Vor- oder Nachteil? Wenn gutes Aussehen zu Vorurteilen führt

Solche Urteilsverzerrungen können in bestimmten Situationen negative Auswirkungen haben. Beispielsweise wäre es bei beruflichen Auswahlprozessen für die suchenden Unternehmen und Institutionen wichtig, die tatsächlich geeignetste Person zu finden – unabhängig von deren Aussehen. Zudem kann eine positivere (bzw. negativere) Behandlung einer attraktiveren Person im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung dazu führen, dass sich die betroffene Person tatsächlich eher vorteilhaft (bzw. negativ) entwickelt. Dies wurde beispielsweise in einem Experiment von Snyder, Tanke und Berscheid (1977) eindrucksvoll demonstriert. Hierbei führten einander unbekannte männliche Versuchsteilnehmer ein zehnminütiges telefonisches Gespräch mit einer Frau, deren vermeintliches Foto ihnen vorlag. War die Telefonpartnerin angeblich attraktiv, hatten die Männer einen deutlich positiveren Eindruck von ihr. Sie nahmen sie zum Beispiel als ausgeglichener, humorvoller und sympathischer wahr, als wenn ihnen ein Foto von einer weniger attraktiven Frau vorgelegt worden war, die im Vergleich weniger positiv eingeschätzt wurde. Unabhängige Beurteiler, denen kein Bild der Frau gezeigt wurde und die ihre Einschätzungen nur auf Grundlage der Tonbandaufnahmen vornahmen, stimmten mit den Urteilen der männlichen Versuchsteilnehmer überein. Mit anderen Worten: Auch den Beurteilern, die kein Bild von den Frauen gesehen, sondern nur das Gespräch gehört hatten, waren die attraktiven Frauen vom Wesen her sympathischer. Die Erwartungen der durch das Foto beeinflussten Männer schienen also im Falle einer scheinbar attraktiven Gesprächspartnerin zu einer freundlicheren Gesprächsführung der Männer zu führen, worauf die Frauen wiederum entsprechend positiver reagierten und somit tatsächlich sympathischer und aufgeschlossener wirkten.

Angesichts solcher Vorteile ist es nicht erstaunlich, dass Attraktivität – wenn auch je nach Alter, Geschlecht und Person in unterschiedlichem Umfang – teilweise zum subjektiven Wohlbefinden bzw. zur Lebenszufriedenheit von Menschen beiträgt. Jedoch können die vielen Vorteile, die attraktiven Menschen zuteilwerden, bei anderen Personen ein Gefühl der Benachteiligung und daraus folgend Neid und Ärger hervorrufen. Abwertung, Vermeidung oder sozialer Ausschluss können die Folge sein. Außerdem können gegenüber Personen mit einem guten Aussehen auch negative Vorurteile auftreten, insbesondere gegenüber hochattraktiven Personen (d. h. Menschen, die äußerst gutaussehend sind und sich hierin deutlich vom Durchschnitt der Bevölkerung abheben). Beispielsweise werden sie oft als oberflächlicher, materialistischer, eingebildeter, snobistischer, egoistischer, untreuer, weniger einfühlsam und sogar als weniger gute Eltern eingeschätzt (z. B. Dermer & Thiel, 1975). Das gilt besonders, wenn die Beurteilenden selbst eher unattraktiv sind oder einen niedrigen Selbstwert haben. Durch eine solche Abwertung sehr attraktiver Menschen erscheinen diese weniger überlegen. Ebenso wird vor allem schönen Frauen hinsichtlich ihrer beruflichen Kompetenz, Intelligenz und Leistung zum Teil weniger zugetraut (z. B. Farley, Chia & Allred, 1998). Dies trifft bei Frauen insbesondere im Fall von statushohen Berufen zu, beispielsweise im Management. Dieser so genannte „beauty-is-beastly“-Effekt (Heilman & Saruwatari, 1979) besagt, dass Attraktivität Frauen insbesondere im Hinblick auf Führungspositionen schaden kann. In weiterführenden Untersuchungen fand die Forscherin Madeline Heilman, dass sehr gut aussehenden Frauen in höherem Ausmaß vermeintlich „typisch weibliche“ (d. h. gemeinschaftsorientierte) Eigenschaften zugeschrieben werden, während Führungspositionen eher mit „typisch männlichen“ Eigenschaften (z. B. Durchsetzungsvermögen) in Verbindung gebracht werden, so dass eine attraktive Frau als zu wenig passend für den leitenden Job wahrgenommen wird.

Bild 3: "Der Sonderfall zu hoher Attraktivität: Mögliche Nachteile eines sehr guten Aussehens („Hyperattraktivitätsmalus“)".Bild 3: "Der Sonderfall zu hoher Attraktivität: Mögliche Nachteile eines sehr guten Aussehens („Hyperattraktivitätsmalus“)".

Auch jenseits des Berufslebens kann es passieren, dass attraktive Menschen abgelehnt und abgewertet werden. Beispielsweise beurteilen (heterosexuelle) Personen, die sich bereits in einer festen Beziehung befinden und ein hohes partnerschaftliches „Commitment“ haben (also ein hohes Ausmaß an Verbundenheitsgefühl hinsichtlich ihrer bestehenden Partnerschaft mit dem Wunsch, diese aufrechtzuerhalten), attraktive Personen des jeweils anderen Geschlechts negativer (Lydon, Meana, Sepinwall, Richards & Mayman, 1999) und beachten sie weniger (Maner, Rouby & Gonzaga, 2008). Eine mögliche Erklärung hierfür wäre, dass es ihnen so leichter fällt, nicht über eine eventuelle Alternative zu ihrer bestehenden Partnerschaft nachzudenken.

Da Menschen zudem häufig Angst vor Zurückweisungen haben, kann es vorkommen, dass hochattraktive Personen seltener mit der Bitte um eine Verabredung angesprochen werden (Walster et al., 1966), obwohl meistens insgeheim Interesse an einer Partnerschaft mit ihnen bestehen würde. Beispielsweise erzählte der bekannte und auf den ersten Blick eher aufgeschlossen-selbstbewusst wirkende Fernsehmoderator Thomas Gottschalk unlängst in einem Interview, dass er früher beim Tanzkurs – aus Sorge, von dem eigentlich interessanten hübschen Mädchen einen Korb zu bekommen – lieber das eher durchschnittlich aussehende Mädchen um den Tanz gebeten hätte. Dieses Phänomen, dass Männer bei sehr attraktiven und damit unerreichbar erscheinenden Frauen Bedenken haben, die Ansprüche der Frau wahrscheinlich ohnehin nicht erfüllen zu können (vor allem, wenn diese zum Beispiel zusätzlich noch selbst erfolgreich, gebildet und/oder statushoch ist), führt dazu, dass sie es oftmals gar nicht erst versuchen, solch eine besonders schöne Frau für sich zu gewinnen. Ein (zu) gutes Aussehen kann daher manchmal statt der vermuteten Beliebtheit letztendlich eventuell sogar eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Einsamkeit mit sich bringen.

Auch wenn es um Freundschaften mit Personen des gleichen Geschlechts geht, bevorzugen Menschen es zwar meist, ihre Zeit mit leicht überdurchschnittlich attraktiven Personen zu verbringen, allerdings wird der Kontakt mit hochattraktiven Personen eher gemieden (Krebs & Adinolfi, 1975), vor allem dann, wenn Menschen die Attraktivität des Anderen als überlegen und damit als möglicherweise bedrohlich für die eigene Partnerschaft (z. B. Maner, Gailliot, Rouby, & Miller, 2007) oder für den eigenen Selbstwert (z. B. Agthe, Spörrle & Maner, 2011) empfinden.

Dies ist – wie bekannt aus dem Märchen „Schneewittchen“– insbesondere bei innergeschlechtlicher Konkurrenz unter Frauen der Fall, da sie (im Durchschnitt mehr als Männer) hinsichtlich ihrer Attraktivität konkurrieren, während sich Männer eher in Bereichen wie Statushöhe und körperlicher Kraft messen (Dijkstra & Buunk, 1998). Diese Unterschiede entwickelten sich im Laufe der Evolutionsgeschichte, gerade auch im Zusammenhang damit, dass Attraktivität teilweise auf Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit hinweisen kann (z. B. Buss, 1989).

Dementsprechend finden sich ab dem Jugendalter (d. h. sobald soziale Motive wie Partnersuche und innergeschlechtliche Rivalität bedeutsam werden) gegenüber attraktiven Menschen positive Vorurteile und vorteilhafte Reaktionen vor allem dann, wenn sie von Personen des anderen Geschlechts beurteilt werden (falls sie – teilweise auch unbewusst – für den Beurteilenden in die Kategorie eines potentiellen Partners bzw. einer potentiellen Partnerin fallen). Dagegen rufen hochattraktive Personen beim gleichen Geschlecht eher negative Vorurteile und nachteilige Reaktionen hervor (falls sie – teilweise auch unbewusst – für den Beurteilenden in die Kategorie eines potentiellen Rivalen bzw. einer potentiellen Rivalin fallen) (Agthe, Spörrle, Frey, Walper & Maner, 2013). Da es für Jugendliche oft besonders wichtig erscheint, attraktiv auf Andere zu wirken und sie sich hinsichtlich ihres Aussehens dementsprechend häufig mit Anderen vergleichen, reagieren sie oft eifersüchtig auf attraktive Gleichaltrige. Beispielsweise treten negative Reaktionen auf schöne Mitschülerinnen vor allem dann auf, wenn diese als unerwünschte Rivalinnen wahrgenommen werden und keinen schützenden Freundeskreis haben (Leenaars, Dane & Marini, 2008). Die Attraktivitätsforscherin Nancy Etcoff drückt dies in ihrem Buch mit dem Titel „Nur die Schönsten überleben“ bildlich so aus, dass im Grunde „keine Frau möchte, dass ihr eigenes Licht durch einen neben ihr strahlenden Leuchtturm getrübt wird“.

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