbstwert. Um diesen zu erreichen oder aufrechtzuerhalten suchen wir gezielt nach Gruppeneigenschaften und Gruppenunterschieden, die die eigene Gruppe besser dastehen lassen. „Warum (meine) Klasse 1b besser ist als die 1c? Ganz klar: wir können besser rechnen, sind viel netter und unsere Lehrerin hat einen Hund...“ Dieser Prozess unterscheidet sich zwischen Erwachsenen und Kindern kaum, auch Erwachsene kreieren Unmengen von angeblichen Unterschieden zwischen Gruppen, seien es Geschlechter, Nationen, oder Fußballvereine, die ihre eigenen Gruppen als besser erscheinen lassen als andere. Und diese Bewertungen und Überzeugungen kommunizieren wir ständig an unsere Kinder, ob gewollt oder ungewollt.

Dabei sind direkte Zuschreibungen gar nicht die häufigste oder wichtigste Informationsquelle für Kinder. So lernen Kinder beispielsweise Geschlechterrollen heutzutage weniger aus expliziten Aussagen („Jungs weinen nicht...“, „Mädchen, die pfeifen und Hühnern die kräh'n, ...“). Nichtdestotrotz ist unsere Umgebung reich an Informationen, die das Geschlecht systematisch an bestimmte Rollen und Eigenschaften koppeln. Eine Analyse von Kinderbüchern zeigt beispielsweise, dass Helden nach wie vor deutlich häufiger sind als Heldinnen, Mädchen als führsorglicher und sensibler dargestellt werden als Jungen, Mütter meist keine Berufe haben und Väter häufig außer Haus sind (Hamilton, Anderson, Broaddus & Young, 2006). Übrigens erscheinen diejenigen Charaktere in Kinderbüchern, die nicht den gängigen Geschlechterstereotypen entsprechen, oft auch außerhalb jeglicher Norm, so wie Pipi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter. Sie bestätigen dadurch als Ausnahmen die Regeln darüber, was typisch für Jungen und Mädchen ist.

Die bei weitem wichtigste Informationsquelle, die Kinder nutzen, sind beobachtete Verhaltensweisen. Kinder beobachten soziale Interaktionen Anderer sehr genau und erschließen daraus Eigenschaften und Einstellungen der beteiligten Personen. Dabei spielt nonverbales Verhalten eine herausgehobene Rolle. In einer Studie zeigten Forschende Kindern im Vorschulalter beispielsweise kurze Videos in denen eine weiße Person und eine schwarze Person ein Gespräch miteinander führten (Castelli, De Dea & Nesdale, 2008). Das nonverbale Verhalten der weißen Person war im Gespräch entweder entspannt oder verkrampft, unterschied sich z. B. durch das Halten oder Vermeiden von Augenkontakt, Zugewandtheit oder Abgewandtheit, Nähe oder Distanz. Die 4- bis 6-jährigen Kinder erschlossen aus dem beobachteten nonverbalen Verhalten eine entsprechende positive oder negative Einstellung des Erwachsenen – und zwar vollkommen unabhängig davon, welche Einstellung die Person verbal äußerte. Mehr noch, die Kinder passten ihre eigenen Einstellungen daran an – sie äußerten also selbst negative Einstellungen gegenüber Schwarzen, wenn sie negatives nonverbales Verhalten beobachtet hatten (siehe auch Skinner, Meltzoff & Olson, 2017).

Kinder sind also hochsensibel für subtile Signale im nonverbalen Verhalten, sowohl bei vertrauten Bezugspersonen als auch bei Fremden. Nehmen sie beispielsweise subtile Nervosität von Erwachsenen im Umgang mit Fremden wahr, so schließen sie daraus, dass von diesen eine potentielle Bedrohung ausgehen könnte. Beobachten sie subtile Abwertungssignale, schließen sie auf potentielle Unterlegenheit und Minderwertigkeit der Anderen. Die Forschung zu automatischen Verhaltenseinflüssen von Stereotypen und Vorurteilen zeigt, dass wir Erwachsenen solche negativen Verhaltenssignale übrigens oft auch dann senden, wenn wir tolerante Grundüberzeugungen haben und glauben, vorurteilsfrei zu handeln (z. B. Kurdi et al., 2019, s. Goedderz & Hahn, 2020). Meist sind sich Erwachsene gar nicht bewusst, welche subtilen Signale ihr Verhalten aussendet. Daher werden die meisten sozialen Einstellungen und Stereotype von Bezugspersonen Kindern gegenüber auch nur selten offen thematisiert und Kinder erhalten keine eindeutige Auskunft oder Erklärungen, und der häufige Widerspruch zwischen expliziten Äußerungen von toleranten Einstellungen und beobachteten Verhaltensunterschieden bleibt ein unaufgeklärtes Tabu (z. B. Degner & Dalege, 2013).

Gefüllt wird diese Lücke mit zunehmendem Alter durch Informationen von Gleichaltrigen, denn Kinder haben untereinander weniger Hemmungen, offen über beobachtete oder vermutete Gruppenunterschiede zu sprechen und entwickeln gemeinsame Normen zum Umgang miteinander. Der Einfluss von Eltern oder anderen erwachsenen Bezugspersonen auf die Einstellungen sinkt mit zunehmendem Alter, während die Peer- Normen deutlich relevanter werden (Nesdale, 2001). Vor allem im Teenager- und Jugendalter werden soziale Identitäten meist noch einmal neu definiert und hinterfragt. Diese Phase zeichnet sich auch durch eine stärkere explizite Auseinandersetzung mit Überzeugungen und Einstellungen zu sozialen Gruppen aus. Jugendliche sind deutlich selektiver und setzen sich bewusster damit auseinander, welche Normen und Einstellungen sie von anderen übernehmen wollen und ob sie als relevant für die eigenen Entscheidungen und Handlungen eingesetzt werden.

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