Von Facebook in den Kampf – Wie soziale Medien Extremismus ein Zuhause bieten

2) Narratives – soziale Medien verbreiten die Ideologie. Aufgrund ihrer immensen Reichweite sind Online-Medien perfekt dafür geeignet, ideologische Erzählungen zu verbreiten. Vor allem für junge Menschen sind Online-Medien längst selbstverständlicher Teil ihrer Lebenswelt geworden. Es ist also wenig verwunderlich, dass ExtremistInnen ganze Medieninstitutionen errichtet haben, um im Netz ihre Propaganda zu streuen. So finden sich beispielsweise im ultra-rechten Spektrum unzählige pseudo-journalistische Websites, Blogs und vorgebliche Online-Zeitungen. Der selbsterklärte „Islamische Staat“ betrieb sogar eine eigene Presseagentur. Auf scheinbar harmlosen Plattformen wie Instagram finden sich ästhetisch gestaltete Aufrufe zu blutiger Gewalt. Auch in anderen sozialen Netzwerken sind Aufrufe zu Gewalt teilweise unverschleiert zu finden: „Wehr dich – Werde aktiv“ hieß es etwa in einem YouTube-Video einer deutschen rechtsextremen Gruppierung im Dezember 2020. Bei Telegram hetzte der ehemalige Kochbuchautor Attila H. seit Ausbruch der Coronapandemie 2020 zunehmend unverhohlen gegen die angebliche jüdische Weltordnung, die „Jewish World Order“. Und so ist es letztlich wenig überraschend, dass auch die Teenagerin Leonora M. vor ihrer Ausreise in den syrischen Bürgerkrieg über soziale Medien wie Facebook und WhatsApp-Gruppen in Kontakt mit extremistischem Gedankengut kam.

3) Networks – soziale Medien ermöglichen globale Netzwerke. Die globale Ausbreitung des Internets und der sozialen Medien hat es der Menschheit ermöglicht, soziale Netzwerke unabhängig von dem physischen Ort der einzelnen Mitglieder aufzubauen und sich mit anderen Personen weltweit zu vernetzen. Diese Entwicklung ist auch für ExtremistInnen vorteilhaft, die über Online-Plattformen transnational Wissen und Erkenntnisse austauschen, Wahlen beeinflussen, Spenden sammeln und Informationskampagnen koordinieren (Davey & Ebner, 2017). Ultra-rechte Gruppen arbeiten heutzutage weltweit zusammen, um gemeinsame Ziele zu erreichen und ihren Einfluss zu vergrößern. Diese globale digitale Vernetzung demonstrieren auch die Fälle von Brenton T., Stephan B. und Leonora M., die über digitale Kanäle mit extremistischen Personen und Gedanken eines globalen Netzwerkes in Verbindung standen.

Online- Propaganda in sozialen Medien

Gerade die Verbreitung von Propaganda über soziale Medien ist eine beliebte Methode von ExtremistInnen, um zu polarisieren, zu manipulieren und neue AnhängerInnen zu gewinnen. Extremistische Inhalte sind im Internet weit verbreitet, wie eine Bild 3: Soziale Medien (Symbolbild).Bild 3: Soziale Medien (Symbolbild).2016 durchgeführte repräsentative Befragung von über 1.000 14- bis 19-Jährigen in Deutschland ergab: Ungefähr die Hälfte von ihnen kam über soziale Netzwerke bereits zumindest gelegentlich mit extremistischen Inhalten in Kontakt (Reinemann et al., 2019). In Bezug auf Videoplattformen wie YouTube gaben zudem ungefähr 35 Prozent der Jugendlichen an, dort schon gelegentlich auf extremistische Inhalte gestoßen zu sein (ebendiese). Die Coronapandemie scheint aktuell noch zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen. Eine Auswertung der Erzählungen und der Netzwerke von rechts-, links- und islamistisch-extremistischen AkteurInnen auf verschiedenen sozialen Medien sowie extremistischen Websites zeigte: Deutschsprachige ExtremistInnen konnten die Reichweite (ihrer meist nicht sehr reichweitenstarken Kanäle) auf Facebook, Twitter und YouTube seit dem ersten Lockdown im März 2020 bis zum September 2020 im Durchschnitt um 14 Prozent vergrößern, wobei das Wachstum bei rechtsextremistischen AkteurInnen mit 18 Prozent größer ausfiel als bei linksextremistischen (10 Prozent) und islamistisch-extremistischen AkteurInnen (6 Prozent; Guhl & Gerster, 2020). Noch größer war allerdings das Wachstum der FollowerInnen von rechtsextremen VerschwörungsanhängerInnen und RechtsextremistInnen auf dem Messenger-Dienst Telegram: Der mitgliederstärkste muslimfeindliche Kanal wuchs dort von 14.000 auf 40.000 Personen (185 Prozent), der größte nationalsozialistische Kanal von 11.000 auf 27.000 Personen (145 Prozent), der größte ethnozentrische Kanal von 43.000 auf 57.000 Personen (33 Prozent) und die FollowerInnenzahlen des größten QAnon-Kanals stiegen um ganze 560 Prozent, von 18.000 auf 120.000 Personen.

Doch was kann dagegen getan werden?

Propaganda passiert nie im luftleeren Raum: Gesellschaftliche, soziale und individuelle Gegebenheiten beeinflussen, inwieweit Propaganda ihre Wirkung tatsächlich entfalten kann (Rieger et al., 2020). Und genau wie ExtremistInnen soziale Medien nutzen, um ihr Gedankengut zu verbreiten, liegen hier auch vielversprechende Ansatzpunkte für Präventionsmaßnahmen, die an jedem der 3Ns ansetzen können.

BetreiberInnen von Online-Plattformen können darauf Einfluss nehmen, wie viel Reichweite und Bedeutsamkeit man mit extremistischen Inhalten überhaupt erreichen kann – etwa indem konsequent gegen Personen vorgegangen wird, die solche Inhalte verbreiten. Bietet man Extremismus keinen Raum und löscht man die betreffenden Posts und Accounts, schränkt dies die Möglichkeit für andere extremistische Personen ein, dort innerhalb einer Gruppe Gleichgesinnter ihr Bedürfnis nach Bedeutsamkeit befriedigen zu können. So könnte man auch der (digitalen) Vernetzung von ExtremistInnen untereinander entgegenwirken. Hier ist jedoch wichtig, dass sich die Plattformbetreibenden geschlossen ihrer Verantwortung stellen – weigert sich ein soziales Medium, Extremismus entschieden entgegenzutreten, könnte dort schnell ein neuer Sammelplatz dafür entstehen. Gleichzeitig müssen Löschungen aber immer auch sorgfältig gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung abgewogen werden. Vielversprechender scheint daher die Stärkung der Kompetenzen von Mediennutzenden – etwa durch digitale Gegenangebote (vgl. Rieger et al., 2020). So könnte man beispielsweise vor extremistischen Inhalten warnen, szenetypische Argumente präsentieren und diese direkt durch passende Gegenargumente entkräften. So kann die Widerstandskraft gegen extremistische Propaganda gestärkt und die Unterstützungsbereitschaft gegenüber solchen Gruppierungen verringert werden – die NutzerInnen werden sozusagen gegen extremistische Inhalte geimpft (Braddock, 2019). Gleichzeitig zeigen die 3Ns aber auch: ExtremistInnen setzen an menschlichen Bedürfnissen an – wie die Zukunft in sozialen Medien aussieht, liegt also auch in der Hand jeder einzelnen Person. Eine Möglichkeit, Einfluss auf Radikalisierungsprozesse in sozialen Medien zu nehmen, liegt darin, extremistischer Propaganda im Internet offen entgegenzutreten: Indem man extremistische Ideologien angreift, indem man sich für Menschenrechte und Demokratie stark macht, Hass und Hetze widerspricht, soziale Ausgrenzung verhindert, oder Inhalte liked und verbreitet, die Mitgefühl und Empathie zeigen. Denn ständiger Hass und Hetze im Internet haben fatale Folgen: Das Mitgefühl, das man eigentlich für andere Menschen empfindet – beispielsweise für Geflüchtete, die in ihrer Heimat durch Krieg oder Verfolgung bedroht sind – wird durch Verachtung und Geringschätzung ersetzt (Bilewicz & Soral, 2020). Online-Medien sind längst selbstverständlicher Bestandteil unserer Lebenswelt geworden – wir sollten also mitentscheiden, wie demokratisch es dort zugeht.

 

Danksagung

Die Arbeiten zu diesem Artikel fanden teilweise im Rahmen einer Lehrveranstaltung statt, weshalb wir uns bei Dr. Silvana Weber für ihre freundliche Unterstützung bei der Optimierung des Schreibprozesses bedanken möchten.

Bildquellen

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Literaturverzeichnis

Bilewicz, M., & Soral, W. (2020). Hate speech epidemic. The dynamic effects of derogatory language on intergroup relations and political radicalization. Advances in Political Psychology, 41(S1), 3–33. https://doi.org/10.1111/pops.12670

Braddock, K. (2019). Vaccinating against hate: Using attitudinal inoculation to confer resistance to persuasion by extremist propaganda. Terrorism and Political Violence. Advance online publication. https://doi.org/10.1080/09546553.2019.1693370

Davey, J., & Ebner, J. (2017). The Fringe Insurgency. Connectivity, Convergence and Mainstreaming of the Extreme Right. Institute for Strategic Dialogue. https://www.isdglobal.org/wp-content/uploads/2017/10/The-Fringe-Insurgen...

Dugas, M., Bélanger, J. J., Moyano, M., Schumpe, B. M., Kruglanski, A. W., Gelfand, M. J., Touchton-Leonard, K., & Nociti, N. (2016). The quest for significance motivates self-sacrifice. Motivation Science, 2(1), 15–32. https://doi.org/10.1037/mot0000030

Festinger, L. (1954). A Theory of Social Comparison Processes. Human Relations, 7(2), 117–140. https://doi.org/10.1177/001872675400700202

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