Vom rechten Rand auf Seite 1 – Wie die Medien unsere Meinung über Rechtsextremismus und Einwanderung beeinflussen

Dieses Framing kann beeinflussen, mit welchen Eigenschaften bestimmte Personengruppen, dazu zählen auch Zuwanderinnen und Zuwander, in Verbindung gebracht werden. Im Sinne des Second-Level Agenda-Settingführt die häufige Paarung von Ereignissen mit bestimmten Attributen (etwa Flüchtlinge und Bedrohung) zu einer höheren Salienz dieser Verknüpfung. Andere, seltener genannte Attribute in Zusammenhang mit einem Ereignis (etwa Flüchtlinge und Bereicherung der Gesellschaft) werden dagegen nicht so oft miteinander in Verbindung gebracht. Als Folge werden diese Attribute auch außerhalb der Medienrezeption stärker (bzw. schwächer) mit den präsentierten Themen verknüpft (McCombs, 2005). Hussain (2000) etwa stellte bei seiner Untersuchung der dänischen Medien fest, dass 75 % der Attribute, mit denen Migrantinnen und Migranten in den Nachrichten verknüpft wurden, negativ waren. Kießler (2013) zeigte anhand der Berichterstattung über den Prozessauftakt gegen den NSU und seine mutmaßlichen Unterstützer, dass sich die Berichterstattung in den drei größten deutschen Tageszeitungen im Gerichtssaal (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung und BILD) stark auf die Täterseite fokussierte: 67 % der persönlichen Darstellungen bezogen sich auf diese Seite, nur 33 % auf die der Opfer. Insbesondere die Hauptangeklagte Beate Zschäpe stand im Fokus der medialen Aufmerksamkeit (s. Abbildung 2), wobei die Attribute, mit denen sie beschrieben wurde, zu 40 % positiv waren (s. Abbildung 3), etwa wenn die BILD-Zeitung titelte „Zschäpe war der Star unter den Häftlingen“ (Kürthy & Steinbach, 2013).

 

Abbildung 3: Prozentuale Verteilung der Bewertungen von Angeklagten und Betroffenen in der Berichterstattung über die ersten Tage des NSU-Prozesses. Zu negativen Wertungen der Angeklagten zählen zum Beispiel die Bezeichnungen Zschäpes als „Teufel“ und „Staatsfein-din Nummer 1“. Positive Bewertungen sind unter anderem die Beschreibungen ihrer Person als „tierlieb“ und „kinderlieb“. Quelle: Kießler (2013).Abbildung 3: Prozentuale Verteilung der Bewertungen von Angeklagten und Betroffenen in der Berichterstattung über die ersten Tage des NSU-Prozesses. Zu negativen Wertungen der Angeklagten zählen zum Beispiel die Bezeichnungen Zschäpes als „Teufel“ und „Staatsfein-din Nummer 1“. Positive Bewertungen sind unter anderem die Beschreibungen ihrer Person als „tierlieb“ und „kinderlieb“. Quelle: Kießler (2013).Für die Wirkung negativer Darstellungen von Zuwanderinnen und Zuwanderer in den Medien gibt es bereits Studien, die experimentell überprüft haben, ob sich dadurch tatsächlich die Einstellungen verändern. Zum Beispiel zeigte Arendt (2013), dass diejenigen Probandinnen und Probanden, die Zeitungsartikel über kriminelle Ausländer gelesen hatten, diese im Anschluss schneller automatisch mit Kriminalität assoziierten als Personen, die diese Artikel nicht gelesen hatten. Und auch Igartua, Moral-Toranzo und Fernández (2011) fanden heraus, dass Zeitungsartikel, die den Fokus auf kriminelle Aktivitäten von Einwanderinnen und Einwanderern legten, zu einer negativeren Einstellung und Gefühlen von Ablehnung, Ärger und Angst gegenüber Asylantinnen Asylanten führten. Aber beeinflusst die Darstellung von Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten wie Beate Zschäpe und den weiteren Angeklagten im NSU-Prozess auch, wie wir über rechte Gruppierungen denken? Hierzu gibt es bisher weit weniger empirische Studien. Eine erste Studie aus den Niederlanden bestätigte jedoch die Bedeutung des Framing-Effekts auch für diesen Fokus der Berichterstattung. Holländische Studierende tolerierten eine rechtspopulistische Rede in ihrer Stadt eher, wenn sie als „freie Meinungsäußerung“ präsentiert, als wenn sie als Frage der öffentlichen Sicherheit dargestellt wurde (Ramírez & Verkuyten, 2011). Und holländische Wählerinnen und Wähler beurteilten rechtspopulistische Parteiführer als erfolgreicher und erlebten sie als legitimer, je prominenter diese in den Medien platziert waren (Bos, 2012). Für Deutschland fehlen vergleichbare Studien derzeit. Daher lassen sich hier keine konkreten Vorhersagen über kurz- oder langfristige Wirkungen ableiten. Dies ist ein Bereich, zu dem die Medienpsychologie noch ihren Teil beitragen kann. Was aber im internationalen Vergleich deutlich wird, ist, dass Journalistinnen und Journalisten bei der Berichterstattung sowohl über Themen, die der rechte Rand sich gerne zu Eigen macht, als auch über Rechtsextremismus selbst eine besondere Verantwortung tragen.

Wie sieht eine angemessene Berichterstattung über Rechtsextremismus aus?

Was können Journalistinnen und Journalisten konkret tun, um angemessen mit rechtsextremistischen Themen umzugehen? Bezüglich der Darstellung von zugewanderten Personen verweist das Bundesministerium des Innern (2008) zum einen auf Rundfunkgesetze und Medienstaatsverträge. Es hält fest, dass die Würde des Menschen auch in der Berichterstattung zu schützen sei. Hieraus leitet sich die Forderung ab, dass über Angehörige von Minderheiten angemessenen(er) berichtet werden müsse, um Vorurteile zu verhindern. Das könnte beispielsweise dadurch passieren, dass Migrantinnen und Migranten in Berichten ein Gesicht gegeben wird, ohne sie auf ihre Herkunft zu reduzieren. Dadurch würden diese als Personen mit eigener Lebensgeschichte wahrnehmbar und nicht als abstrakte Masse. Und auch mehr positive Berichte wären wünschenswert (Hussain, 2000). Zum Beispiel konnten Igartua et al. (2011) zeigen, dass Berichte über Einwanderinnen und Einwanderer mit eigenem Einkommen dazu führten, dass die negativen Auswirkungen von Zuwanderung geringer eingeschätzt wurden.

Bezüglich der Berichterstattung über Rechtsextremismus fordert die Bertelsmann Stiftung (2005), dass über Rechtsextremismus auch unabhängig von Ereignissen berichtet werden müsse. Es sei notwendig, eine öffentliche Analyse über die Strukturen des rechten Rands der Gesellschaft zu führen, um ein breites und kritisches Bewusstsein dafür zu schaffen. Auch sollten Probleme nicht dramatisiert, sondern durch objektive, ausführliche Berichte Lösungen für sie vorgeschlagen werden.

Fazit

Rechtsextremismus in Deutschland steht durch den Wahlerfolg rechter Parteien, Pegida, Proteste gegen Asylbewerber oder den NSU-Prozess wieder oben auf der Medienagenda. Das kann einerseits die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass wieder kritisch öffentlich über Rechtsextremismus diskutiert wird. Andererseits zeigt die bisherige Forschung, dass es dabei von Bedeutung ist, auf welche Weise sowohl Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten als auch Betroffene wie Flüchtlinge in den Medien dargestellt werden. Bisherige Studien zeigen eine zum Teil unausgewogene Berichterstattung und machen deutlich, wie wichtig es ist, einen stärkeren Fokus auf die Hintergründe von Rechtsextremismus zu legen und so zu verhindern, dass eine Eskalation rechter Gewalt durch mediale Berichterstattung unterstützt wird (Brosius et al., 2002).

 

Literatur

Arendt, F. (2013). Dose-dependent media priming effects of stereotypic newspaper articles on implicit and explicit stereotypes. Journal of Communication, 63, 830-851. doi:10.1111/jcom.12056

Bertelsmann Stiftung & Bertelsmann Forschungsgruppe Politik (Eds.) (2005). Strategien gegen Rechtsextremismus. Ergebnisse der Recherche (Bd.1 ed.). Gütersloh.

Bos, L. (2012). Public images of right-wing populist leaders: The role of the media. Dissertation, University of Amsterdam. http://dare.uva.nl/record/1/370297.

Brosius, H.-B., Esser, F. & Scheufele, B. (2002). Eskalation durch Berichterstattung? Ein Erklärungsmodell für die Verbreitung fremdenfeindlicher Gewalt nach der Wiedervereinigung. In F. Esser, B. Scheufele & H.-B. Brosius (Hrsg.), Fremdenfeindlichkeit als Medienthema und Medienwirkung. Deutschland im internationalen Schweinwerferlicht (S. 27-37). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Bundesministerium des Innern. (2008). Nationaler Aktionsplan der Bundesrepublik Deutschland zur Bekämpfung von Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und darauf bezogene Intoleranz. Verfügbar unter http://www.bmi.bund.de [07.06.2014].

Decker, O., Weißmann, M., Kiess, J. & Brähler, E. (2010). Die Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.

Focus Online. (2014, 24. Dezember). Gauck fordert Offenheit und Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge. Focus Online, S. 58.

Hussain, M. (2000). Islam, Media and Minorities in Denmark. Current Sociology, 48, 95-116. doi:10.1177/0011392100048004008

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